«Die Währungsunion ist am Ende»

HSG-Wirtschaftsprofessor Beat Bernet hat Anfang Jahr vor einer massiven Krise des Euro gewarnt. Seine Befürchtungen haben sich bewahrheitet. Im Interview äussert er sich nun über die Zukunft des Euro, zur Gefahr des Nationalismus in Europa und zur Situation der Schweiz.

Merken
Drucken
Teilen
Hier sitzen die Hüter der europäischen Gemeinschaftswährung. Der Hauptsitz der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt. (Bild: ky/Patrick Sinkel)

Hier sitzen die Hüter der europäischen Gemeinschaftswährung. Der Hauptsitz der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt. (Bild: ky/Patrick Sinkel)

Herr Bernet, neue Regierungen in Athen und Rom kämpfen gegen gigantische Schuldenberge. Wie düster ist die ökonomische Lage Europas?

Beat Bernet: Es gibt kaum Anzeichen, dass die Turbulenzen in den nächsten Monaten kleiner werden. Im Gegenteil. Während bisher der Druck auf die Krisenstaaten von aussen kam – beispielsweise von den EU-Institutionen oder von Deutschland und Frankreich – wird er künftig in erhöhtem Masse von innen kommen.

Sie prophezeien soziale Proteste wegen der harten Sparprogramme.

Bernet: Sparpläne und Steuererhöhungen werden zu sozialer Unrast führen. Das schränkt die Handlungsmöglichkeiten der Regierungen ein. Es wird verstärkt zu nationalistischen Tendenzen kommen. In vielen Ländern haben die politischen Parteien noch nicht begriffen, dass es jetzt um das Land und nicht um Einzelinteressen gehen muss.

Was könnten die Folgen davon sein, dass die Bürger etablierten Parteien die Gefolgschaft verweigern?

Bernet: Es könnten Kräfte an Einfluss gewinnen, die sich von der EU abwenden. Parteien, die in der EU den Sündenbock sehen für die Rosskuren, denen ihr Land sich unterziehen muss.

Nationalismus ist eine Gefahr für Europa. Ist das Projekt EU gefährdet?

Bernet: Ich glaube, dass die EU, so wie wir sie heute kennen, nicht überleben kann. Nach der Banken- und Finanzkrise wird es wohl bald eine Krise der politischen Institutionen geben.

Sie malen schwarz. Die EU hat bisher jede Krise überstanden.

Bernet: Die EU hat noch nie in ihrer Geschichte eine Krise solchen Ausmasses erlebt. Eine Lawine, die ins Rutschen gekommen ist, lässt sich nicht aufhalten. Wir haben nicht primär eine Eurokrise. Die Ursachen liegen tiefer: in den grossen Strukturproblemen, in der mangelhaften Wettbewerbsfähigkeit, in der fehlenden Finanzkraft vieler Mitglieder der EU.

Dann ist die Verschuldung vieler Staaten also gar nicht so gravierend?

Bernet: Sie ist sogar noch gravierender, als das die offiziellen Statistiken zeigen. In vielen Ländern sind die «versteckten» Schulden noch höher als die ausgewiesenen Staatsschulden – denken wir etwa an die unterfinanzierten Sozialwerke und Vorsorgesysteme. Ich glaube nicht, dass wir mit traditionellen Massnahmen wie Rettungsschirmen oder Eurobonds diese Krise beheben können.

Was ist zu tun?

Bernet: Es gibt keine Patentrezepte. Die heute diskutierten Lösungsansätze bekämpfen Symptome. Sie kaufen für horrende Summen etwas Zeit und verschärfen effektive Probleme nur noch. Man sollte rasch die EU-Verträge anpassen, Austritts- und Ausschlussoptionen vorsehen, Sanktionsmöglichkeiten verankern, das Einstimmigkeitsprinzip aufheben und Leitplanken einer gemeinsamen Wirtschafts- und Finanzpolitik definieren. Es ist mir klar, dass das die EU in ihren Grundfesten erschüttern würde.

Und was bringen die Sparpläne, die jetzt überall präsentiert werden?

Bernet: Sie sind nötig, lösen aber das Problem der Verschuldung kurzfristig nicht. Man spart, kürzt Renten und Löhne, was den Konsum reduziert, die Konjunktur einbrechen lässt und die Steuereinnahmen verringert. Mit der Wirtschaftsschwäche steigen das Risiko und damit die Zinsen. Das führt zu einer Abwärtsspirale, die im Rahmen des bestehenden Systems nicht zu durchbrechen ist. Länder wie Griechenland oder Portugal brauchen eine fundamentale Restrukturierung.

Was heisst das konkret?

Bernet: Die europäischen Krisenländer müssen die Möglichkeit haben, ihre Währung abzuwerten. Das geht mit dem Euro nicht. Innerhalb der Eurozone können sie nur überleben, wenn es zu permanenten Kapitalzuflüssen aus den reicheren Regionen kommt. Gleichzeitig müssten die Lohnkosten der Südländer steigen und die Deutschlands sinken, um die Unterschiede in der Wettbewerbskraft und die Leistungsbilanzen etwas auszugleichen. Das ist politisch nicht machbar.

Dann läutet die aktuelle Krise das Ende des heutigen Euros ein.

Bernet: Im Endeffekt ja. Die reichen Staaten des Nordens werden wohl eine Art «Nordeuro» schaffen, der stärker ist als der gegenwärtige. Die südlichen Länder hingegen werden zu ihren alten Währungen zurückkehren, um wieder wettbewerbsfähiger zu werden.

Hätte dieses Spaltungsszenario nicht unwägbare ökonomische Folgen für den ganzen Kontinent?

Bernet: Doch. Der Zerfall der Eurozone wird noch dramatische Auswirkungen haben und sehr viel Geld kosten. Andererseits kosten auch die aktuellen Rettungsversuche unglaublich viel, ohne viel zu bringen. Es wäre sinnvoller, die Mittel, die jetzt in ein Fass ohne Boden investiert werden, in den Wiederaufbau restrukturierter Wirtschaftssysteme zu stecken.

Konkret heisst das, die EU lässt Griechenland fallen und baut es anschliessend wieder auf.

Bernet: Das muss sich die EU ernsthaft überlegen. Ich bin überzeugt, auch die Griechen werden zum Schluss kommen, dass der Austritt aus der Eurozone für sie die beste Option darstellt.

Gilt das auch für andere Länder?

Bernet: Ich sehe auch für Portugal kaum eine bessere Lösung. Italien wird als Gründungsmitglied der EU nicht austreten wollen. Kommt es zu einer ernsthaften Verschärfung der Krise mit entsprechenden Zinserhöhungen, wird das aber eine ernsthafte Option sein.

Politiker wie Angela Merkel oder Nicolas Sarkozy haben stets betont, der Euro sei auch ein politisches Projekt. Darum muss er – gehauen oder gestochen – gerettet werden. Teilen Sie diese Einschätzung?

Bernet: Nein. Die Währungsunion ist in ihrer bisherigen Form am Ende. Die EU als politische Union und Freihandelszone wird aber weiterbestehen und die Basis für einen späteren verbesserten Neustart einer umfassenden Währungszone werden. Aber das ursprüngliche Konzept der EU müsste man in diesem Falle als gescheitert bezeichnen. Das ist aber gar nicht so schlimm, höchstens für das Ego einiger Politiker. Ein Ende mit Schrecken ist besser als ein Schrecken ohne Ende.

Wie ist die Schweiz aufgestellt inmitten dieser Turbulenzen?

Bernet: Bisher haben wir von diesen Turbulenzen wenig gespürt. Aber in unserer vernetzten Welt gibt es keine «Insel der Glückseligen» mehr. Wir haben eine eigene Währung, wir sind nicht in der EU, aber wir sind von den Entwicklungen sehr betroffen. Die Hälfte unserer Wertschöpfung verdanken wir der EU. Geht es der EU schlecht, dann trifft das mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung auch uns. Seit dem Sommer weisen alle ökonomischen Indikatoren nach unten. 2012 wird die Krise mit voller Härte auch auf uns durchschlagen.

Das heisst?

Bernet: Wir gehen auf ein Nullwachstum zu, vielleicht gar in eine rezessive Phase. Wenn es tatsächlich zu einer Kernschmelze des Euro kommen sollte, wird die Nationalbank den bisherigen Frankenkurs von 1.20 nicht mehr verteidigen können. Sie wird dann unsere Währung für einige Zeit fix an den Euro binden müssen.

Eine solche Anbindung ist faktisch eine Aufgabe des Frankens und zudem teuer.

Bernet: Das ist so. Doch ich rechne nicht mit anhaltend horrenden Kosten. Sobald es in Nordeuropa wieder eine starke Währung gibt, ist auch die Nationalbank entlastet und kann den Franken wieder freigeben.

Muss der Schweizer Mittelstand um seinen Wohlstand fürchten?

Bernet: Wir steuern sicher auf schwierigere Zeiten zu. Weniger Wachstum bedeutet auch weniger Wohlstand. Doch momentan gibt es in der Schweiz keine Inflationstendenzen.

Und mittelfristig?

Bernet: Mittelfristig rechne ich eher mit einer stagnierenden Wirtschaftsleistung bei steigender Inflation. Doch unser Land ist gut aufgestellt. Wir haben gesunde Staatsfinanzen, tiefe Steuern, wenig Arbeitslosigkeit und ein stabiles politisches System. Das wird uns helfen, auch schwierige Zeiten zu überstehen.

Interview: Stefan Schmid