«Ein Esel und ein Langohr»

In der Stichwahl um das brasilianische Präsidentenamt am Sonntag zeichnet sich zwischen Amtsinhaberin Dilma Rousseff und Herausforderer Aecio Neves ein Kopf-an-Kopf-Rennen ab.

Sandra Weiss
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Dilma Rousseff und Aecio Neves nach einer öffentlichen Debatte in São Paulo. (Bild: ap/Andre Penner)

Dilma Rousseff und Aecio Neves nach einer öffentlichen Debatte in São Paulo. (Bild: ap/Andre Penner)

BRASILIA. So eng war es schon lange nicht mehr in einer Präsidentschaftswahl in Brasilien: Laut Umfragen werden sich der Sozialdemokrat (PSDB) Aecio Neves und Amtsinhaberin Dilma Rousseff von der Arbeiterpartei (PT) ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern. Entsprechend hart wurde der Wahlkampf geführt. Neves führte die stagnierende Wirtschaft ins Feld, die anziehende Inflation und den Korruptionsskandal im staatlichen Erdölunternehmen Petrobras. Kein gutes Haar liess er auch an der Kuba-freundlichen, linken Aussenpolitik. Er werde Brasilien in den Welthandel integrieren und ineffiziente, ideologische Bündnisse wie den Gemeinsamen Südamerikanischen Markt (Mercosur) auflösen, versprach der Ex-Gouverneur. Rousseff warf diesem vor, er wolle die sozialen Errungenschaften der PT-Regierungen rückgängig machen und fürs Finanzkapital regieren, was zu mehr Armut und Arbeitslosigkeit führe. Die Wähler quittieren das Spektakel eher mit ironischen Sprüchen wie «ein Esel schimpft den anderen Langohr».

Jungwähler wollen den Wandel

Gerät nach zwölf Jahren der Zyklus der PT an sein Ende? Zumindest das konsumorientierte, protektionistische und auf dem Export von Rohstoffen und Transferleistungen an Arme basierende Wirtschaftsmodell scheint an seine Grenzen zu kommen. Dies schürt die Hoffnung der bürgerlichen Opposition auf einen Machtwechsel. Dieses Jahr wird die Wirtschaft weniger als ein Prozent wachsen. Oder hat die PT vielmehr die Wähler verprellt, indem sie versäumt hat, strukturelle Reformen im Gesundheits- und Bildungswesen anzugehen und die korrupten, klientelistischen Strukturen der Politik zu demontieren? Um die Antwort darauf zu finden, hat die Crédit Suisse die Wählerpräferenzen genauer untersucht. Danach bevorzugen die jungen Wähler und die Evangelikalen Neves, während die älteren, die ärmeren und die Katholiken zu Rousseff neigen. Je reicher, desto grösser die Affinität zu Neves. Interessant ist das Verhalten der Jungwähler, bei denen sich der Wunsch nach einem Wandel bemerkbar macht.

Mächtige Grosskonzerne

Doch der ist nicht in Sicht. Die Kandidaten eint ein marktkonformer Grundkonsens, gemischt mit einem traditionellen Weltmachtanspruch. Die Differenzen liegen in Nuancen, die die meisten Wähler eher kalt lassen: Während Rousseff ein Infrastrukturprogramm mit Krediten der Staatsbanken finanzieren möchte, setzt Neves mehr auf private Investitionen. Gestritten wird über die Idealhöhe der Inflationsrate. Dass sich nach der Wahl nicht viel ändern wird, liegt auch an den Mehrheitsverhältnissen: Beide Parteien wären auf Allianzen mit den konservativen Kräften angewiesen, die 60 Prozent des Kongresses kontrollieren. «In Brasilien ist der Kongress mächtiger als die Exekutive», sagt der Politologe Thiago de Aragao. Daher steht weder die Allianz mit den Soja- und Zuckerbaronen zur Disposition, die verantwortlich ist für die Abholzung des Regenwalds, noch das klientelistische Parteiensystem. Unwahrscheinlich ist auch, dass sich am Protektionismus etwas ändert, der auf Kosten der Verbraucher einen abgeschotteten Markt geschaffen hat, in dem einheimische Kartelle schlechte Qualität zu hohen Preisen verschachert. Die Grosskonzerne gehören zu den wichtigsten Geldgebern beider Kandidaten – und sind damit sowohl unter der PT als auch unter der PSDB in den 90er-Jahren gut gefahren.

Viele Menschen haben genug

Doch dies stösst vielen Brasilianern auf, weshalb Hunderttausende im Juni 2013 auf die Strasse gingen. Die Dämonen schienen im Zug des WM-Fiebers besänftigt, doch vor wenigen Wochen übergaben Bürgerorganisationen beiden Kandidaten ihre Reformagenda. Es war ein Warnsignal: Egal wer gewinnt, wir geben uns nicht mit den Rezepten der Vergangenheit zufrieden.

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