«Die Vorsicht sollte sich durchsetzen»

Der englische Schriftsteller William Boyd hofft auf einen Verbleib Grossbritanniens in der EU: «Gemeinsam sind wir besser, und zwar sowohl im Vereinigten Königreich als auch in der Europäischen Union.» Die Ängste, welche die Befürworter schüren, stellten sich als lächerlich heraus.

Sebastian Borger
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William Boyd Der Romancier und Drehbuchautor William Boyd (64) gehört zu den herausragenden britischen Autoren seiner Generation. Auf Deutsch erschien zuletzt «Die Fotografin», Berlin Verlag. (Bild: Trevor Leighton)

William Boyd Der Romancier und Drehbuchautor William Boyd (64) gehört zu den herausragenden britischen Autoren seiner Generation. Auf Deutsch erschien zuletzt «Die Fotografin», Berlin Verlag. (Bild: Trevor Leighton)

Herr Boyd, nehmen Sie Anteil an dem bevorstehenden Referendum über Grossbritanniens EU-Mitgliedschaft?

William Boyd: Man muss kein Experte sein um zu wissen: Dieses Referendum hat das Zeug zu einem Desaster. Ich will gar nicht so tun, als wüsste ich sonderlich gut über die Arbeitsweise der europäischen Institutionen Bescheid. Aber ich verfolge die beiden Seiten des Abstimmungskampfes sehr genau.

Gehören Sie etwa zu der winzigen Minderheit von Briten, denen die EU gefällt?

Boyd: Die Befürworter der EU haben das Problem, dass Brüssel und alle seine Institutionen seit Jahrzehnten von der britischen Presse dämonisiert werden. Ohnehin kann man ja schwer argumentieren: «Der Bürokratenapparat einer internationalen Organisation ist etwas ganz Tolles.» Das glaubt erstens niemand, und zweitens würde niemand so abstimmen. Stattdessen redet das EU-Lager zu Recht von den Risiken, die ein Brexit beinhaltet. Wir sind stärker in einem vereinigten Europa. Diese Botschaft ist für alle verständlich, und in Kampagnen wie dieser muss man bei einfachen Botschaften bleiben.

So verfahren jedenfalls die EU-Gegner.

Boyd: Die EU-Gegner produzieren schönen Schein. Ich bin Schotte, machte mir also vor zwei Jahren grosse Sorgen, als über Schottlands Unabhängigkeit abgestimmt wurde. Jetzt sehe ich viele Parallelen. Das Brexit-Camp scheint mir im Weltall angesiedelt, beinahe in einer anderen Galaxie als jener, in der wir arme Menschenkinder leben. Ihre Argumente verändern sich täglich. Statistiken werden aus der Luft gegriffen und hirnlos wiedergekäut, selbst wenn sie sich als falsch herausstellen.

Und das erinnert Sie an die damalige schottische Debatte?

Boyd: Ja, sehr sogar. Angesichts des niedrigen Ölpreises wäre ein unabhängiges Schottland heute total bankrott. All das Geschwätz wie «Wir schaffen es allein» und «Wir sind ein tolles Land» ist albern. Natürlich sind wir toll. Und natürlich könnten wir es allein schaffen. Aber wir sind «Gemeinsam besser», und zwar sowohl im Vereinigten Königreich als auch in der Europäischen Union.

«Gemeinsam besser» (Better together) war der Slogan der Unionisten im schottischen Referendum.

Boyd: Und er scheint mir diesmal genauso zu passen. Die Brexit-Leute zeichnen sich durch den engstirnigen Nationalismus aus, den man traditionell mit dem Begriff «Little Englander» verbindet. Also reichlich patriotisches Gerede vom «grossartigen Land», aber kaum Fakten. Jegliche Argumente gegen ihre Phantasievorstellungen werden als «Projekt Angst» verworfen. Interessanterweise gibt es diese Haltung in allen Parteien; sie zieht sich auch quer durch das sehr komplizierte englische Klassensystem.

Sind Ihnen persönlich Leute begegnet, die für den Brexit eintreten?

Boyd: Unter meinen Freunden gibt es keine Brexit-Kämpfer. Aber man trifft ja Leute in den Geschäften oder schnappt Bemerkungen auf der Strasse auf. Ich habe mit dem Mann diskutiert, der mich gelegentlich zu Terminen fährt. Er war beeindruckt von der patriotischen Propaganda und der Anti-Einwanderungsrhetorik à la Donald Trump.

Beide Seiten verlassen sich sehr auf negative Argumente. Wo bleibt das Positive?

Boyd: Wir müssen positiv reden und sagen, dass Einwanderung insgesamt vorteilhaft ist. Ich lebe teilweise in London, einer polyglotten, multikulturellen Stadt, in der man stündlich Immigranten begegnet. Da merkt man schnell, wie gut sie unserer Gesellschaft tun. Ich lebe aber auch in Frankreich und bin viel in Europa unterwegs, so dass ich die EU sowohl vom Kontinent aus wie von Britannien aus erlebe. Vieles läuft falsch in einigen der europäischen Institutionen, genau wie in manchen britischen Institutionen vieles falsch läuft. Aber wir teilen eine Geschichte und eine Kultur. Die Zusammenarbeit gibt uns auf globaler Ebene Durchsetzungsvermögen und Gewicht, ohne dass unsere nationale Identität beeinträchtigt würde. Sind die Italiener weniger italienisch, die Franzosen weniger französisch, weil sie der EU angehören? Natürlich nicht. Die Ängste, die hier geschürt werden, stellen sich als lächerlich heraus.

Aber die Ängste sind doch weit verbreitet.

Boyd: Aus meiner Sicht gibt es eine ziemlich kleine Gruppe von Leuten, für die der Austritt aus der EU einer Religion gleichkommt. Mit einer vom festen Glauben geprägten Bewegung umzugehen ist schwierig, ungefähr so zwecklos wie jemandem zu predigen, er solle nicht an Gott glauben. Es hat wenig Sinn, über die tatsächlichen Vorteile der EU zu reden oder etwa gar über die Probleme, die sich einstellen werden, wenn es zum Brexit kommt. Der Kern dieser Gruppe besteht aus den ungefähr 90 anti-europäischen Tory-Abgeordneten, die David Cameron das Leben schwermachen. Törichterweise gab er diesen Hinterwäldlern nach und bekannte sich zum Referendum. Ich hoffe auf eine Realitätsprüfung, die all den Unsinn beiseite wischt, der zurzeit verbreitet wird.

Und wie wird es am Ende ausgehen?

Boyd: Mein Optimismus speist sich aus dem Ergebnis des schottischen Referendums, das mit 55:45 Prozent für den Verbleib im gemeinsamen Königreich endete. Die Schotten sind schlaue Leute, sie wollten nicht ihre Zukunft aufs Spiel setzen. Auch am 23. Juni sollte sich Vorsicht durchsetzen. Ich hoffe auf das Votum der vielen stillen Menschen im Land. Aber man kann nie wissen. Ich bleibe beunruhigt.