«Dynamitstange im Pulverfass»: Die wichtigsten sechs Antworten zum US-Raketenangriff im Irak

Der Konflikt zwischen den USA und dem Iran spitzt sich zu. Am Freitag wurde bekannt, dass einer der ranghöchsten iranischen Generälen bei einem US-Raketenangriff getötet wurde. Wir beantworten die sechs wichtigsten Fragen dazu.

Helene Obrist / watson.ch
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Ghassem Soleimani wurde bei einem US-Raketenangriff getötet.

Ghassem Soleimani wurde bei einem US-Raketenangriff getötet.

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1. Was ist passiert?

Bei einem US-Raketenangriff, angeordnet von US-Präsident Donald Trump, wurde einer der ranghöchsten iranischen Generälen getötet. Ghassem Soleimanis Tod wurde am Freitag von der iranischen Revolutionsgarde bestätigt.

Ein brennendes Fahrzeug in der Nähe des Flughafens in Bagdad soll den Angriff der US-Streitkräfte zeigen.

Ein brennendes Fahrzeug in der Nähe des Flughafens in Bagdad soll den Angriff der US-Streitkräfte zeigen.

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Ebenfalls getötet wurde der stellvertretende Leiter der irakischen Volksmobilisierungskräfte, Abu Mahdi al-Muhandis, wie die Medienstelle der vom Iran unterstützten Milizen erklärte. Soleimani und Abu Mahdi al-Muhandis seien in einem Fahrzeug gefahren, als es von zwei aufeinanderfolgenden Lenkraketen getroffen wurde. Diese seien von einem amerikanischen Helikopter abgefeuert worden, als Soleimani und Abu Mahdi al-Muhandis vom Flughafen wegfuhren. So berichtete die Nachrichtenagentur Reuters. Mit der Attacke wächst die Sorge vor einem Krieg zwischen den USA und dem Iran.

2. Wer ist Soleimani?

Der iranische General Ghassem Soleimani tauchte in der Region immer dann auf, wenn es für den Iran um besonders viel ging. Sein Gesicht war vor allem in den Krisenländern Syrien und Irak bekannt, sein Ruf geradezu berühmt-berüchtigt. Der 62-Jährige, der in Kerman in Südostiran zur Welt kam, gilt schon lange als einer der mächtigsten Männer des Nahen und mittleren Ostens.

Ghassem Soleimani Ruf war legendär, er galt im Iran als absoluter Vorzeigesoldat.

Ghassem Soleimani Ruf war legendär, er galt im Iran als absoluter Vorzeigesoldat.

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Soleimani ist seit über zwanzig Jahren Kommandant der Al-Kuds-Einheiten. Sie ist sozusagen die Auslandabteilung der mächtigen iranischen Revolutionswächter. Soleimani drillte die parallel zum Militär aufgebaute Armee zur Hochform.

Laut dem britischen Internationalen Institut für Strategische Studien umfasst die Armee rund 125'000 Streitkräfte. Wie die «NZZ am Sonntag» berichtet, verfügen sie über ein eigenes Raketenprogramm, eine Luftwaffe und Bodentruppen.

Die USA erklärte die Revolutionswächter unter Soleimani bereits im April zur Terrororganisation. Doch das machte diese nur stärker: Denn Soleimani und seine Truppen wurden durch die Politik der USA nur weiter bestärkt. Sie waren stets gegen das Nuklearabkommen und eine Annäherung an den Westen.

Nebst dem Anführer der Revolutionswächter galt Soleimani auch als einer der Top-Strategen im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Irak und Syrien. Im Iran selbst genoss er innerhalb der iranischen Führung den Ruf, ein absoluter Vorzeigesoldat zu sein.

3. Wie rechtfertigen die USA den Angriff?

Die USA beschreibt die Tötung von Soleimani und al-Muhandis als «Akt der Verteidigung». Soleimani habe aktiv an Plänen gearbeitet, um amerikanische Diplomaten und Einsatzkräfte im Irak und der Region zu attackieren, hiess es zur Begründung des Angriffs.

Von US-Präsident Donald Trump, der den Angriff angeordnet haben soll, war auf Twitter ausnahmsweise wenig zu hören. Kurz vor der offiziellen Meldung des Angriff setzte er lediglich das Bild einer US-Flagge per Tweet ab – ohne Kommentar.

4. Wie reagiert der Iran?

Irans geistliches Oberhaupt Ayatollah Ali Chamenei hat Rache für den tödlichen US-Raketenangriff auf den iranischen General Ghassem Soleimani geschworen.

In einer am Freitag über den Internetdienst Twitter verbreiteten Botschaft drohte Chamenei den «Verbrechern», die für den Tod Soleimanis verantwortlich seien, mit «schwerer Vergeltung».

«Zweifellos werden der Iran und andere unabhängige Staaten dieses schreckliche Verbrechen der USA rächen.»

In einer im Fernsehen übertragenen Ansprache sagte Chamenei zudem, der Widerstand gegen die USA und Israel werde nun mit doppeltem Ansporn weitergehen.

Der iranische Präsident Hassan Ruhani droht der USA mit Vergeltung.

Der iranische Präsident Hassan Ruhani droht der USA mit Vergeltung.

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Auch Irans Präsident Hassan Ruhani hat die USA scharf verurteilt und Vergeltung angekündigt. «Zweifellos werden der Iran und andere unabhängige Staaten dieses schreckliche Verbrechen der USA rächen», schrieb Ruhani am Freitag in einem Beileidsschreiben auf seiner Webseite. Diese feige Tat zeige die Verzweiflung der amerikanischen Nahostpolitik und wie die Amerikaner ihrer Interessen wegen alle menschlichen Prinzipien ausser Acht liessen. «Diese Tat ist ein weiterer dunkler Fleck für die USA», schrieb der Präsident.

5. Was sagen Trumps Kritiker?

Trumps Schachzug wird auch im eigenen Land kritisiert. Besonders seine demokratischen Gegner stellen die Rechtmässigkeit des US-Raketenangriffs in Frage. Laut der demokratischen Vorsitzenden Nancy Pelosi sei der Angriff «ohne Absprache mit dem Kongress» erfolgt. Der Luftangriff könne zu einer weiteren «gefährlichen Eskalation der Gewalt» führen, so Pelosi zu US-Medien.

«Präsident Trump hat gerade eine Dynamitstange in ein Pulverfass gesteckt.»
Laut Nancy Pelosi fand der Angriff der USA im Irak ohne Absprache mit dem Kongress statt.

Laut Nancy Pelosi fand der Angriff der USA im Irak ohne Absprache mit dem Kongress statt.

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«Präsident Trump hat gerade eine Dynamitstange in ein Pulverfass gesteckt», erklärte Ex-Vizepräsident und Präsidentschaftsbewerber Joe Biden. «Wir könnten vor einem grossflächigen Konflikt im Nahen Osten stehen.» Präsidentschaftsbewerber Bernie Sanders warnte: «Trumps gefährliche Eskalation bringt uns einem weiteren verheerenden Krieg im Nahen Osten näher.»

6. Kommt es zu weiteren Eskalationen?

Die irakische Regierung warnte vor einer verheerenden militärischen Eskalation. Der US-Angriff werde «einen zerstörerischen Krieg im Irak auslösen», erklärte der geschäftsführende irakische Regierungschef Adel Abdel Mahdi. Er sei zudem ein «ungeheuerlicher Verstoss» gegen die Sicherheitsvereinbarung mit den USA, die die Bedingungen für die US-Präsenz im Irak regelt.

Der irakische Regierungschef Adel Abdel Mahdi kritisiert die USA für ihr Vorgehen scharf.

Der irakische Regierungschef Adel Abdel Mahdi kritisiert die USA für ihr Vorgehen scharf.

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Auch aus Syrien kam scharfe Kritik. Damaskus verurteile die «niederträchtige amerikanische Aggression» und sehe in ihr eine «schlimme Eskalation» für den Nahen Osten, berichtete die amtliche syrische Nachrichtenagentur Sana unter Berufung auf eine Quelle im Aussenministerium.

Die US-Regierung rief derweil ihre Bürger auf, den Irak umgehend zu verlassen. US-Bürger sollten mit Flugzeugen aus dem Land ausreisen, solange dies möglich sei, erklärte die Botschaft in Bagdad. Andernfalls sollten sie auf dem Landweg ausreisen.

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