«Du sollst dir kein Bildnis machen»

Gibt es ein Bilderverbot im Islam? Die Antworten auf diese Frage sind unterschiedlich. Fundamentalisten sagen Ja; gemässigte Moslems weisen darauf hin, der Koran mahne lediglich zu einer gewissen Zurückhaltung. Das Bilderverbot ist aber nicht auf den Islam beschränkt.

Regula Weik
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Gibt es ein Bilderverbot im Islam? Die Antworten auf diese Frage sind unterschiedlich. Fundamentalisten sagen Ja; gemässigte Moslems weisen darauf hin, der Koran mahne lediglich zu einer gewissen Zurückhaltung. Das Bilderverbot ist aber nicht auf den Islam beschränkt. Es reicht weit zurück, bis ins Alte Testament – «Du sollst dir kein Bildnis machen» von Gott, dem Schöpfer und Herrn, heisst es dort. Von dort sei das Verbot vermutlich in den Koran übernommen worden, sagt Franz Kreissl, Theologe und Leiter des Amtes für Pastoral und Bildung im Bistum St. Gallen.

An Gott erinnern – nicht göttlich

Weshalb ist die Darstellung Gottes derart heikel? «Gott ist nicht verfügbar, nicht greifbar und damit nicht darstellbar», sagt Kreissl. «Die Darstellung von Gott wurde immer auch als Macht über Gott verstanden.»

Frühe christliche Darstellungen zeigten keinen Gott. Die Flucht aus Ägypten, der Besuch der Magier oder das Weltgericht waren die ersten Darstellungen. Erst im 3. und 4. Jahrhundert gab es erste Kreuzigungsszenen – «aber es wurde Jesus als Mensch dargestellt, nicht Gott.» Warum darf Jesus, als Sohn Gottes und Vertreter Gottes auf Erden, dargestellt werden und Gott selber nicht? «Jesus wird auch als Mensch verehrt, nicht nur als Sohn Gottes. Daher konnte er problemloser dargestellt werden.» Und Kreissl weiter: «Die Sehnsucht nach Darstellung war zu allen Zeiten gross.» So verwundere nicht, dass die Tür für die Darstellung religiöser Inhalte immer weiter geöffnet wurde.

Doch auch im Christentum blieb die bildliche Darstellung von Gott lange umstritten. Erst das Konzil Ende des 8. Jahrhunderts hat das Malen von Bildern erlaubt – auch von Gott. «Aber die Bilder sind nicht Gott selbst oder göttlich. Sie dürfen nur verehrt werden, weil die Darstellung an Gott erinnert und auf Gott hinweist», erklärt Kreissl. In der Reformation flammte der alte Streit neu auf – mit dem Bildersturm, als alle Bilder aus Gotteshäusern geworfen wurden, weil die Christen nach Meinung der Reformatoren die Bilder eben doch verehrten und nicht nur als Erinnerung an Gott verstanden.

«Heute ist die Glaubens- und Gewissensfreiheit ein hohes Gut», sagt Kreissl. «So kann sich jemand auch vor Gericht gegen eine Karikatur wehren.» Er erinnert an eine solche von Papst Benedikt, die in Deutschland verboten wurde – «weil sie seine Persönlichkeit verletzte».

Verbot ausgeweitet

Das Judentum kennt keine Gottesdarstellungen. «Das Verbot ist bis heute unumstritten», sagt Kreissl. Als Bildersatz werde auf symbolische Darstellungen ausgewichen, etwa den siebenarmigen Leuchter. Während es in der Bilderfrage kaum je zu Differenzen mit dem Judentum kommt, sind Konflikte mit dem Islam häufig. Das hat unter anderem damit zu tun, dass auch die Darstellung des Propheten Mohammed verboten ist. Kreissl betont: «Der Islam ist eigentlich eine tolerante Religion. Das Problem beginnt immer dort, wo ein bestimmter Glaube und damit verbundene religiöse Vorschriften absolut gesetzt werden und von anderen, nicht glaubenden Menschen verlangt wird, sie zu erfüllen.»