Ein falsches Zeugnis, ein Bankenskandal, ein Rücktritt

WARSCHAU. Die Lehrer des Gymnasiums Stefan-Cel-Mare können sich mit bestem Willen nicht an einen Schüler namens Chiril Gaburici erinnern. Genau dort will der moldawische Premier indes seine Matura bestanden haben.

Paul Flückiger
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WARSCHAU. Die Lehrer des Gymnasiums Stefan-Cel-Mare können sich mit bestem Willen nicht an einen Schüler namens Chiril Gaburici erinnern. Genau dort will der moldawische Premier indes seine Matura bestanden haben. Stempel und Unterschriften seien gefälscht, lautet der Vorwurf an den Jungstar der moldawischen Politik. Gestern zog Gaburici die Konsequenzen und reichte nach nur vier Monaten im Amt seinen Rücktritt ein.

Der Skandal hinter dem Skandal

Der erst 38jährige Geschäftsmann Gaburici stand seit Februar einer prowestlichen Minderheitsregierung aus Liberaldemokraten und Demokraten vor, die auf die Unterstützung der KP angewiesen ist. Diese hatte auf den politisch unbedarften Topmanager eines moldawischen Mobilfunkanbieters anstelle eines politischen Schwergewichts bestanden.

Anscheinend hofften aber alle Koalitionsparteien, Gaburici werde sich an ihre Vorgaben halten. Der junge Premier indes spielte eine immer aktivere Rolle bei der Aufdeckung eines Bankenskandals, in den Politiker aus fast allen Parteien involviert sind. Es ist also nicht nur sein falsches Maturazeugnis, das den Regierungschef des zwischen dem EU-Mitglied Rumänien und der Ukraine gelegenen Moldawiens sein Amt gekostet hat.

Im Frühling war bekanntgeworden, dass wenige Tage vor den Parlamentswahlen vom Dezember 2014 aus drei grossen Geschäftsbanken umgerechnet fast eine Milliarde Euro – etwa ein Zehntel des moldawischen Bruttoinlandprodukts – abgezweigt worden waren. Um einen Zusammenbruch des Bankensektors zu verhindern, pumpte die Nationalbank rund 850 Millionen Euro in die drei Geldinstitute. Viele Kleinsparer verloren aber zumindest zeitweise Zugang zu ihren Konten.

Profitiert Russland?

Viele Moldawier sind deshalb inzwischen überzeugt, dass die prowestliche Regierung das Land genauso ausraubt wie zuvor die Kommunisten. Dies könnte vor allem Russland in die Hände spielen. Dem Kreml ist nicht nur der EU-Kurs der früheren Sowjetrepublik ein Dorn im Auge, er unterstützt auch das Separatistengebiet Transnistrien an der Grenze zur Ukraine. In Moldawien finden morgen Lokalwahlen statt, in denen nun die prorussischen Sozialisten als Favoriten gelten.