«Die wahre Macht ist das Dienen»

Vor Zehntausenden Gläubigen hat Franziskus das Papstamt offiziell übernommen. Der neue Papst blieb sich treu: Er verzichtete auf jeden Pomp. In seiner Rede rief er Regierungschefs aus aller Welt dazu auf, die «Ärmsten und Schwächsten» nicht zu vergessen.

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Würdenträger aus aller Welt versammeln sich vor der Messe. (Bild: ap/Andrew Medichini)

Würdenträger aus aller Welt versammeln sich vor der Messe. (Bild: ap/Andrew Medichini)

Zum Auftakt der Feier gab es die längste und fröhlichste Fahrt im Papamobil, die ein Papst in Rom je unternommen hat: Immer wieder fuhr Franziskus durch die freigelassenen Gassen auf dem menschenüberfüllten Petersplatz, liess anhalten, um auszusteigen und Behinderte oder Kinder zu segnen. Er winkte, lächelte, rief Sätze in die Menge, die im Jubel untergingen. Auf das übliche Panzerglas am weissen Jeep hat der Papst verzichtet, ebenso auf eine pompöse Garderobe: Für seine Amtseinsetzung trug Franziskus ein einfaches, weisses Messgewand und seine inzwischen bereits legendären schwarzen Strassenschuhe von Buenos Aires. Die Kardinäle und Bischöfe, die vor dem Petersdom in voller Würden-Kleidung Aufstellung genommen hatten, wirkten neben dem schlicht gekleideten Oberhirten etwas «overdressed».

Merkel, Biden und Kirchner

132 ausländische Delegationen hatten sich für die Inaugurationsfeier angemeldet; unter anderem Bundesrat Didier Burkhalter, die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, US-Vizepräsident Joe Biden sowie eine alte Gegnerin des Papstes aus seiner Heimat, die argentinische Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner. Auch zahlreiche Vertreter anderer Weltreligionen waren zugegen; mit Bartholomäus I. nahm erstmals seit fast tausend Jahren ein griechisch-orthodoxer Patriarch an der Amtseinführung eines römisch-katholischen Papstes teil.

Nicht dabei war sein Vorgänger Benedikt XVI., der seit seinem Rücktritt in Castelgandolfo den Ruhestand geniesst. Franziskus will ihn am Samstag im päpstlichen Sommerschloss besuchen gehen.

Ein einfacher Silberring

Mit der Überreichung des Fischerrings (abgeleitet vom «Menschenfischer» Petrus) und dem Pallium (ein Wollschal, der das Lamm Gottes symbolisiert) ist die volle päpstliche Gewalt an Franziskus übergegangen; das Pontifikat hat seinen offiziellen Anfang genommen. Auch beim Fischerring hat der neue Papst auf Schlichtheit geachtet: Es handelt sich um einen vergoldeten Silberring, der eigentlich für Papst Paul VI. angefertigt worden war, ein Recycling-Produkt sozusagen. Das Pallium jedoch hat er von seinem Vorgänger Benedikt übernommen.

Die Nackten, Kranken und Gefangenen

In der Messe sagte Franziskus, dass ihm mit seinem neuen Amt zwar Macht verliehen worden sei. «Aber um was für eine Macht handelt es sich? Vergessen wir nie, dass die wahre Macht das Dienen ist und dass auch der Papst, um seine Macht auszuüben, immer mehr in jenen Dienst eintreten muss, der seinen leuchtenden Höhepunkt am Kreuz hat.» Wie der heilige Josef, dessen Namenstag gestern war und dem Franziskus seine Predigt gewidmet hat, müsse der Papst «die Arme ausbreiten, um das ganze Volk Gottes zu hüten und mit Liebe und Zärtlichkeit die gesamte Menschheit anzunehmen, besonders die Ärmsten, die Schwächsten, die Geringsten – diejenigen, die Matthäus beschreibt: die Hungernden, die Durstigen, die Fremden, die Nackten, die Kranken, die Gefangenen.»

Der Papst, der sich den Namen des Heiligen von Assisi gegeben hat, appellierte an die anwesenden Regierungsvertreter, auch sie mögen «Hüter der Schöpfung, des in die Natur hineingelegten Planes Gottes» sein. Die Aufgabe eines «Hüters» sei es, sich um alle zu kümmern, um jeden Einzelnen, besonders um die Kinder, um die alten Menschen, um die Schwächeren und um die, die an den Rand gedrängt würden. Hass, Neid und Hochmut verunreinigten das Leben: «Hüten bedeutet also, über unsere Gefühle, über unser Herz zu wachen, denn von dort gehen unsere guten und bösen Absichten aus: die aufbauenden und die zerstörerischen. Wir dürfen keine Angst haben vor der Güte und auch nicht vor der Zärtlichkeit.» Güte sei kein Zeichen von Schwäche, im Gegenteil.

Burkhalter lädt Papst ein

Nach dem Gottesdienst, der unter phasenweise leicht bewölktem, aber ansonsten strahlendem Römer Frühlingshimmel stattfand, begrüsste Franziskus im Petersdom jeden einzelnen der angereisten Regierungsvertreter persönlich. Bundesrat Didier Burkhalter sagte zum Papst, dass er sich freuen würde, wenn er bald einmal die Schweiz besuchen würde. Franziskus habe sich bedankt und geantwortet, er – Burkhalter – solle zunächst einmal für ihn beten, dann werde er kommen. Der Schweizer Aussenminister (und Protestant) zeigte sich erfreut über die Wahl des 76jährigen Argentiniers zum neuen Oberhaupt der katholischen Kirche: «Der Kampf gegen Armut, für den Frieden, für die Umwelt und für Demokratie und Menschenrechte ist bei uns ein Verfassungsauftrag – und es ist die gleiche Botschaft, die wir jetzt vom Papst hören», sagte Burkhalter.

Dominik Straub, Rom

Grosseinsatz für die Schweizergarde auf dem Petersplatz. (Bild: epa/Ettore Ferrari)

Grosseinsatz für die Schweizergarde auf dem Petersplatz. (Bild: epa/Ettore Ferrari)

Plötzlich so nah: Papst Franziskus segnet ein Kind. (Bild: epa/Claudio Peri)

Plötzlich so nah: Papst Franziskus segnet ein Kind. (Bild: epa/Claudio Peri)

Auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel macht dem Papst die Aufwartung. (Bild: epa/Guido Bergmann)

Auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel macht dem Papst die Aufwartung. (Bild: epa/Guido Bergmann)

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