Datendiebe
Die Wikileaks-Enthüllungen verpufften rasch

Offshore-Leaks erinnert von Name und Machart her an «Wikileaks». Doch die grosse Enthüllung von 2010 brachte keine wirklich grossen Geheimnisse ans Tageslicht. Ein nüchterner Blick zurück.

Christian Nünlist
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Der Gründer von Wikileaks: Julian Assange (Archiv)

Der Gründer von Wikileaks: Julian Assange (Archiv)

Keystone

Die Whistleblower-Truppe um Wikileaks-Gründer Julian Assange machte 2010 weltweit Schlagzeilen mit Enthüllungen von diplomatischen Telegrammen aus dem US-Aussenministerium. Wie jetzt wurden damals interne Dokumente von einem Datendieb im Teamwork mit internationalen Medienpartnern öffentlichkeitswirksam publiziert.

Doch was bleibt zweieinhalb Jahre später von den «sensationellen Enthüllungen», wie sie im Herbst 2010 u. a. die «New York Times» oder der «Spiegel» angepriesen haben?

«Grösste Indiskretion»

Wikileaks hatte 2010 bereits massenhaft Militärdokumente aus Afghanistan und Irak orchestriert und jeweils als «grösste Indiskretion in der US-Militärgeschichte» angepriesen. Assange selbst erklärte damals stolz: «Die Pentagon-Papers waren 10 000 Seiten lang. Die Afghanistan-Dokumente umfassen hingegen 200 000 Seiten.»

Doch der Vergleich mit den von Daniel Ellsberg aus dem Verteidigungsministerium geschmuggelten Dokumenten über Amerikas Weg in den Vietnamkrieg, welche die «New York Times» 1971 publizierte, hinkt doppelt.

Erstens hatte Ellsberg die Dokumente mühselig aus dem Pentagon schaffen und kopieren müssen – Seite um Seite. Wikileaks-Datendieb Bradley Manning brannte seine Daten hingegen einfach per Mausklick auf eine CD-ROM.

Zweitens hatte Ellsberg Zugang zu Top-Secret-Dokumenten. Im Unterschied dazu lud Branning eher unspektakuläre Dokumente herunter. Von den US-Telegrammen waren nur sechs Prozent als «geheim» klassifiziert.

Quantität statt Qualität

Die Quantität der geklauten Dokumente sagt zudem noch nichts aus über deren Qualität. Mit dem Datendiebstahl beginnt die Arbeit nämlich erst. Die Dokumente müssen studiert und interpretiert werden.

Die Afghanistan- und Irak-Dokumente trieften von Militärjargon, der für die meisten Journalisten unverständlich war. Auch die Suche nach brisanten Enthüllungen in der Viertelmillion Telegramme erforderte Expertisen über die US-Aussenpolitik. Wirklich neue Erkenntnisse blieben rar.

Am interessantesten waren äusserst detaillierte Beschreibungen russischer und chinesischer Vertreter über den Stand der Atomprogramme in Nordkorea und Iran.

Doch der vermeintliche Wikileaks-Coup dürfte sich als kontraproduktiv erwiesen haben: Es ist davon auszugehen, dass die Russen und Chinesen seither deutlich zurückhaltender sein dürften, den USA Geheimnisse anzuvertrauen. Die USA verloren damit ihre wichtigste Informationsquelle über Iran und Nordkorea.

Amerikaner goutieren Lecks nicht

Meinungsumfragen in den USA machen deutlich, dass im Unterschied zu Ellsbergs «Vietnam-Leaks» die Amerikaner das Whistleblowing ganz und gar nicht goutierten: Ende 2010 sprachen sich 80 Prozent der Amerikaner gegen die Publikation geheimer US-Regierungsdokumente auf Wikileaks aus.

Es steht ausser Frage, dass in Demokratien die Regierungen Rechenschaft über ihr Tun ablegen müssen und sich nicht hinter dem Schutzschild der Geheimhaltung verstecken dürfen. Doch mit dem Freedom-of-Information-Gesetz gibt es in den USA einen legalen Weg, geheime Dokumente gerichtlich freizuprozessieren.

Wikileaks hat keine wirklichen Geheimnisse enthüllt – und der britische Intellektuelle Timothy Garton Ash irrte, als er Ende 2010 euphorisch hoffte: «Wikileaks ist der Albtraum jedes Diplomaten, aber der Traum jedes Historikers.»

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