Ein Jesuit mit zwei Gesichtern

Schon 2005 galt Jorge Bergoglio als aussichtsreicher Bewerber um die Nachfolge des verstorbenen Johannes Paul II. Nach übereinstimmenden Berichten soll der argentinische Kardinal im Konklave 40 der nötigen 77 Stimmen erhalten haben.

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Kommt jetzt seine grosse Stunde? Der argentinische Kardinal Jorge Bergoglio unterlag bei der Papstwahl 2005 Joseph Ratzinger. (Bild: ap/Natacha Pisarenko)

Kommt jetzt seine grosse Stunde? Der argentinische Kardinal Jorge Bergoglio unterlag bei der Papstwahl 2005 Joseph Ratzinger. (Bild: ap/Natacha Pisarenko)

Schon 2005 galt Jorge Bergoglio als aussichtsreicher Bewerber um die Nachfolge des verstorbenen Johannes Paul II. Nach übereinstimmenden Berichten soll der argentinische Kardinal im Konklave 40 der nötigen 77 Stimmen erhalten haben. Nach der Rücktrittserklärung von Papst Benedikt XVI. ist er wieder im Rennen. Sein Interesse am Heiligen Stuhl hat er selbst jedenfalls mehrmals durchblicken lassen. Er wäre der erste lateinamerikanische Papst.

Kritik der Präsidentin

Der Jesuit Bergoglio hat zwei Gesichter. Zum einen ist er für seine konservativen Positionen bekannt. Eine Legalisierung der Abtreibung nannte er «bedauerlich». Und als der argentinische Kongress die Anerkennung der gleichgeschlechtlichen Ehe debattierte, sprach der Kardinal von einer «Initiative des Teufels».

Staatspräsidentin Cristina Kirchner warf ihm daraufhin ein Denken «aus Zeiten des Mittelalters und der Inquisition» vor. Auch Bergoglios Rolle während der Militärdiktatur von 1976 bis 1983 ist bis heute strittig; damals führte er zeitweise den argentinischen Jesuitenorden. Gegner werfen ihm vor, regimekritische Priester den Schergen des Regimes ausgeliefert zu haben. Er selbst beharrt darauf, einige von ihnen persönlich gerettet zu haben. Es gibt jedoch auch die andere Seite des Kardinals. Wer sie kennenlernen will, muss nach unten schauen. Und zwar dorthin, wo in Argentinien auch nach zehn Jahren Wirtschaftsboom noch immer Hunderttausende Menschen davon leben, nachts den Müll auf den Strassen der Grossstädte nach Verwertbarem zu durchsuchen, oder sich unter misslichen Arbeitsbedingungen in versteckten Textilmanufakturen verdingen müssen. Bei sozialen Organisationen, die sich um das Elend dieser Menschen kümmern, ist der Erzbischof von Buenos Aires jedenfalls hoch geachtet.

Sohn italienischer Einwanderer

Der heute 76jährige Sohn italienischer Einwanderer erhielt seine Priesterweihe Ende 1969. Später leitete er die Jesuitenbruderschaft des Landes und wurde später Rektor der Theologischen Fakultät der Universität San Miguel. Nach einem Aufenthalt in Deutschland wurde er 1992 zunächst Weihbischof in Buenos Aires und 1998 Erzbischof. Papst Johannes Paul II. nahm ihn 2001 ins Kardinalskollegium auf.

Dem Kardinal kommt zugute, dass er Reformer und Traditionalisten gleichermassen vertritt. Bergoglio ist weit davon entfernt, ein Anhänger der lateinamerikanischen Befreiungstheologie zu sein. Aber sein soziales Engagement – oft unterhalb der Wahrnehmungsschwelle der Medien – bringt ihm Anhänger, wo sie von einem konservativen Bischof nicht vermutet würden.

So unterstützt Bergoglio soziale Organisationen, die sich politisch weit links der Regierung Kirchner engagieren – etwa die «Bewegung der ausgeschlossenen Arbeiter», die Müllsammler in Genossenschaften vereint, oder die Stiftung La Alameda, die um die Rechte von Textil- und Landarbeitern kämpft. «Wir haben es mit mächtigen Gegnern zu tun, daher brauchen wir Unterstützung und Hilfe», sagt La-Alameda-Präsident Gustavo Vera. «Und uns scheint, dass die Kirche und Bergoglio sich um diese Themen schon seit langem kümmern.» Einen Papst mit solchen Vermittlerqualitäten würde der katholischen Kirche wohl nicht schaden.

Stefan Biskamp