Die zwei Seiten der Medaille

Irland gilt nach den schweren Krisenjahren wieder als Vorzeigeland in der Eurozone. Doch die Menschen am unteren Rand der Gesellschaft erleben noch keine Verbesserung ihrer prekären Situation.

Sebastian Borger/Dublin
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Armut und Arbeitsplätze auf dem Finanzplatz: In Dublin zeigt sich die gespaltene irische Gesellschaft. (Bild: epa/Haydn West)

Armut und Arbeitsplätze auf dem Finanzplatz: In Dublin zeigt sich die gespaltene irische Gesellschaft. (Bild: epa/Haydn West)

Am Nordufer des Liffey-Flusses scharen sich um ein modernes Kongresszentrum die Bürohäuser des Irischen Finanzzentrums (IFSC). Im Epizentrum des Banken-Crashs auf der Insel arbeiten mittlerweile wieder mehr als 25 000 Menschen für Banken, Versicherungen und Vermögensverwalter. Deren Durchschnittseinkommen liegt bei jährlich 60 100 Euro. Die positiven Wirtschaftsdaten sorgen hier für Optimismus. Die Mietpreise für Bürohäuser in der irischen Hauptstadt schnellen wieder in die Höhe.

400 Meter weiter nördlich. Vor dem Nachbarschaftszentrum der katholischen Wohlfahrtsorganisation Cross Care stehen junge Männer mit ausgemergelten Gesichtern in der Sonne und rauchen selbstgedrehte Zigaretten. Drinnen sitzen die Älteren im lichtdurchfluteten Speisesaal. Heute gibt es Rindseintopf mit Kartoffelbrei und Gemüse. An der Tafel ist dafür ein Preis von drei Euro angezeigt. «Die Leute wollen kein Almosen», sagt die Zentrumsleiterin Ciara Carty. «Wer bezahlen kann, tut das auch.»

Böses Erwachen im Jahr 2008

Aber die meisten haben kein Geld in der Tasche. In den umliegenden Häusern herrscht hohe Arbeitslosigkeit, viele der Bewohner haben Alkohol- oder Drogenprobleme. Die Sozialhilfe beträgt wöchentlich 208 Euro, jeder Besuch beim Hausarzt kostet 50 Euro. Und was ist mit dem wirtschaftlichen Aufschwung? Da schüttelt Carty den Kopf: «Die Menschen hier haben immer noch mit den Konsequenzen der Rezession zu tun.»

Im Streit mit Griechenland verweisen die Verantwortlichen der Eurozone immer gern auf ein anderes Land an Europas Peripherie. Erst vergangene Woche kam der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck zu Besuch nach Dublin. Er wolle den Respekt seines Landes ausdrücken für die «grossartige Leistung der Krisenbewältigung» auf der Grünen Insel und für das «kluge Gegensteuern der Regierung» von Premierminister Enda Kenny.

Tatsächlich haben die 4,6 Millionen Iren eine brutale Achterbahnfahrt hinter sich. Einem Immobilienboom zu Beginn des Jahrhunderts folgte 2008 das böse Erwachen. Die damalige Regierung musste unter dem Druck der Europäischen Zentralbank (EZB) die völlig aufgeblähten Banken retten, das Bruttoinlandprodukt (BIP) schrumpfte um ein Fünftel, die Staatsschuld sprang von 25 auf mehr als 100 Prozent des BIP.

Als im November 2010 die Staatspleite bevorstand, erlitt Irland die Demütigung eines Rettungspakets durch IWF und EU, mit dem vor allem die Stabilität des europäischen Bankensystems sichergestellt wurde. Kennys 2011 ins Amt gewählte grosse Koalition aus Fine Gael und Labour setzte den Sparkurs der vorangegangenen Regierung fort, kürzte Pensionen und Gehälter im öffentlichen Dienst, bat Immobilienbesitzer zur Kasse, strich den Sozialstaat zusammen. So schafften es die Iren, Ende 2013 das EU-Hilfsprogramm hinter sich zu lassen.

«Die Trauerstimmung ist weg»

Weil die Opfer einigermassen gleichmässig verteilt wurden, blieb der soziale Frieden gewahrt. Und inzwischen gibt es auch erhebliche Lichtblicke am ökonomischen Horizont. Angaben des Finanzministeriums zufolge wird das Wachstum in diesem Jahr robuste vier Prozent erreichen. Die Erwerbslosenquote lag im Mai bei 9,8 Prozent, Tendenz sinkend. Weil die Steuerquote erheblich gestiegen ist, lässt die Regierung öffentlich darüber diskutieren, was mit den zusätzlichen Einnahmen von 1,2 bis 1,5 Milliarden Euro geschehen solle. «Die Trauerstimmung ist weg», resümiert Edgar Morgenroth vom Wirtschaftsinstitut Esri. Doch gelte auch für Irland die volkswirtschaftliche Grundregel: «Für die meisten zeigt sich der Aufschwung erst lange, nachdem die Krise vorbei ist.»

So sieht es auch Dave Gibney von der Gewerkschaft Mandate, die sich um Angestellte im Einzelhandel kümmert. Das Gespräch mit Gibney findet in einem lokalen Pub statt; das Geschäft im «Brazenhead», der ältesten Gastwirtschaft Irlands, floriert. Doch geht dies vor allem auf die Touristen aus dem Ausland zurück, und für die Wirtschaftsstatistik gelte ähnliches, glaubt Gibney. Deren gutes Ergebnis sei vor allem den zahlreichen exportorientierten Unternehmen aus aller Welt geschuldet. Diese haben sich wegen des niedrigen Steuersatzes von 12,5 Prozent und des Zugangs zum EU-Binnenmarkt auf der Grünen Insel angesiedelt. «Die kleinen Leute haben nichts davon», sagt Gibney.

Viele junge Iren wandern aus

In den vergangenen fünf Jahren gab es 123 600 mehr Auswanderer als Einwanderer. Besonders viele junge Leute haben ihrer Heimat den Rücken gekehrt. Die Zurückgebliebenen schimpfen über Billigjobs, Arbeitsverpflichtungen für Sozialhilfeempfänger und immer neue Steuern. Arbeitslose und Rentner erhalten um bis zu 20 Prozent weniger als vor dem Crash 2008, die Einkommen im öffentlichen Dienst fielen um 14 Prozent.

Und die Kürzungen bei den Sozialleistungen gehen immer weiter. Im Rathaus, am Rande eines feierlichen Empfangs für den deutschen Bundespräsidenten, ist eine lokale Aktivistin anzutreffen. Nennen wir sie Mary, ihren Namen will die Mittvierzigerin nicht sagen. In den Häuserblocks ihres Viertels im Zentrum der Hauptstadt grassieren Alkoholismus, Drogensucht und Gewalt, die Arbeitslosigkeit liegt bei 85 Prozent. «Die Erwachsenen haben genug mit sich selbst zu tun, für die Kinder fehlen Zeit und Aufmerksamkeit.»

Zuschüsse werden gestrichen

Mit anderen Bewohnern hat Mary eine Nachbarschaftshilfe auf die Beine gestellt, erhielt dafür jährlich 8500 Euro aus einem staatlichen Drogenhilfsprogramm. Für die 54 Kinder ihres Viertels organisierte sie kleine Aktionen, einen Besuch im Schwimmbad, gemeinsames Bowling, einen Ausflug aufs Land. Ein lokaler Unternehmer stiftete einen Kleinbus und bezahlte das Benzin. Dieser Tage wurde der Zuschuss vom Staat gestrichen. «Und was mache ich jetzt?», schimpft Mary, «so kurz vor den Ferien?»

«Wir haben alle Hände voll zu tun»

Die Finanzierung von Ciara Cartys Nachbarschaftszentrum hingegen ist bis auf weiteres gesichert. Rund um das Café, die Armenspeisung und die Ausgabe kostenloser Lebensmittel ist ein neues Gemeinschaftsgefühl entstanden. Viele Nachbarn packen freiwillig mit an. Cross Care betreibt 90 solcher Treffpunkte in der Hauptstadt. Fünf davon kümmern sich ausschliesslich um Obdachlose. Deren Zahl steigt, weil die Stadt in jüngster Zeit kaum noch Sozialwohnungen gebaut hat und geeignete Unterkünfte fehlen. «Wir haben alle Hände voll zu tun», sagt Carty.