Drama am Grenzzaun

Während Milizen syrischer Kurden die IS-Terroristen in der nordsyrischen Stadt Tel Abjad an der Grenze zur Türkei umzingeln, verhindert diese mit Wasserwerfern die Flucht der Bewohner.

Michael Wrase
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Syrische Flüchtlinge aus Tel Abjad am Grenzzaun zur Türkei, beobachtet von türkischen Soldaten. (Bild: ap/Lefteris Pitarakis)

Syrische Flüchtlinge aus Tel Abjad am Grenzzaun zur Türkei, beobachtet von türkischen Soldaten. (Bild: ap/Lefteris Pitarakis)

LIMASSOL/TEL ABJAD. Es sind Bilder, die man aus Kobane kennt: Tausende syrischer Kurden und Araber stehen verzweifelt an der mit Nato-Stacheldraht gesicherten türkischen Grenze. Als sich einige junge Männer mit Zangen an den Barrieren zu schaffen machen, fallen Schüsse. Die nur 50 Meter weiter nördlich auf der türkischen Seite des Grenzzauns aufgefahrenen Wasserwerfer kommen zum Einsatz, und die Menschenmenge gerät in Panik. Eine Stunde später erhalten die türkischen Grenzschützer «Verstärkung»: IS-Terroristen feuern mit Kalaschnikows über die Köpfe der Flüchtlinge hinweg. Später dürfen dann doch die ersten Menschen in die Türkei hinein: Am Abend überquerten Dutzende Menschen die Grenze.

Die Luft abschneiden

Die syrische Grenzstadt war bis zum Wochenende das wichtige Eingangstor zum «Kalifat» des selbsternannten «Islamischen Staats» (IS). Tausende ausländischer Jihadisten erhielten dort ihren Einreisestempel. Anschliessend reisten sie in die nur 110 Kilometer entfernte «Hauptstadt» Rakka weiter. Seit aber Milizen syrischer Kurden Tel Abjad von Osten und Westen angreifen und auch die Hauptstrasse nach Rakka bedrohen, ist der Grenzübergang geschlossen.

Klar und deutlich formulieren die syrischen Kurden ihre Ziele. Man wolle dem IS die Luft abschneiden und die Terroristen in Rakka erdrosseln, sagt Nauaf Chalil von den kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG, die mit der PKK verbündet sind, einer Organisation der türkischen Kurden. In ihrer Offensive zur Rückeroberung von Tel Abjad werden die syrischen Kurden massiv von der US-Luftwaffe unterstützt. Ohne deren Bombardements, die bereits in Kobane kriegsentscheidend waren, wäre der Vormarsch der YPG nicht so schnell gegangen. Kampflos sollen die Jihadisten ihre Stellungen in den kurdischen Dörfern in der Provinz Rakka aufgegeben haben. Viele flohen nach Tel Abjad, wo sie nun von den syrischen Kurden eingekesselt werden.

Türkei weist Vorwürfe zurück

Um zu überleben, wollten die IS-Terroristen die Bewohner Tel Abjads als menschliche Schutzschilde benutzen, befürchtet ein kurdischer Journalist. Genau deshalb habe der IS mit Hilfe der Türkei die Kurden und Araber Tel Abjads an der Flucht ins nördliche Nachbarland gehindert.

Die türkische Regierung weist diese Vorwürfe zurück. Sie hatte bereits am Donnerstag, also zwei Tage vor dem Flüchtlingsdrama am Grenzzaun von Tel Abjad, Massnahmen angekündigt, um den Zustrom syrischer Flüchtlinge zu begrenzen. Dass die mit der PKK verbündete YPG in absehbarer Zeit fast die gesamte Grenze der Türkei mit Syrien kontrollieren könnte, ist überhaupt nicht nach dem Geschmack der türkischen Regierung und Präsident Erdogan.