Ein Aufbruch ist noch immer fern

Eine Reise durch Weissrussland führt durch ein unbekanntes Land zwischen der EU und Russland. Sein Präsident ist der «letzte Diktator Europas». Die Repression ist gross. Die Zivilgesellschaft hat sich zwar verändert, aber sie ist noch immer nicht gefestigt.

Erika Achermann
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Ältere Marktfrauen vor einem Supermarkt in Minsk bieten ihre wenige Ware an. (Bild: ap/Sergei Grits)

Ältere Marktfrauen vor einem Supermarkt in Minsk bieten ihre wenige Ware an. (Bild: ap/Sergei Grits)

MINSK. Es gibt in Europa ein Land, in dem die Boulevards der Hauptstadt die Namen Karl Marx, Lenin oder Komsomolskaja tragen. Im Zentrum steht ein Denkmal für den bolschewistischen Geheimdienstchef Felix Dserschinski, und an der Unabhängigkeitsallee geht man vorbei am wuchtigen Gebäude des noch immer tätigen KGB. Das lässt düstere Gedanken aufkommen: Ist man in der Millionenstadt Minsk in eine nur scheinbar überwundene Zeit geraten?

Dennoch freut man sich über die Sauberkeit der Strassen, die rollstuhlgängigen Trottoirs und die Korrektheit der Autofahrer. Hier fehlt Hektik wie in westeuropäischen Städten, selbst in der U-Bahn, die stark frequentiert wird, drängelt niemand. Bettler sieht man keine. Die Gebäude im Zentrum sind im prächtigsten sowjetischen Empirestil erbaut. Man fühlt sich in einer Musterstadt aus Sowjetzeiten. Allerdings mit neuen Supermärkten und prächtig renovierten orthodoxen Kirchen.

Händeklatschen verboten

Was wussten wir vor der Reise in dieses Land? Dass hier seit 20 Jahren der «letzte Diktator Europas» regiert: Alexander Lukaschenko. Nur er kommt in den Medien vor und 2010 der Bericht von Demonstrationen gegen seine Wiederwahl. Weissrussen demonstrierten, indem sie auf der Strasse in die Hände klatschten. Daraufhin verbot Lukaschenko öffentliches Händeklatschen. Wer sich nicht daran hielt, wurde zu Geld- und Haftstrafen verurteilt. Nun sehen wir, dass sich Lukaschenko eine neue Residenz nahe seiner Villa bauen lässt, denn er will noch zwanzig Jahre herrschen. Seinen kleinen Sohn hat er zum «Kronprinzen» bestimmt. Intellektuelle aber glauben – oder hoffen –, dass es in naher Zukunft eine Änderung geben werde.

Wie ist es dazu gekommen, dass dieses europäische Land so anders ist? Zum Verständnis hilft die Geschichte und die Geopolitik weiter: Weissrussland liegt zwischen Polen (heute EU-Aussengrenze) und Russland. Also auf dem Weg nach Moskau. Deshalb haben es immer wieder Armeen durchquert und zerstört. Napoleon im November 1812. Die Grande Armée erlebte an der Beresina ein Fiasko und mit ihr Tausende Soldaten, auch Schweizer Söldner. Wir sind an die Beresina bei Borisov und Studjanka gereist, eine leichte Anhöhe, von der man das einstige Schlachtgelände überblicken kann. Das Flüsschen ist erstaunlich schmal, liegt aber in sumpfigem Land. Ein paar Schweizer «Schlachtenbummler» diskutieren Taktik und Strategien Napoleons und der Russen angesichts des weitläufigen Geländes.

Hier wurde Marc Chagall geboren

Der Ort wirkt heute idyllisch. Während einer dreistündigen Flussfahrt sieht man unberührte Natur, einzelne kleine Dörfer mit Holzhäusern, hie und da steht ein Fischer im seichten Wasser oder Jugendliche, die am Ufer zelten. Weisse Wölkchen hängen am tiefblauen Himmel und ein Mann spielt auf seiner Handorgel leise melancholische Melodien. Die Stimmung erinnert an Bilder von Marc Chagall, der einige Kilometer von hier 1887 in Witebsk als Moische Schagalow geboren wurde und in Frankreich Asyl und Weltruhm erlangte.

Terrain für Machtkämpfe

Zurück nach Minsk und in die Geschichte kurz vor und während des Zweiten Weltkrieges: Die Minsker Bevölkerung war fast zur Hälfte jüdisch. Das muss man sich vorstellen, weil nur eine Baracke als Gedenkstätte und ein paar Grab- und Gedenksteine geblieben sind. Polnische, deutsche und österreichische Juden wurden ins Ghetto Minsk deportiert. Neben dem Ghetto hatte Minsk ein Konzentrations- und ein Kriegsgefangenenlager. Eine alte Frau, die als jüdisches Kind nach Deutschland deportiert wurde, will uns ihre Geschichte erzählen. Aber sie sagt wenig, will sich plötzlich nicht mehr erinnern. Hier scheint man das Schweigen auch heute noch dem Reden vorzuziehen.

Weissrussland war blutiger Schauplatz im Machtkampf zwischen Hitler und Stalin. Bereits 1937/38 hat Stalins Terror die Elite liquidiert. Mehrere Zehn-, wenn nicht Hunderttausende wurden Opfer des NKWD. Sie liegen nahe Minsk im Wald von Kurapaty verscharrt. Bewohner Minsks haben zwischen die Bäume zahllose mannshohe Holzkreuze gestellt. Als ob diese Katastrophen nicht genug wären, ist 1986 nahe der Südgrenze Weissrusslands das Atomkraftwerk Tschernobyl explodiert.

Bedürfnis nach Stabilität

Seit 1991 ist Weissrussland unabhängig. Das Gefühl, ein eigenes Land zu haben, kannten die Weissrussen nicht. Als Volksrepublik waren sie ein administratives Territorium des sowjetischen Imperiums. Zwischen 1991 und 1994 gab es Initiativen zu einer sogenannt kulturellen Wiedergeburt und eine national-demokratische Bewegung. Doch der Weg, den die Nachbarn Polen, Litauen und Lettland gingen, blieb hier im Chaos stecken. Lukaschenko nutzte 1994 die Gelegenheit und versprach, die alte Ordnung wieder herzustellen, was angesichts der Zustände – Preiserhöhungen, soziale Unsicherheit und dem Gefühl, dass die Welt wie ein Kartenhaus zusammenbricht – als Glücksversprechen angesehen wurde. Man hatte ja zu Sowjetzeiten wirtschaftliche Fortschritte gemacht, hatte einen sicheren Arbeitsplatz in der Traktorenfabrik oder in der Kolchose.

Das blieb bestehen. Die Arbeitslosigkeit ist niedrig. In einer Buchhandlung in Minsk arbeiten fünf Verkäuferinnen (bei uns wären es nur zwei). Wer dennoch arbeitslos ist, der muss, um staatliche Unterstützung zu bekommen, sich zum Beispiel frühmorgens einer Putzequipe anschliessen. Das ist die Lösung des Rätsels der sauberen Strassen in Minsk.

Weissrussland verstehen

Manches auf dieser Reise blieb hinter der undurchsichtigen Oberfläche verborgen. Will man mehr erfahren, liest man den Essay «Abwesenheitscode» (soeben erschienen in edition suhrkamp) des Kulturphilosophen Valentin Akudowitsch. Der 63-Jährige lebt in Minsk. Die Gesellschaft habe sich in den letzten zehn Jahren verändert, aber die Zivilgesellschaft ist noch nicht gefestigt, meint Akudowitsch. Die Menschen fühlten sich herabgewürdigt, und es regiere weiterhin die Angst infolge anhaltender Repression. Zwar hätten die Weissrussen «materiell noch nie so gut gelebt wie heute». Doch das beziehe sich nur auf ihre eigene Vergangenheit und nicht auf den Lebensstandard eines modernen Europäers.

Trotz Repressionen blieb der Widerstand einzelner, die es einfach nicht aushalten. Die Journalistin Iryna Chalip, die für die russische «Nowaja Gazeta» arbeitet, und ihr Ehemann, der Oppositionspolitiker Andrej Sannikau, gehören dazu. Er musste nach einer Gefängnisstrafe ins Exil gehen, sie erhielt Hausarrest, der Mitte Juli 2013 ebenso willkürlich aufgehoben wurde, wie sie verhaftet wurde. Lukaschenko betreibt eine Einschüchterungspolitik wie Putin in Russland. Und Weissrussland ist wirtschaftlich von Russland abhängig.

Schwierigkeit, eine Nation zu bilden

Aber auch für Weissrussland wird irgendwann ein politischer «Frühling» kommen. Die Menschen hier sind zwar geduldig. Aber die junge Generation will in einem Staat freier Bürger leben. Nur stellt sich die Frage: Was wird das für ein Staat sein? Als Folge der Unterdrückung der nationalen Geschichte und Kultur konnte sich keine Identität bilden. Wer in der Stadt lebt, spricht russisch. Die Kultur wurde russifiziert und das Weissrussische abgewertet als Sprache des Dorfes.

Die Bevölkerung Weissrusslands müsste also in Zukunft einen Staat bilden, der Sicherheit garantiert für russisch, weissrussisch, polnisch sprechende, für orthodoxe, katholische und andern Religionen angehörende Bürger. Ein Staat am Rande Europas. Es wird Geduld brauchen. Es wäre gut, Weissrussland nicht zu ignorieren. Denn sollte Lukaschenko in naher Zukunft gestürzt werden, ist nicht auszuschliessen, dass zuerst ein Machtkampf zwischen den Clans der Nomenklatur entbrennt.

Präsident Alexander Lukaschenko (Bild: ap/Nikolai Petrov, BelTA)

Präsident Alexander Lukaschenko (Bild: ap/Nikolai Petrov, BelTA)