Dramatische Entwicklung: Käfer zerstören Palmengärten an den Traumstränden der Mittelmeerküste

Ein Schädling bedroht die Palmenalleen an Frankreichs Ferienküste. Der Terroranschlag von 2016 in Nizza erschwert den Kampf gegen die Käfer.

Stefan Brändle aus Vence
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An der Promenade des Anglais in Nizza ist der Kampf gegen die Schädlinge besonders schwierig. Die Stadtbewohner fordern nun radikale Massnahmen. (Bild: Valery Hache/AFP)

An der Promenade des Anglais in Nizza ist der Kampf gegen die Schädlinge besonders schwierig. Die Stadtbewohner fordern nun radikale Massnahmen. (Bild: Valery Hache/AFP)

Etwas gar nackt stehe die Kapelle in der Hitze da, findet Schwester Bernadette, die sich selbst gut gegen die brennende Sonne geschützt hat. Die Dominikanerin zeigt auf einen Baumstumpf: «Hier stand sie, unsere schönste Phönixpalme. Und sie war nicht nur schön, sie spendete auch viel Schatten.»

Die berühmte Matisse-Kapelle befindet sich auf einer wunderschönen Terrasse mit Ausblick auf das mittelalterliche Städtchen Vence in Südfrankreich. In der Ferne glitzert das Mittelmeer. Der Maler Henri Matisse hatte die Pläne für das lichte Gotteshaus kurz nach dem Weltkrieg gezeichnet. Die Glasfenster in Blau, Gelb und Grün verkörpern Palmwedel, das Symbol des Friedens und vielleicht auch der üppigen Schönheit der französischen Riviera, die der aus dem nebligen Norden stammende Matisse so gerne in seinen Gemälden verewigte.

Die Palme vor der Kapelle musste vor drei Jahren gefällt werden. 30 Meter hoch war die «phénix», wie man die kanarische Dattelpalme hier nennt. «Sie war unsere liebste, die nobelste», seufzt Schwester Bernadette nochmals. Auf dem ganzen Gut hätten einst zehn Palmen gestanden. Jetzt blieben noch sieben, die meisten lebensbedroht. Die Gefahr lauert in Form von Rhynchophorus ferrugineus, dem Roten Rüsselkäfer.

Gefrässige rostrote Gefahr

«Kommen Sie, ich zeige Ihnen diesen Vielfrass», sagt Gärtner Mohammed. Im untersten Stufengarten öffnet er eine Schleusenfalle. Darin liegen ein Dutzend drei bis vier Zentimeter langer rostfarbener Käfer. «Sie mögen dieselbe Kost wie wir Menschen: Palmenherzen», erzählt der Gerant des mediterranen Gartens. «Sie können sie über Hunderte von Metern riechen.»

Das Weibchen legt bis zu 300 Eier an den Stämmen ab. Die Larven bohren sich durch das Holz bis in die Palmenkrone. Dort fressen sie mit ihren feinen Rüsseln monatelang das weiche Herz, bis die Wedel erste Schwächesymptome zeigen. «Dann ist es bereits zu spät, um die Palme zu retten», sagt Mohammed. «Die Blätter sterben ab, die Käfer suchen sich das nächste Opfer.»

In den letzten zehn Jahren sind an den Küsten des europäischen Mittelmeeres auf diese Weise fast 500 000 Palmen verschwunden. An einzelnen Strandpromenaden, etwa im benachbarten Nizza, reisst der Schädling ganze Breschen. In der Ortschaft Le Cannet erhielt ein Autofahrer, dem ein zerfressener Wedel auf das Dach gefallen war, im Mai von einem Gericht 4512 Euro Schadenersatz zugesprochen. Urteilsbegründung: Der Stadtrat habe es unterlassen, vorbeugende Massnahmen zu ergreifen.

In Vence hat die Bürgermeisterin die Palmen um die Matisse-Kapelle «impfen» lassen. Laut Patrice Miran, ihrem grünen Vize, kommt ein Insektizid des Schweizer Chemiekonzerns Syngenta zum Einsatz. «Das einzige wirksame Gegenmittel», meint Miran. Mit natürlichen Mitteln werde man dem Käfer nicht Meister.

Terror-Vergangenheit erschwert den Kampf gegen die Käfer

Einzelne Gemeinden in Spanien, Italien und Frankreich versuchten, der Käferplage mit speziellen Pilzen und Fadenwürmern zu Leibe zu rücken, welche die Larven der Käfer vertilgen. Diese natürlichen Schädlingsgegner werden teils mit Drohnen auf die Palmenkronen gesprüht – ausser auf der berühmten Promenade des Anglais in Nizza. Am Schauplatz des furchtbaren Terroranschlags von 2016 sind solche Überflieger verboten.

Das östlich von Vence gelegene Nizza hat seit 2015 jede siebte Palme verloren. Allein im vergangenen Jahr waren es deren 171. Dramatische Zahlen. «Das Bio-Vorgehen ist in Nizza völlig gescheitert», bilanziert Miran. «Ob man es will oder nicht: Ohne chemische Eingriffe werden die Phönixpalmen an der Côte d’Azur bald ganz ausstreben.»

Klimawandel hilft dem Schädling gleich doppelt

Darin liegt das Drama: Je verheerender die Folgen der Klimaerwärmung sind, desto weniger helfen biologische Gegenmassnahmen. Die steigenden Temperaturen an den mediterranen Gestaden begünstigen die aus den Tropen kommenden Käfer. Dank dem wärmeren Klima werden sie neun statt nur sechs Monate alt. Ihre natürlichen Gegner, die Nematoden-Würmer, ertragen hingegen höchstens 25 Grad Wärme.

Der Rote Rüsselkäfer sei auch sonst sehr anpassungsfähig, meint Vizebürgermeister Miran: Noch bevor er alle Phönixpalmen totgefressen habe, mache er sich bereits über andere Arten wie die mexikanische Washingtonpalme und sogar den Lorbeer her.

Noch einen Punkt führt Miran gegen die biologischen Methoden an: «Der Einsatz von Pilzen und Würmern kostet 700 bis 800 Euro pro Palme. Die mehrheitlich privaten Palmenbesitzer verzichten deshalb oft darauf.» Viel günstiger ist die Syngenta-Impfung: Sie kostet 72 Euro pro Jahr und Palme.

Einzig die Kanarischen Inseln haben die Rüsselkäferplage eindämmen können – weil sie Insektizide benützten, betont Miran. Dasselbe Resultat zeigte ein erster Versuch in einer Wüstenoase Marokkos, wo die Zucht von Dattelpalmen nicht nur ästhetische Zwecke verfolge, sondern einen wichtigen Wirtschaftszweig darstelle.

Nizza wählt den Bio-Weg

Mirans Partei der Unabhängigen Ökologen versucht nun, im EU-Parlament durchzusetzen, dass die Palmen-Prophylaxe europaweit obligatorisch erklärt wird. Aus Agrarkreisen hört man den Einwand, der Palmenschutz sei ein Luxus. Wichtiger sei der Schutz vor Schädlingen wie dem Feuerbakterium, das über hundert Nutzpflanzen befalle.

Statt den teuren Kampf aufzunehmen, herrscht vielerorts eine gewisse Lethargie im Umgang mit den gefrässigen Schädlingen. Zahlreiche Küstenorte sind bereits dazu übergegangen, weniger anfällige, aber eben auch weniger majestätische Palmenexemplare zu pflanzen. Miran bedauert dies zutiefst: «Das Wahrzeichen der Côte d’Azur droht zu verschwinden. Das verändert das Erscheinungsbild der Region.»

Doch lohnt der Erhalt des Postkartenbildes den Insektizid-Einsatz? Nizzas Chefbotaniker Jean-Michel Meuriot etwa sagt Nein. Die Methode bedinge ihrerseits den Einsatz von Fungiziden. Er setzt seine Hoffnungen weiter auf Bio, obwohl ihn eine Einwohnerpetition zu einem entschlosseneren Vorgehen zwingen will. Und Schwester Bernadette? Sie kann nur dafür beten, dass wenigstens die letzten sieben Exemplare ihrer Palmen überleben werden.

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