Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Die wahren Königinnen eines Landes

Was anderen Nationen der Fussball ist den Filipinos der Schönheitsköniginnen-Wettbewerb – mit Folgen über die Landesgrenzen hinaus: auch bei internationalen Wettbewerben belegen die Schönheiten aus Südostasiens stets die Spitzenplätze.
Ulrike Putz, Yokohama
40 Kandidatinnen bewarben sich für den diesjährigen Schönheitswettbewerb «Binibining Pilipinas». (Bild: Bullit Marquez/Keystone, Quezon City, 4. April 2019)

40 Kandidatinnen bewarben sich für den diesjährigen Schönheitswettbewerb «Binibining Pilipinas». (Bild: Bullit Marquez/Keystone, Quezon City, 4. April 2019)

Als die frisch gewählte Miss Universe Philippines nach ihrem Sieg am 9. Juni auch ihrem Vater für ihren Erfolg dankte, trieb das nicht wenigen Filipinos die Tränen in die Augen. Denn Gazini Ganados, die gerade eine schwere Tiara auf die schwarzen Locken gedrückt bekommen hatte, hatte im Auswahlverfahren erzählt, dass sie ihren Vater noch nie getroffen hat: Ihre Mutter habe als Gastarbeiterin im Ausland gearbeitet, als sie sich dort in einen Palästinenser verliebt habe. Als sie schwanger wurde, habe ihr Arbeitgeber sie nach Hause geschickt, ihre Eltern hätten sich nie wiedergesehen.

Dass das vaterlose Mädchen 23 Jahre später zur schönsten Frau ihres Heimatlandes gewählt wurde, kam bei den Filipinos blendend an: In dem Land, aus dem jeder zehnte als Gastarbeiter ins Ausland geht, ist das genau die Art Aschenputtel-Geschichte, die die Menschen hören wollen.

Wahlen sind Strassenfeger

Schönheitsköniginnen-Wahlen heissen auf den Philippinen kurz «Beau-con», von Beauty-Contest. Es gibt Hunderte, wenn nicht Tausende von ihnen. Schulen, Universitäten, Arbeitgeber, die grossen Provinzen und die kleinsten Gemeinden: Alle halten sie Miss-Wahlen ab. Zu behaupten, dass diese Zuschauermagneten wären, wäre untertrieben: Im Saal oder vor dem Fernseher eine Miss-Wahl zu verfolgen und fachmännisch zu kommentieren ist das ultimative Sonntagsvergnügen vieler Filipinos. Die Endausscheidungen zu den Wettbewerben auf Landesebene sind denn auch wahre Strassenfeger, Familien und Freunde treffen sich, um mit ihren Favoritinnen mitzufiebern. Und wenn eine Filipina im Finale eines grossen internationalen Wettbewerbs ist, gibt es kein Halten mehr: Dann versammelt sich die High-Society in Ballsälen, um bei 1000 Franken teueren Abendessen die Miss-Wahl zu schauen und Philippine Airlines bietet Sondertarife für Heimflüge an, damit Auslandsfilipinos im Falle eines philippinischen Triumphs ja nicht die Siegesfeiern zu Hause verpassen.

Miss Earth, Miss International, Miss World und schliesslich Miss Universe sind Beau-con-Fans das, was Fussballfreunden die Weltmeisterschaft, Olympia, der Uefa-Cup und die Champions League sind. Und zum grossen Stolz ihrer Landsleute dominieren die Filipinas bei den vier wichtigsten internationalen Ausscheidungen seit Jahren das Feld. Vier Miss Universe stammen von dem Archipel, vergangenes Jahr holte Catriona Gray den Titel. Auch Ganados, die die Philippinen bei dem dieses Jahr in Südkorea ausgerichteten Wettbewerb vertritt, gilt als aussichtsreiche Kandidatin.

Und nicht nur bei den konventionellen Wettbewerben punkten die Philippinen. 2017 gingen der Titel für die schönste Oma der Welt (Grandma Universe) und Mr. Gay World an das südostasiatische Land. Den Siegern winken Aufträge in der Werbung, beim Film und Modelarbeit. Für die Filipinos, von denen einen ein Fünftel von unter zwei Franken am Tag lebt gilt, birgt ein Miss-Titel immer auch das Versprechen auf sozialen Aufstieg. Das wahre Geheimnis hinter den vielen Miss-Krönchen ist jedoch, dass die Filipinos die Sache mit der Schönheit professionell angehen. Wo in Europa die örtliche Industrie den lokalen Fussballverein unterstützt, stecken Unternehmer auf den Philippinen ihr Geld in die Ausbildung von hübschen Hoffnungsträgerinnen. Die werden dann von Experten darin gedrillt, sich von ihrer allerbesten Seite zu zeigen. «Für die Krone. Für die Nation», lautet der Slogan des Kagandahang Flores Instituts in Manila, in dem Rodgil Flores seit 1996 junge Frauen zu Königinnen formt. In den verspiegelten Proberäumen üben Dutzende Schützlinge sechs Tage die Woche, wie man auf 17 Zentimeter hohen Absätzen grazil und doch trittfest über den Laufsteg kommt. Das Krafttraining, die Make-Up- und Frisur-Schulungen werden durch eine Art Bürgerkundeunterricht ergänzt. Das soll die Kandidatinnen auf die knifflige Aufgabe vorbereiten, auf Fragen der Jury so charmante wie intelligente Antworten zu geben.

Zu Schönheitsköniginnen schaut man auf

Für die Aspirantinnen, die bei lokalen Miss-Wahlen rekrutiert werden, ist das Training gratis. Die Kosten tragen Firmen und Privatleute, die hoffen, später mit ihrer Verbindung zu einer landesweit oder gar international erfolgreichen Königin Profit schlagen zu können. «Die Trainingslager sind die Geheimwaffe der Philippinen. Deshalb sind wir zur Schönheits-Weltmacht geworden», sagt Flores. Der Ruf der philippinischen Königinnenmacher ist so gut, dass inzwischen auch Anwärterinnen aus dem Ausland in den Instituten gedrillt werden wollen und dafür gutes Geld bezahlen. Die Tradition der Schönheitswettbewerbe auf den Philippinen lässt sich ins Jahr 1908 zurückverfolgen. Beim Volksfest in Manila wurde damals die erste «Karnevals-Königin» gekrönt. Bald war die Miss-Wahl der Höhepunkt des jährlichen Fests. Anfangs waren es noch die Töchter aus bestem Hause, die sich um die Schärpe bewarben. Doch bald wurde klar, dass gutes Aussehen einer der wenigen Bereiche war, in denen Frauen von niedrigerer Herkunft den Society-Girls den Rang ablaufen konnten.

Kritiker sehen das Geschäft mit der Schönheit äusserst kritisch. Sie sprechen von «Fleischbeschau» und davon, dass Frauen zum Objekt herabgewürdigt und auf Äusserlichkeiten reduziert würden. Zumindest auf den Philippinen scheint das Thema komplexer. Viele prämierte Schönheiten nutzen ihre Position im Rampenlicht, um Themen anzusprechen, die ansonsten vernachlässigt werden. Die von ihren Grosseltern aufgezogene Ganados etwa wirbt für mehr Respekt und bessere finanzielle Absicherung für Senioren. Miss Universe Catriona Gray arbeitet seit Jahren mit Gruppen, die HIV-Patienten betreuen und die Vorteile gegenüber Infizierten abzubauen versuchen.

«Filipinos schauen zu ihren Schönheitsköniginnen auf. Sie sind eine moralische Instanz von nationaler Relevanz», sagt Ric Galvez, der mit seiner Organisation Missosology hinter die Kulissen des Miss-Wahl-Geschäfts blickt. Und so sagen einige Beobachter, dass es auch Gray zu verdanken sei, dass Manila kürzlich trotz strikter Drogenpolitik Marihuana für den medizinische Gebrauch legalisiert hat. Gray hatte sich in der Frage-Antwort-Runde zum Miss Universe-Titel deutlich für die Legalisierung von Marihuana als Arzneimittel ausgesprochen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.