Corona-Virus: Dramatische Lage im Elsass – Macron bietet das Militär auf

Im wichtigsten Coronaherd Frankreichs greift nun die Armee ein und baut ein Lazarett auf. Private Kliniken oder die Nachbarländer werden dagegen nicht angefragt. Das sorgt für Kritik.

Stefan Brändle aus Paris
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Corona-Notfall in der französischen Stadt Mulhouse: Im Elsass spitzt sich die Situation zu.

Corona-Notfall in der französischen Stadt Mulhouse: Im Elsass spitzt sich die Situation zu.

Bild: Keystone (18. März 2020)

Warum das Elsass so hart getroffen ist, steht mittlerweile ausser Zweifel: Die Ansteckung rührt von einem evangelischen Kirchentreffen in Mulhouse her, wo vom 17. bis 24. Februar rund 2000 Gläubige beteten, fasteten, sich die Hand gaben, sich umarmten. Danach verbreitete sich das Corona-Virus wie ein Lauffeuer.

Viele liegen nun in den Spitalbetten Ostfrankreichs. Die Region zählt bereits hundert Virus-Todesopfer, und der Zähler steigt ohne Unterlass. Die 300 Plätze in den Intensivstationen der öffentlichen Spitäler von Mulhouse, Colmar und Strassburg sind einzig mit Corona-Kranken belegt. Und sie genügen längst nicht mehr, wie Marc Noizet, Chef der Intensivstation in Mulhouse, sagt.

«Einzelne Intensivärzte denken darüber nach, keine Patienten über 75 mehr zu intubieren»

Was die unausweichliche Folge ist, sagte Noizet nicht: Eine Selektion der Überlebenden. Ein Pfleger berichtete dem Privatsender BFM von einem Schreckensszenario wie in der italienischen Stadt Bergamo: "Einzelne Intensivärzte denken darüber nach, keine Patienten über 75 mehr zu intubieren." Die Familien seien nicht einmal zugelassen, um den Sterbenden beizustehen, meinte er.

Die Spitäler im südlichen Elsass geniessen an sich einen guten Ruf; auch die Bettenzahl pro Einwohner liegt über dem französischen Schnitt. Doch jetzt fehlt es dem Personal an allem - Schutzmasken, Handschuhen, Desinfektionsgel und Beatmungsgeräten. Staatspräsident Emmanuel Macron bot deshalb anfangs Woche die französische Armee auf.

Militärspital in mehreren Zelten untergebracht

Am Freitag begann in Mulhouse der Aufbau eines Feldlazarettes mit 30 Reanimationsgeräten, wie Verteidigungsministerin Florence Parly gleichentags mitteilte. Ab Montag soll das in mehreren Dutzend Zelten untergebrachte Militärspital operativ sein. Es ist das erste Mal, dass ein französisches Armeelazarett in Friedenszeiten zum Einsatz kommt.

Neben der Armee versuchen zahllose Elsässer Bürger so weit wie möglich zu helfen. Auf der Webseite "Mulhouse résiste" ("Mulhouse widersteht") offerieren sie Esshilfen bis hin zu therapeutischen - digitalen - Gesprächsgruppen. Das landesweite Ausgehverbot ist in den hauptbetroffenen Städten wie Mulhouse besonders schwer zu ertragen.

Laut der Elsässer Senatorin Fabienne Keller ist die Lage in den Altersheimen der Umgebung ebenso dramatisch wie in den Spitälern. Aber auch die sozialen Medien sind zunehmend infiziert: In Mulhouse grassieren falsche Gerüchte, zuletzt etwa, die Eisbahn Illberg werde in ein Leichenschauhaus verwandelt.

Paris hat die Lage zu spät erfasst, lautet ein Vorwurf

Im ganzen Elsass wogt nicht ganz überraschend eine gesundheitspolitische Debatte, die immerhin gesittet abläuft und direkte persönliche Angriffe vermeidet. Der Regierung in Paris wird vorgeworfen, sie habe die Lage zu spät erfasst und vor allem das Problem der mangelnden Schutzmasken vernachlässigt. Linkspolitiker erinnern daran, dass Angestellte der heute betroffenen Spitäler im vergangenen November, also noch vor Ausbruch der Corona-Krise, in den Strassen von Mulhouse und Strassburg vergeblich für mehr Mittel demonstriert hätten.

Auf der Rechten wird dagegen moniert, dass die Behörden aus ideologischen Motiven darauf verzichteten, die Privatkliniken der Umgebung einzuspannen. Deren Verband FHP hätte in Strassburg, Metz und Nancy 70 Intensivbetten zur Verfügung, doppelt so viele wie im nun errichteten Armeelazarett.

Die noch zahlreicheren, bisher unbenutzten Intensivbetten jenseits der nahen Landesgrenzen sind für die französischen Gesundheitsbehörden offenbar kein Thema. Deutsche und Schweizer Spitäler sind laut übereinstimmenden Meldungen weder angefragt worden noch haben sie von sich aus Hilfe angeboten.

Erwarteten beide Seiten einen ersten Schritt der anderen Seite? Wollen sie ein Übergreifen der Epidemie verhindern - oder wappnen sie sich schon für die erwarteten Fälle im eigenen Land? Sicher scheint nur, dass die europäische Idee bis heute nicht so weit gereift zu sein scheint, dass ein Austausch über die Grenzen in Erwägung gezogen würde. Traurig, aber wahr: Je ernster die Lage, desto nutzloser wirkt der "Eurodistrikt" im Dreiländereck.

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