Ein gespaltenes Volk ohne Führer

Heute vor zehn Jahren starb der Palästinenserführer Yassir Arafat. Im Gaza-Streifen hat die dort herrschende Hamas Feierlichkeiten zu seinem Gedenken abgesagt – Ausdruck auch der tiefen Spaltung der Palästinenser.

Susanne Knaul
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JERUSALEM. Die für heute im Gaza-Streifen geplanten Veranstaltungen zum zehnten Todestag von Yassir Arafat fallen aus. Die Hamas strich aus «Sicherheitsgründen» die Feierlichkeiten zum Gedenken an den legendären Palästinenserführer und Chef der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), nachdem es am Wochenende zu mehreren Anschlägen auf führende Fatah-Funktionäre im Gaza-Streifen gekommen war. Verletzt wurde dabei niemand. Den Vorwurf, die Hamas stünde hinter den Sprengstoffanschlägen, wiesen die Islamisten von sich. Es habe sich dabei vielmehr um einen «kriminellen Akt» gehandelt. Doch zehn Jahre nach dem Tod ihres streitbaren Führers sind die Palästinenser zerstritten, gedemütigt und ohne Hoffnung.

«Spaltung niemals zugelassen»

Könnte Arafat heute einen Blick auf sein Volk tun, würde er höchstens darüber Befriedigung empfinden, dass auch seine Widersacher am Ziel eines eigenen Staates scheiterten. Der amtierende Palästinenserpräsident Mahmud Abbas war kein allzu enger Freund und die islamistische Hamas war es noch viel weniger. Die Tatsache, dass Tote keine Fehler mehr machen können, kommt Arafat zugute, wenn es um die Illusion geht, dass mit ihm heute alles anders wäre.

«Er verkörperte den nationalen Kampf der Palästinenser und wusste sie zu verteidigen», sagt Samir Awad, Professor für internationale Beziehungen an der Universität Bir-Zeit. «Die Spaltung» zwischen Hamas und Fatah, zwischen dem Gaza-Streifen und dem Westjordanland, «hätte Arafat niemals zugelassen». Dass die nationale Einheit, über die sich die zwei zerstrittenen Fraktionen im Frühjahr grundsätzlich einigten, nicht verwirklicht wird, schreibt der Politologe «Interessen der Al-Kassam-Brigaden» zu, der kämpfenden Truppen der Hamas.

Laut jüngsten Umfragen müsste die Hamas die Einheit und die vereinbarten allgemeinen Wahlen innerhalb von sechs Monaten gar nicht fürchten. Wie das Palästinensische Zentrum für Politik und Meinungsforschung in Ramallah feststellte, käme Abbas heute weit abgeschlagen auf nur 38 Prozent der Stimmen, während der Gegenkandidat von der Hamas, Ismail Haniyeh, ehemals Regierungschef im Gaza-Streifen, 55 Prozent erzielen würde. Immer mehr Palästinenser setzen auf den militanten Widerstand – 44 Prozent der Befragten in der jüngsten Umfrage gegenüber nur noch 29 Prozent, die mit Verhandlungen die Befreiung von der Besatzung zu erreichen hoffen.

Spirale der Gewalt wie eh und je

In Jerusalem, wo die Gewalt eskalierte und wo sich wie zu Beginn der Ersten Intifada palästinensische Jugendliche und Soldaten Strassenschlachten liefern, versuchen die beiden Fraktionen zu punkten. Auch daran hat sich seit Arafats Zeiten nichts geändert. Abbas beeilte sich mit Beileidsbekundungen bei den Eltern des palästinensischen Attentäters, der den ultranationalen jüdischen Tempelberg-Aktivisten Jehuda Glick vorletzte Woche mit Schüssen schwer verletzte und später von der Polizei erschossen wurde. Die palästinensische Führung, die offiziell von der Gewalt Abstand nimmt, tut derzeit nicht allzu viel, um ihr in Jerusalem und andernorts Einhalt zu gebieten.

Palästinenser haben gestern binnen weniger Stunden zwei Messerangriffe auf Israeli verübt. Eine junge Frau starb, als ein Mann im südlichen Westjordanland auf Wartende an einer Haltestelle einstach. Zuvor hatte ein Soldat lebensgefährliche Verletzungen erlitten, als ein Palästinenser ihn an einer Bahnstation in Tel Aviv angriff. Israels Regierungschef Benjamin Netanyahu droht derweil mit drastischen Massnahmen auch gegen die, die mit Steinen und Feuerwerkskörpern protestieren. Er will prüfen lassen, ob «all jenen, die zur Zerstörung des Staates Israel aufrufen, die Staatsbürgerschaft aberkannt werden kann».

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