Duda gewinnt die Präsidentenwahl in Polen - geht er nun auf Versöhnungskurs?

Die Präsidentenwahl ist auch für Regierungschef Jaroslaw Kaczynski gut gelaufen – er kann nun das Land ungestört weiter umbauen.

Paul Flückiger aus Pultusk
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Im Siegesrausch mit Ehefrau (l) und Tochter: Andrzej Duda lässt sich nach gewonnener Präsidentschaftswahl in Polen feiern.

Im Siegesrausch mit Ehefrau (l) und Tochter: Andrzej Duda lässt sich nach gewonnener Präsidentschaftswahl in Polen feiern.

Bild: EPA/Keystone (Pultusk, 12. Juli 2020)

Noch gibt es mehr Polenfähnchen als willige Bürger vor dem Schloss in Pultusk. In der Provinz draussen, rund 60 Kilometer nördlich von Warschau, will Andrzej Duda seinen Wahlsieg feiern. Doch die Freude wirkt eher gut orchestriert, als von Herzen. «Noch freue ich mich nur am Exitpoll-Sieg, aber das letzte Mal sind die Zahlen auch noch gewachsen», sagt Duda und die Menge klatscht. Nun werden die Fähnchen geschwenkt und die Vornamen von all denen gerufen, denen Duda für die Wahlkampfhilfe dankt. Am unbeliebtesten ist klar hörbar Jaroslaw Kaczynski, der grosse Abwesende des Abends in Pultusk.

Nur 0,8 Prozent beträgt der Vorsprung des Regierungskandidaten gemäss Nachwahlbefragung. Da will der Parteichef von «Recht und Gerechtigkeit» (PiS) lieber auf sicher gehen und sich zum Gebet im Nationalheiligtum Jasna Gora zurückziehen. Duda hingegen präsentiert sich vor seinen Anhängern in Pultusk als Familienmensch und stellt Ehefrau und Tochter in den Vordergrund, nicht Kaczynskis Partei, der er alles verdankt.

Das Publikum schreit: «Kinga, Kinga, Kinga!

Dudas ganz in weiss gekleidete Tochter Kinga wird auf der Bühne vorgeschoben, um nach der brutalen Wahlkampagne ihres Vaters gegen LGBT davon zu sprechen, wie sehr sie sich wünscht, «dass niemand in Polen Angst haben muss, auf die Strasse zu gehen, egal wen er liebt und was er denkt». Die Toleranzbotschaft, die man von PiS nie hören würde, geht der in London wohnhaften jungen Juristin leicht von den Lippen. «Kinga, Kinga, Kinga!», schreit das Publikum.

Duda sagt an dem Abend, er wolle das Land nun wieder vereinen, und nennt folgende Werte, die dies ermöglichen würden: «Unsere Familie, unsere polnische Gemeinschaft, unsere Kultur und Tradition, unsere Geschichte, Heldentum und Stolz.» Dudas Aufzählung macht das Weltbild des 48-Jährigen klar. Toleranz, Europa und Menschenrechte etwa fehlten. Eine Stunde und ein paar Bergler-Volkslieder später ist der Spuk von Pultusk vorbei. Dudas Wahlstab zieht sich nach Warschau zurück, um zitternd der gesicherten Resultate zu harren.

Knappste Stichwahl seit 1990

Erst am Montagmorgen hatte Kaczynskis PiS den Wahlsieg in der Tasche. Nach Auszählung von 99,9 Prozent der Wahlbezirke kommt Duda auf 51,2 Prozent der Stimmen. Der liberale Oppositionskandidat Rafal Trzaskowski hat mit 48,8 Prozent so knapp verloren wie niemand in einer Stichwahl seit 1990.

Eine genauere Analyse der Wahlresultate zeigt, dass Duda nur noch in 6 von 16 Wojwodschaften gewinnen konnte. Sie alle liegen im verarmten Ostpolen. Besorgniserregend ist allerdings die Altersstruktur seiner Wähler. Unter den 18- bis 29-Jährigen hat Trzaskowski 28 Prozent mehr Stimmen bekommen als Duda. Duda siegte nur bei den über 50-jährigen Polen – und nur noch im Dorf.

Ich gratuliere Andrzej Duda; aber ich hoffe, dass diese Amtsperiode wirklich anders wird

War in Trzaskowskis liberaler Bürgerkoalition (KO) noch in der Wahlnacht von einer Klage gegen das Wahlresultat wegen organisatorischen Problemen bei der Stimmabgabe im Ausland die Rede, so ist der Rückstand am Montag mit 2,4 Prozent so klar, dass auch die rund 500000 stimmberechtigten Auslandpolen an der Niederlage nichts ändern könnten. Gegen Montagmittag gratulierte Trzaskowski Duda auf Twitter. «Ich gratuliere Andrzej Duda; aber ich hoffe, dass diese Amtsperiode wirklich anders wird», giftet Trzaskowski.

Duda selbst hatte kurz vor den Wahlen angedeutet, dass er in den nächsten fünf Jahren ein anderer Präsident sein möchte. Er ist nun nicht mehr auf Kaczynski und PiS angewiesen, ein drittes Mal kann er nicht Staatspräsident werden. Allerdings deutet nichts darauf hin, dass Duda von seinem streng konservativen Kurs abweichen wird.

Auch scheinen ihm Handschläge mit Donald Trump weit mehr zu bedeuten, als ihm die EU und europäische Werte wichtig wären. Es könnte indes sein, dass Duda nicht mehr jedes PiS-Gesetz sofort unterschreibt, sondern tatsächlich versucht, dabei an alle Polen und nicht nur die PiS-Wähler zu denken.

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