Die Wut im Land der Netten

«Wir gewinnen, wir werden Amerika wieder grossartig machen», verspricht der Republikaner Donald Trump seinen Anhängern in Iowa, wo am kommenden Montag die US-Vorwahlen beginnen. Hillary Clinton versucht sich derweil als Erbin Obamas zu positionieren.

Thomas Spang/Des Moines
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Kampf gegen illegale Einwanderer und Obamacare: Der Republikaner Ted Cruz. (Bild: epa/Jim Lo Scalzo)

Kampf gegen illegale Einwanderer und Obamacare: Der Republikaner Ted Cruz. (Bild: epa/Jim Lo Scalzo)

Für einen Moment wirkt die Situation zehntausend Meter über den im Dunkeln ruhenden Maisfeldern absurd. Was um Himmels willen bewegt all die Mitreisenden in der vollbesetzten Canadair 700 dazu, mitten in der Nacht aus Washington in das eisig-kalte Iowa zu fliegen? Für Veteranen amerikanischer Präsidentschaftswahlkämpfe liegt die Antwort auf der Hand. «Weil hier die ersten Vorwahlen stattfinden», erklärt Politologe Larry Sabato die neue Anziehungskraft des sonst als «Überflug»-Gebiet verspotteten Bundesstaats im Mittleren Westen. «Hier werden Erwartungen gesetzt, Kandidaten begraben und Trends sichtbar.»

Der Trend in diesem Jahr? Seit Wochen schon verkünden die Schlagzeilen, die Wähler in dem eigentlich für seine Nettigkeit bekannten Teil des Landes seien stinksauer. In den Umfragen führen bei den Republikanern mit Donald Trump und Ted Cruz zwei Kandidaten, die an die Wut der Wähler appellieren. Auch Bernie Sanders verdankt bei den Demokraten seinen Aufstieg zu einem echten Herausforderer Hillary Clintons dieser Stimmung.

Beten für Trump

Wut im Land der Netten – das verlangt nach einer Erklärung. «Ich kann diese ganze politische Korrektheit nicht mehr ausstehen», sagt der 68jährige Steve Strasko aus dem Städtchen Pella. Amerika gehe vor die Hunde, und die Eliten in Washington täten nichts. «Trump sagt endlich mal, wie es ist», lobt der pensionierte Schlachter den Milliardär, während er stolz die Unterschrift auf der Baseballkappe mit dem Wahlkampflogo «Make America Great Again» vorführt – «Macht Amerika wieder grossartig». Am besten findet Strasko, «dass endlich einer was gegen die Illegalen tut». Die elf Millionen Einwanderer ohne Papiere müssten alle raus, stimmt er mit dem Kandidaten überein. Ohne «die Mexikaner» hätte er damals nicht seinen Job in der Fleischfabrik von Marshalltown verloren, mutmasst der ehemalige Gewerkschafter. Und mit «den Moslems» ginge es auch nicht so weiter. Trump habe völlig recht, sie nicht mehr ins Land zu lassen. «Die wollen uns umbringen». So sehen es viele der «Trump»-Fans, die wie Strasko stundenlang bei Minusgraden auf Einlass in das Auditorium des Central College gewartet haben. Der Andrang ist so gross, dass Hunderte abgewiesen werden. Zu Beginn der Kundgebung spricht der baptistische Fernsehprediger Robert Jeffress ein Gebet. «Heute sagen wir Danke für Donald Trump, der sich selbstlos anbietet, dieser Nation zu dienen», sagt der prominente Islam-Kritiker aus Dallas. «Er tut das aus keinem anderen Grund als dem Wunsch, Amerika wieder grossartig zu machen.» Amen.

Eine Mauer an der Grenze zu Mexiko

Was nach Realsatire ausschaut, ist kühle Berechnung. Rund sechzig Prozent der republikanischen Wählerschaft in Iowa versteht sich als wiedergeborene Christen. «Ich liebe Evangelikale», umschmeichelt Trump seine Zuhörer. Wie immer spricht der Populist auch in Pella ohne Manuskript. Seine Rede gerät zu einem Amalgam aus selbstherrlichen Anekdoten, bombastischen Übertreibungen und gezielten Beleidigungen. Am liebsten über die «dummen Eliten in Washington». Die hätten es «wegen ein paar Schlangen und Kröten» nicht geschafft, eine Mauer an der Grenze zu Mexiko zu bauen.

«Ich bin mein ganzes Leben über gierig für mich gewesen», sagt Trump. «Jetzt will ich gierig für die Vereinigten Staaten werden.» Die Wut seiner Zuhörer in Pella verwandelt Trump in magischen Glauben. «Wir gewinnen, gewinnen, gewinnen. Wir werden Amerika wieder grossartig machen.»

Ob es für einen Sieg in Iowa reicht, hängt davon ab, inwieweit es dem Rechtspopulisten gelingt, seine Fans zu bewegen, bei den Parteitreffen aufzutauchen. Kein einfaches Unterfangen, da Trump viele Leute anspricht, die bisher nicht wählen gegangen sind.

Ganz anders als die Anhänger des texanischen Senators Ted Cruz, der am Samstag in Waterloo zusammen mit dem rechten Star-Talker Glen Beck vor 2000 Evangelikalen Hof hielt. Cruz kann sich auf die Fundi-Aktivisten und Tee-Party-Kader in der Republikanischen Partei stützen, die nicht minder radikal, aber deutlich ideologischer sind. «Trump ist kein Konservativer,» erklärt Craig Cornelius sein Misstrauen gegen den Milliardär, der sich kürzlich mit dem falschen Zitieren aus der Bibel blamierte. «Er ist wie alle Politiker, ein Wolf im Schafspelz.»

Gegen Schwulenehe und den IS

Cruz überlässt Beck die Aufgabe, die Zweifel zu nähren. Selbstherrlich und arrogant sei die Behauptung Trump, er könne jemanden mitten in Manhattan erschiessen, ohne deswegen einen einzigen Anhänger zu verlieren. «Die Hybris ist unglaublich», echauffiert sich der Talker im rechten Bruderkrieg. Cruz selber präsentiert sich in Iowa als prinzipienfesten Einzelkämpfer. Wischiwaschi-Kompromissler, denen der Machterhalt wichtiger sei, als gegen Abtreibungen, Schwulenehe, illegale Einwanderer, Obamacare, den IS oder das Atomabkommen mit zu Felde zu ziehen. Die Wut auf das eigene Establishment ist an der Basis so gross wie die auf Obama oder Hillary Clinton. «Nach Bush, McCain und Romney habe ich mir geschworen, nie wieder das kleinere Übel zu wählen.» Das ist die Stimmung, die moderatere Kandidaten marginalisiert und die Vorwahlen zu einem Duell der beiden Rechtsaussen Cruz und Trump gemacht hat.

Das grosse Unbehagen im Land lässt aber auch die Demokraten nicht unberührt. Bernie Sanders hat den Ärger über niedrige Löhne, hohe Ausbildungskosten, teure Krankenversicherung und ein von vielen als ungerecht empfundenes Steuersystem früh erspürt – und er ist damit erfolgreich. Der Senator aus Vermont artikuliert auf der politischen Linken das verbreitete Gefühl, die Eliten des Landes kümmerten sich nur um sich selbst.

In Umfragen liegt er Kopf an Kopf mit Hillary Clinton, der gesetzten Kandidatin der Parteiführung. In Independence tritt Sanders dem Argument entgegen, er sei im Herbst nicht wählbar. Dafür zitiert er wie Trump eine Umfrage nach der anderen, die ihn als den stärkeren Kandidaten ausweist. «Nichts von dem, was wir fordern, ist radikal. Alles gibt es schon in anderen Ländern, und es funktioniert.»

Gravierendes Wohlstandsgefälle

Ein paar Kilometer weiter südlich in Cedar Rapids versucht Hillary Clinton derweil die «Bernie»-Revolution einzudämmen. Clinton lässt es mit einer Geschichte über eine Kellnerin menscheln, die in zwei Jobs arbeiten muss, um ihre beiden Kinder durchzubringen. «Sie hat mich gefragt, warum das in Amerika nicht mehr anders geht.» Wie Sanders spricht sie über das gravierende Wohlstandsgefälle, die Steuertricks der Reichen und die Chancen moderner Umwelttechnologien. Ein ums andere Mal positioniert sie sich als Erbin Obamas, der viel zu wenig Anerkennung für seine Leistungen erhalten habe.

Die Wähler in Iowa müssten entscheiden, «wer die Erfahrung und das Urteilsvermögen hat, die richtigen Entscheidungen für die USA zu treffen». Teri Tuomaly nickt zustimmend. Vor acht Jahren hatte die 56jährige Lehrerin Obama unterstützt. «Wir brauchen eine Macherin, die zu kämpfen versteht», erklärt sie, warum sie sich diesmal mehr auf den Kopf als ihren Bauch verlässt. Ärger empfindet Tuomaly keinen. Hillary tritt hier unverkennbar für eine «dritte Amtszeit» Obamas an. Sie ist die Weiter-so-Kandidatin in einem Land, in dem viele Wähler das diffuse Gefühl haben, dass sich irgendwie etwas ändern muss.

Applaus für den Demokraten Bernie Sanders: «Was wir fordern, ist nicht radikal.» (Bild: ap/Jae C. Hong)

Applaus für den Demokraten Bernie Sanders: «Was wir fordern, ist nicht radikal.» (Bild: ap/Jae C. Hong)

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