Gefährliche Überfahrt
Drama auf den Ferieninseln: Warum die Kanaren zum neuen Hotspot für Flüchtlinge werden

Die Flüchtlingsroute zu den Kanarischen Inseln im Atlantik gehört zu den gefährlichsten nach Europa. Trotzdem machen sich immer mehr auf den Weg. Längst nicht alle schaffen die Überfahrt.

Manuel Meyer aus Teneriffa
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Flüchtlingsboot an der Küste der Kanaren-Insel Teneriffa: 1000 Prozent mehr Flüchtlinge als im vergangenen Jahr kommen derzeit an.

Flüchtlingsboot an der Küste der Kanaren-Insel Teneriffa: 1000 Prozent mehr Flüchtlinge als im vergangenen Jahr kommen derzeit an.

Miguel Barreto / EPA

Eigentlich hatten sie es schon geschafft. Die Küste der spanischen Ferieninsel Lanzarote war wortwörtlich zum Greifen nah. Dann erfasste eine Welle das kleine Holzboot. In der Dunkelheit konnten die afrikanischen Flüchtlinge die nahen Felsen jedoch nicht rechtzeitig sehen. Das Boot kenterte ganz in der Nähe des kleinen Fischerdorfs Órzola an den spitzen Vulkanfelsen.

«Die Hilfeschreie gingen bis ins Mark. Ich lief sofort zum Meer», berichtet Ignacio Fontes, ein junger Fischer. Acht Dorfbewohner suchten mit den Taschenlampen ihrer Handys nach Überlebenden. «Wir überlegten nicht lange. Einige von uns sprangen ins Wasser, die anderen halfen den Menschen heraus. Es war aber so dunkel, dass wir sie nur nach den Schreien orten konnten, die nach und nach verstummten. Es war einfach entsetzlich», erklärt der Fischer.

So entkräftet, dass sie in flachem Wasser ertrinken

28 junge Männer konnten gerettet werden. Acht Bootsflüchtlinge ertranken jedoch. Dabei war das Wasser gar nicht tief. «Nach der tagelangen Überfahrt sind die Menschen teilweise so entkräftet, dass selbst diejenigen, die schwimmen können, sogar in Strandnähe in ein Meter tiefem Wasser ertrinken», sagt die deutsche Notfall-Sanitäterin Jenice Schwob im Gespräch mit dieser Zeitung. «Als wir in Órzola ankamen, fanden wir aber nur noch Leichen und keine Überlebenden mehr», berichtet sie.

Schwob arbeitet für eine deutsche Flüchtlingshilfsorganisation auf Lanzarote. Unterstützung können die Kanaren mit Blick auf die aktuelle Flüchtlingswelle mehr als gebrauchen. Da die Mittelmeerrouten derzeit gut überwacht sind und die Coronapandemie die Armut in vielen westafrikanischen Ländern verschlimmert, reisst der Flüchtlingsstrom auf den zu Spanien gehörenden Kanarischen Inseln vor der Küste Westafrikas nicht ab. Bereits über 18000 Menschen erreichten in diesem Jahr die Kanaren, 1000 Prozent mehr als im Vorjahr.

Dabei gehört die Flüchtlingsroute über den Atlantik zu den gefährlichsten nach Europa. Die Flüchtlingsagentur der Vereinten Nationen ACNUR schätzt, dass in diesem Jahr mindestens 600 Flüchtlinge beim Versuch gestorben sind, die Kanaren und damit Europa zu erreichen. Flüchtlingsorganisationen gehen von über 3000 aus. Die realen Zahlen kennt niemand. Laut der Internationalen Organisation für Migration IOM stirbt auf der Atlantikroute schätzungsweise jeder 16. Flüchtling. Zum Vergleich: Im östlichen Mittelmeer auf dem Weg nach Griechenland stirbt einer von 120 Bootsflüchtlingen.

Bis zu 16 Tage dauert die Überfahrt

Das Problem ist, dass die Menschen nicht nur von Marokko, sondern teilweise auch von Mauretanien und vom Senegal aus starten. Bis zu 16 Tage kann die Überfahrt dauern. 1600 Kilometer trennen den Senegal und die Kanaren. Viele Flüchtlinge verdursten auf dem Weg oder ertrinken bei den üblichen Stürmen im Atlantik.

Schlepperbanden ziehen die überfüllten Holzboote aufs offene Meer hinaus, bis sie die Passatwinde erreichen. Dann werden die Leinen gekappt und die Boote ihrem Glück überlassen. Die meisten stranden derzeit auf Gran Canaria, aber auch auf Lanzarote, Fuerteventura und Teneriffa. Doch längst nicht alle kommen an.

«Wenn sich die Winde und Strömungen ändern und unsere Seenotrettung sie nicht entdeckt, treiben die Boote hilflos an den Kanaren vorbei auf den weiten Atlantik. Das ist ihr sicherer Tod. Sie verhungern, verdursten oder ertrinken. Vor der Küste Kubas und Miamis wurden bereits senegalesische Flüchtlingsboote mit mumifizierten Leichen angespült», erklärt José Antonio Rodríguez, Notfall-Einsatzleiter des Roten Kreuzes auf den Kanaren.

In Westafrika warten 100'000 abfahrbereite Flüchtlinge

Die meisten Bootsflüchtlinge wissen nichts von den Gefahren. «Wir schätzen, dass derzeit rund 100'000 abfahrbereite Menschen an der westafrikanischen Küste auf eine Gelegenheit warten, zu uns überzusetzen», erklärt Froilán Rodríguez, Immigrationsbeauftragter der kanarischen Regierung.

Unterdessen fühlt sich die Inselregierung von Spanien im Stich gelassen. Die Zentralregierung in Madrid weigert sich, die Menschen aufs spanische Festland zu bringen, weil sie eine Sogwirkung für weitere Migranten befürchtet. «Man will die Kanaren zu einem zweiten Lesbos machen, zu Gefängnisinseln, damit die Flüchtlinge fernbleiben», ärgert sich Antonio Morales, Regierungschef von Gran Canaria.

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