COVID-IMPFSTOFF

Dieses Einwanderer-Paar könnte Corona endgültig besiegen: Schwerreich sind die beiden jetzt schon

Die deutschen Entwickler des vermutlich weltweit ersten Corona-Impfstoffes sind Kinder türkischer Einwanderer. Sogar am Tag ihrer Hochzeit standen sie noch im Forschungslabor.

Christoph Reichmuth
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Biontech-Chef Ugur Sahin spricht von einem "Meilenstein" im Kampf gegen das Virus.

Biontech-Chef Ugur Sahin spricht von einem "Meilenstein" im Kampf gegen das Virus.

Keystone

Die Adresse, an der sich die Mainzer Pharmafirma Biontech befindet, könnte keinen besseren Namen tragen: „An der Goldgrube 12“. Biontech könnte wirklich eine Goldgrube werden. Der Börsenkurs des 2008 gegründeten Biotech-Unternehmens ist am Montag kurzzeitig um 20 Prozent nach oben geschnellt, nachdem die Mainzer bekannt gegeben hatten, dass ihr Corona-Impfstoff einen Schutz von möglicherweise mehr als 90 Prozent gegen Covid-19 bietet. Die Meldung machte trotz aller offenen Fragen weltweit Schlagzeilen und sorgte in Fachkreisen für Begeisterung.

Aussergewöhnlich machen die Geschichte nicht zuletzt die beiden Biontech-Gründer und Forscher, die den ersehnten Impfstoff in den letzten zehn Monaten in ihrem Mainzer Labor entwickelt haben: das Ehepaar Ugur Sahin und Özlem Türeci, beides renommierte deutsche Ärzte, deren Eltern einst aus der Türkei nach Deutschland eingewandert waren. Der 55-jährige Biontech-Chef Sahin ist im Alter von vier Jahren mit seiner Mutter aus der Türkei zu seinem Vater nach Köln gekommen und studierte an der Universität Köln Medizin. Der Immunologe und Krebsforscher promovierte mit einer Arbeit zur Immuntherapie bei Tumorzellen.

Mit 2,4 Milliarden Euro Vermögen gehören sie zu den reichsten Deutschen

Özlem Türeci wurde in Niedersachsen als Tochter eines aus Istanbul stammenden Arztes bereits in eine Akademiker-Familie hineingeboren. Die 53-Jährige leitet heute die Abteilung für Klinische Entwicklung bei Biontech. Die beiden zählen mit einem geschätzten Vermögen von 2,4 Milliarden Euro zu den 100 reichsten Deutschen.

Die Bewunderung für die beiden der breiten Öffentlichkeit bislang kaum bekannten Forscher ist in Deutschland bereits jetzt gross. Sollten Biontech und der an der Entwicklung des RNA-Impfstoffes beteiligte US-Pharmariese Pfizer mit ihrem Präparat dazu beitragen, dass sich die Gesellschaft schon bald aus den Fesseln der Pandemie wird befreien können, schaffte es das Forscherpaar mit türkischen Wurzeln zu weltweiter Anerkennung.

Die beiden Forscher wecken bereits jetzt bei vielen der etwa drei Millionen Deutschtürken viel Stolz. Deutschtürken gelten laut einer Studie des Berlin-Instituts als die am schlechtesten integrierte Zuwanderer-Gruppe. 70 Prozent der in Berlin lebenden Deutschtürken erreichten bestenfalls einen Hauptschulabschluss. Die oftmals marginale Bildung hat zur Folge, dass viele Deutschtürken schlecht bezahlte Jobs ausüben oder gar in die Arbeitslosigkeit geraten. Die Geschichte des Aufstieges zweier Kinder türkischer Einwanderer an die Weltspitze der medizinischen Forschung dient manchen womöglich als Ansporn für den eigenen Lebensweg.

"An der Goldgrube 12" - der Biontech-Firmensitz in Mainz.

"An der Goldgrube 12" - der Biontech-Firmensitz in Mainz.

Wikipedia

Das Ärztepaar, das sich am Klinikum Homburg an der Saar kennengelernt und nach Angaben von Özlem Türeci selbst am Morgen ihres Hochzeitstages noch in ihrem Labor gearbeitet hatte, baute an der Uniklinik Mainz ein Forschungslabor auf, um an der Entwicklung eines Krebs-Impfstoffes zu arbeiten. Dieser Impfstoff auf Basis des Botenstoffes Ribonukleinsäure (mRNA) soll eine Reaktion des Immunsystems auslösen, um die Tumorzellen im Körper zu bekämpfen. Die Vision des Forscherpaares: Die Therapie für jeden Krebspatienten zu individualisieren. 2001 gründeten die beiden die Firma Ganymed zur Entwicklung von Antikörper-Therapien gegen Krebs. Die Firma wurde laut Medienberichten 2016 für 1,28 Milliarden Euro vom japanischen Pharmakonzern Astellas übernommen.

200 Millionen Impfdosen hat Europa bestellt: Nur die Schweiz hat bislang keinen Deal mit dem Hersteller

Mit der gleichen mRNA-Methode entwickelten Sahin und Türeci seit Januar den Impfstoff gegen das Corona-Virus. Der mRNA-Impfstoff enthält genetische Informationen des Erregers, aus denen der Körper ein Viruseiweiss herstellt - im Falle von Corona das Oberflächenprotein, mit dessen Hilfe das Virus in die Zellen eindringt. Mit der Impfung soll der Körper zur Bildung von Antikörpern gegen das Protein angeregt werden. Sahin bezeichnete die Zwischenergebnisse für den Impfstoff, der die Bezeichnung BNT162b2 trägt, als „Meilenstein“ auf dem Weg zur einer „Rückkehr zur Normalität“.

Noch in diesem Jahr soll der Impfstoff zuerst in den USA, danach auch in der EU zugelassen werden. Die EU-Kommission hat mit Biontech und Pfizer bereits einen Vertrag unterzeichnet. Für Europa sollen demnach vorerst 200 Millionen Impfdosen bestellt werden, mit der Option auf weitere 100 Millionen. Die Schweiz hat mit Biontech bislang keinen Vertrag abgeschlossen.

Trotz des ungewöhnlich hohen Tempos bei der Entwicklung des Impfstoffes - normalerweise werden Impfpräparate nach acht bis zehn Jahren zugelassen - betont Ugur Sahin, dass der Impfstoff sicher und verträglich sein wird.

«Wir wollen bei der Entwicklung des Impfstoffes keine Abkürzung gehen. Der einzig richtige Weg ist es, den Entwicklungs-Standards der Zulassungsbehörde zu folgen.»

Das sagt Sahin, der in den Jahren 2000 und 2001 am Universitätsspital in Zürich gearbeitet hatte, in einem Interview mit der FAZ. Es brauche eindeutige Verträglichkeits- und Wirksamkeitsdaten. „Wir werden keinen Zulassungsantrag stellen, bei dem diese Daten nicht vorliegen.“