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Interview

Historiker zum Antisemitismus in Frankreich: «Diesen Hass habe ich noch nie erlebt»

Vertreter der jüdischen Gemeinde und der französischen Regierung haben gestern gegen antisemitische Gewalt demonstriert. Für den jüdischen Historiker Denis Peschanski liegt die Schuld an der Gewaltzunahme nicht nur bei den Gelbwesten.
Stefan Brändle, Paris
Der jüdische Historiker Denis Peschanski. Bild: A. Lachapelle

Der jüdische Historiker Denis Peschanski. Bild: A. Lachapelle

Leben Frankreichs Juden heute mit der Angst?

Denis Peschanski: Einzelne haben Angst, aber noch mehr sind wütend. Sie wollen verhindern, dass die französische Republik eine neue Welle von Antisemitismus zulässt.

Wer sind die Urheber? Rechts-, Linksextremisten, Islamisten?

Es ist ein Gemisch von all diesen Strömungen, ausgehend von dem jahrhundertealten Antisemitismus. Der gemeinsame Nenner ist die Suche nach einem Sündenbock. Die Juden sind neben Freimaurern, Ausländern oder Immigranten nicht die einzig Betroffenen, aber sie sind jedes Mal betroffen, wenn man die einzelnen Perioden analysiert. Jetzt ist gerade wieder eine solche Spitze erreicht, was die Jagd auf Sündenböcke betrifft.

Meinen Sie damit etwa die Gelbwesten? Ist die Bewegung unterschwellig antisemitisch?

Das würde ich nicht so sagen. Aber eine jüngste Studie hat klar gezeigt, dass sie stärker als andere anfällig für Komplotttheorien ist – seien das die Illuminati, die zionistische Weltverschwörung oder die «grosse Ablösung». Diese rechtsextreme These unterstellt der Regierung und den intellektuellen Eliten, sie wollten Migranten aufnehmen, um die Bevölkerungs- und politische Mehrheit zu gewinnen. Die Gelbwesten glauben laut der erwähnten Studie doppelt so stark an diese Theorien, von denen das zionistische Komplott nur ein Teil ist.

Ist Frankreich diesbezüglich ein Sonderfall?

Nein, solche Tendenzen gibt es auch in Österreich, Polen, Ungarn und sogar Italien. Man kann nur verblüfft sein, dass ein Land wie Italien im Herzen der Europäischen Union den Thesen der Rechtsextremen anheim fällt!

In Frankreich wächst auch der Antiparlamentarismus.

Einzelne Gelbwesten lehnen die repräsentative Demokratie ab, das heisst die gewählten Vertreter der Bevölkerung. Das zeigt sich auch in den vielen Anschlägen auf die Büros oder Wohnungen von Abgeordneten. Es ist schon erstaunlich, dass eine Bewegung, die mehr demokratische Beteiligung mit Volksabstimmungen verlangt, die repräsentative Demokratie verwirft und sich undemokratischer Methoden bedient.

Verkörpert die Bewegung der Gelbwesten nicht auch einen jener Fieberschübe, die Frankreich gelegentlich erfassen?

Ja, Frankreich hat die Eigenheit, eine «Konflikt-Gesellschaft» darzustellen, die ihre Probleme nicht konsensuell löst, sondern per Kraftakt. Das bringt Gewalt mit sich und diesmal auch einen eigentlichen Hass. Ich habe das in Frankreich noch nie erlebt. Die Präsidentschaftswahl von 2017 hat in eine Legitimitätskrise gemündet, wurde doch die Stellung von Emmanuel Macron von Beginn weg angefochten. Das Ausmass des Hasses auf ihn schlägt alles. In den Umzügen wird Macron als Nazi-Offizier karikiert, andere verbrennen Macron-Puppen.

Wer ist verantwortlich für diese Stimmung?

Das Rassemblement National von Marine Le Pen, aber auch das «Unbeugsame Frankreich» mit seiner links-islamischen Strömung der «Eingeborenen der Republik». Der von ihnen vermittelte Hass ist unakzeptabel. Am stärksten ist er in den sozialen Medien. Gegen sie ist die französische Gesetzgebung sehr schwach. Wer rassistische Sprüche von sich gibt, kann zwar verfolgt werden. Portale wie Facebook, Twitter oder Instagram bleiben unberührt. Sie müsste man in Frankreich stärker zur Verantwortung ziehen, wie das auch in Deutschland der Fall ist.

Ein paar Macron-Abgeordnete wollen den Antizionismus als eine «Form von Antisemitismus» unter Strafe stellen. Was halten Sie davon?

Das ist keine gute Lösung. Natürlich bemäntelt der Antizionismus oft nur den Hass auf die Juden. Aber wenn er sich so äussert, kann er auch entsprechend verfolgt werden. Wenn man antizionistische Aussagen generell verbietet, erlaubt man den Urhebern nur, sich als Opfer zu präsentieren. Und dann würden sie rasch ein neues Tarnwort für ihre Judenfeindlichkeit finden.

Denis Peschanski ist Historiker am französischen Forschungsinstitut CNRS in Strassburg. Der 64-jährige Vichy- und Weltkriegsspezialist, dessen jüdische Familie aus Osteuropa eingewandert war, leitet Forschungsprogramme im Bereich der individuellen und kollektiven Erinnerung.

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