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«Ein echter Mann, ein starker Führer»

Heute wählt die Türkei Präsident und Parlament neu. Die Opposition ist so stark wie schon lange nicht mehr. Das nährt bei manchen Türken die Hoffnung auf einen Wandel. Andere wiederum sehen in Präsident Erdogan nach wie vor den alleinigen Heilsbringer.
Jürgen Gottschlich, Istanbul
«Alles für die Türkei», verspricht Präsident Erdogan auf diesem Wahlplakat im Zentrum des Istanbuler Stadtteils Üsküdar. (Bild: Bülent Kilic/AFP (14. Juni 2018))

«Alles für die Türkei», verspricht Präsident Erdogan auf diesem Wahlplakat im Zentrum des Istanbuler Stadtteils Üsküdar. (Bild: Bülent Kilic/AFP (14. Juni 2018))

Der Hauptplatz von Üsküdar wirkt wie ein Jahrmarkt der Parteien. Zelt an Zelt, Bude an Bude haben sich von der kurdisch-linken HDP bis hin zur konservativen islamischen AKP entlang des Bosporus alle Parteien positioniert und versuchen, mit ihren Lautsprechern den jeweils anderen zu überbieten. Schon am Vormittag herrscht ein irrer Lärm, es ist Wahlkampf in Istanbul.

Wer sich mit den Vertretern an den Wahlzelten verständigen will, muss fast schreien, um sich Gehör zu verschaffen. Der AKP-Stand ist ausschliesslich mit ­älteren Damen besetzt, die dem Klischee der AKP-Wählerin widersprechen. Kein Kopftuch, stattdessen eine blondierte ­Perücke und grellrot geschminkte Lippen. Eine andere Dame stellt sich als Witwe eines gefallenen Soldaten vor, ihre blondierte Kollegin als weltoffene Frau, die gerne erklärt, warum Recep Tayyip Erdogan der Retter der Türkei ist. «Erdogan», sagen beide, «ist ein echter Mann, ein starker Führer.» «Nie war die Türkei so frei und demokratisch wie heute», fügt die Blondine hinzu. Auf die Frage, ob zur Demokratie nicht auch der Wechsel gehört, räumt die Blondine ein, dass das theoretisch wohl richtig ist, praktisch aber unmöglich. «In schwierigen Zeiten wie jetzt brauchen wir den starken Führer Erdogan.» Tatsächlich schaut der starke Führer in Üsküdar, dem historischen Zentrum Istanbuls auf der asiatischen Seite des Bosporus, jedem an jeder Ecke ins Gesicht. Alle verfügbaren Flächen sind mit Grossporträts des amtierenden Präsidenten behängt, der laut jüngsten Umfragen auf rund 48 Prozent der Stimmen kommen dürfte.

Der Eifer aller Parteien, in Üsküdar um Wähler zu werben, kommt nicht von ungefähr. Üsküdar ist einer der wenigen Bezirke, in dem der Wahlausgang ungewiss ist. Zwar siegte zuletzt ein AKP-Mann im Kampf um den Bürgermeisterposten, doch beim Referendum um die Einführung von Erdogans Präsidialverfassung im April letzten Jahren sagten 53 Prozent der Wähler aus Üsküdar Nein.

Verschwörung von aussen

An Mehmet Bey und Niyazi Bey kann das nicht gelegen haben. Die beiden älteren Herren sitzen vor einem kleinen Teehaus. Mehmet Bey sieht aus, wie man sich einen Konservativen aus Üsküdar vorstellt. Ein langer weisser Bart umrahmt würdevoll das faltige Gesicht. Sein Freund Niyazi entspricht eher dem Aussehen eines modernen Türken, doch in ihren Ansichten stimmen sie vollkommen überein. «Erdogan», sagt Mehmet Bey, und sein Freund Niyazi nickt eifrig: «Erdogan ist ehrlich, gradlinig und fleissig. Er ist gläubig und er liebt sein Land.» Kritiker Erdogans halten beide im besten Fall für irregeleitete Menschen oder aber für Verräter. Einwände gegen dessen Herrschaft tun sie als Verleumdung ab, Muharrem Ince, der wichtigste Kandidat der Opposition, ist für sie ein Lügner. Dass es mit dem Land wirtschaftlich bergab gehe und die Lira immer mehr an Wert verliere, sei eine Verschwörung von aussen. «Nach der Wahl kommt das wieder in Ordnung», ist Mehmet überzeugt. Arbeitslosigkeit sei auch eine Erfindung von Ince, seit Erdogan an der Regierung ist, «wächst unsere Wirtschaft so schnell wie nirgendwo sonst auf der Welt».

Das Teehaus der beiden liegt mitten im historischen Üsküdar. Wie in alten Zeiten, als die Mekka-Pilger noch nicht mit dem Flugzeug unterwegs waren, sondern sich auf der asiatischen Seite Istanbuls in Üsküdar sammelten, um von dort in die Heilige Stadt aufzubrechen, gibt es immer noch Geschäfte, die Pilgerbedarf anbieten. Die wichtigste Moschee in ­Üsküdar wurde von Sinan, dem berühmten Baumeister von Süleyman dem Prächtigen, im 16. Jahrhundert errichtet.

Doch neben diesem traditionellen Kern gibt es noch ein ganz anderes Üsküdar, der Teil, deren Bewohner dem Präsidenten die Niederlage beim Referendum bereitet haben. Diese Üsküdarer ­leben nicht im historischen Zentrum, sondern in den Vororten, die zum Bezirk gehören, aber eine ganz andere Geschichte haben. Kuzguncuk zum Beispiel, wo bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts noch überwiegend Juden und Griechen lebten und der immer noch den Geist der Toleranz vergangener Jahre ausstrahlt.

Schon das Café, in dem Asude Kurtdemir gerne frühstückt, ist eine völlig andere Welt als das Teehaus im historischen Teil Üsküdars. Es wird von einer Gruppe Frauen betrieben. Asude ist Studentin für Politik und Internationale Beziehungen. «Das Schlimmste an Erdogan sind nicht sein Machogehabe und sein Machthunger, sondern seine Politik der Spaltung», meint sie. «Er spaltet das Land und hetzt die Leute gegeneinander auf.» Asude will zur Versöhnung in der Türkei beitragen, deshalb unterstützt sie die kurdisch-­linke HDP – obwohl sie aus einer türkischen Mittelschichtfamilie stammt.

Angst vor Gewalt

Ihre politische Einstellung ist für die 25-jährige Studentin nicht ohne Risiko. Asude erzählt, dass sie aus einem Studentenclub hinausgeworfen wurde, weil man dort keine «Terroristin» haben wollte. Doch je grösser die Anfeindungen, umso mehr ist sie von der Notwendigkeit überzeugt, gerade die HDP zu unterstützen. Sie glaubt, dass die HDP eine gute Chance hat, wieder ins Parlament zu kommen. «Es ist gut zu sehen, dass auch die anderen Oppositionsparteien uns unterstützen, obwohl die HDP nicht Teil der Oppositionsallianz ist.» Tatsächlich hat der Präsidentschaftskandidat der sozialdemokratisch-kemalistischen CHP, Muharrem Ince, den HDP-Kandidaten Selahattin Demirtas im Gefängnis besucht. Und selbst die Kandidatin der Rechtskonservativen, Meral Aksener, hat öffentlich ­gefordert, dass Demirtas für den Wahlkampf aus der U-Haft entlassen wird. «Die anderen Parteien wissen natürlich, dass sie die absolute Mehrheit der AKP nur dann brechen können, wenn auch die HDP ins Parlament kommt», sagt Asude.

Tatsächlich gibt es etliche CHP-Anhänger, die dieses Mal aus taktischen Gründen bei der Parlamentswahl für die HDP stimmen wollen und dabei auch von der CHP-Führung unterstützt werden. Im Gegenzug hofft Muharrem Ince, dass die HDP-Wähler ihn in einem möglichen zweiten Wahlgang bei der Präsidentenwahl unterstützen. Das erste Mal seit ­Erdogans AKP 2002 die Wahlen gewann, glaubt die CHP an einen Sieg. «Ince macht einen maximal guten Wahlkampf», sagt Serkan, der im Basar in ­Üsküdar T-Shirts verkauft. «Er kann die Leute mobilisieren. Und es gelingt ihm sogar, Erdogan vorzuführen und in die Defensive zu bringen.» Serkan ist überzeugt, dass Ince Erdogan schlagen kann, «wenn wir nicht um unsere Stimmen betrogen werden». Die Angst vor Wahlbetrug ist bei den Anhängern der CHP eines der dominierenden Themen. Die Partei hat über 300 000 Wahlhelfer mobilisiert, die in den Wahllokalen heute die Auszählung beobachten sollen. Ebru, die Managerin des Cafés, in dem die Studentin Asude so gerne frühstückt, erzählt, sie hatte in der letzten Nacht einen Albtraum, in dem Erdogan sich am Ende einfach zum Sieger erklärt. Dahinter steckt die Angst, dass Erdogan und seine Anhänger eine Wahlniederlage niemals akzeptieren werden. «Ich habe grosse Angst vor der Gewalt, die dann kommen kann.» Es ist diese Angst, dass ein friedlicher Wechsel in der Türkei gar nicht mehr möglich ist, die die Atmosphäre vor der Wahl prägt.

Ein Monument für die Ewigkeit

Erdogan selbst lässt keinen Zweifel dar­an, dass er für die Ewigkeit plant. Ganz so wie die grossen Sultane der Osmanen lässt er noch zu seinen Lebzeiten eine gigantische Moschee bauen, die Istanbul für immer seinen Stempel aufdrücken soll. Weil die sieben Hügel in der historischen Altstadt von Istanbul schon alle mit früheren Sultans-Moscheen besetzt sind, hat er sich die höchste Erhebung Istanbuls, den Camlica Hügel auf der asiatischen Seite der Stadt, ausgesucht. Der Bau steht kurz vor der Vollendung, sechs Minarette strecken sich bereits in den Himmel. Die Moschee ist vor allem ein Prestigeprojekt. So viele Menschen wie nötig wären, um den Bau zu füllen, leben in der Umgebung gar nicht. Aber das macht nichts. Die Hauptsache ist, die Moschee ist von jeder Stelle aus in Istanbul zu sehen.

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