Diese Grenze ist jetzt dicht

Am Ärmelkanal wächst der Staudruck unter den Flüchtlingen: Seit drei Tagen häufen sich Zusammenstösse mit der Polizei. Als Drahtzieher werden Schlepper und Anarchisten vermutet.

Stefan Brändle
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PARIS. Die Spannung macht sich Luft. In der Nacht auf gestern kam es im sogenannten Dschungel von Calais zum dritten Mal in Folge zu Ausschreitungen. Bewohner des wilden Flüchtlingslagers in den Sanddünen blockierten den Autobahnzubringer zum Fährhafen mit demontierten Ortstafeln und anderen schweren Gegenständen, die sie sich in den umliegenden Wohnvierteln besorgten. Ziel war es, die eintreffenden Lastwagen zu stoppen und aufzuspringen, um auf den Fähren als blinde Passagiere nach England zu gelangen.

Wie am Montag- und Dienstagabend wiederholte sich dabei das gleiche Szenario: Als 250 Polizisten anrückten, um die Strasse zu räumen, wurden sie mit Steinen beworfen; darauf setzten sie Tränengas ein, um die Migranten zu zerstreuen. Wenige Männer wurden vorübergehend festgenommen. Unter den Polizisten gab es mehrere Verletzte.

Armee-Einsatz gefordert

Die Präfektin des Departementes Pas-de-Calais, Fabienne Buccio, zeigte sich nicht einmal erstaunt über die Zusammenstösse. Sie erklärte, sie sei von der britischen Seite informiert worden, dass es seit drei Wochen kein einziger Migrant mehr geschafft habe, per Fähre oder im Eurotunnel England zu erreichen. Das verstärkt offensichtlich die Spannungen im Lager, in dem 5000 bis 6000 Flüchtlinge aus Syrien, Irak, Afghanistan, Eritrea, Sudan und anderen Ländern auf den letzten Sprung in das erhoffte Eldorado warten.

Die Präfektin erklärte jedoch auch, linksradikale Aktivisten von Gruppen wie «No Border» oder «Schwarzer Block» schürten die Unruhen und brächten den Migranten Methoden der Stadtguerilla bei. Die Bürgermeisterin von Calais, Natacha Bouchart, vermutet Schlepperbanden als Aufwiegler. Diese versuchten nach dem Eindunkeln die örtlichen Polizeikräfte zu binden, um sich andernorts freie Bahn zu schaffen, meinte Bouchart, die wie schon früher einen Armee-Einsatz verlangt.

Nachbarn umquartieren

Die Präfektur und die Regierung lehnen diese Forderung ab. Sie suchen den Druck zu mildern, indem sie den Bewohnern des Camps die erleichterte Aufnahme in französischen Auffangstationen anbieten. Mehrere hundert Migranten aus Calais haben diese Gelegenheit in den letzten Wochen benützt. Der lokale Polizeigewerkschafter Gilles Debove erklärte, die Spannungen nähmen trotzdem zu, wenn es nun zu Gewalttätigkeiten komme. Bisher seien die Migranten der Polizei aus dem Weg gegangen. «Wir machen uns vor allem Sorgen, wenn es eines Tages zu einer Revolte im Lager selbst kommt.»

Als Vorsichtsmassnahme bietet Bouchart den Nachbarn des Lagers nun an, vorübergehend umquartiert zu werden. Als Mitglied der konservativen Partei Les Républicains meint sie, dass die Unruhen nur dem rechtsextremen Front National (FN) Auftrieb verleihen könnten. Im Dezember sind in Frankreich Regionalwahlen.

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