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Die Verlierer des Eurovision Songcontests stehen bereits fest

Zu den grossen Verlierern zählen diejenigen, die Israel als Pop-up-ESC-Kapitale verhindern wollten. Zudem sorgt Politisches am ESC immer wieder für Streit.
Pierre Heumann, Tel Aviv
Vor dem Start des ESC putzt eine Arbeiterin die Strasse. (Bild: Abir Sultan / EPA, Tel Aviv, 12. Mai 2019)

Vor dem Start des ESC putzt eine Arbeiterin die Strasse. (Bild: Abir Sultan / EPA, Tel Aviv, 12. Mai 2019)

Die Wette läuft. Nach dem ersten ESC-Halbfinal packen die ersten Teilnehmer ihre Koffer. Heute Nacht, in der zweiten Vorrunde, wird die Zahl der Konkurrenten um den ersten Preis nochmals kleiner, bevor am Samstag feststeht, wer am meisten Punkte erhalten hat. Während das Siegerland erst am Schabbat feststehen wird, ist bereits jetzt klar, wer die politischen Gewinner und Verlierer des ESC sind. Denn beim grossen Wettsingen geht es nicht nur um Pop, sondern auch um «Soft Power».

Israels Regierung musste vor einigen Monaten zurückstecken. Sie hatte den ESC nach Jerusalem eingeladen, wie in den Jahren 1979 und 1999. Doch die European Broadcasting Union weigerte sich dieses Mal, die Hauptstadt als Austragungsort zu akzeptieren. Deshalb fiel die Wahl auf das weniger heikle Tel Aviv.

Zwei Absagen

Zu den grossen Verlierern zählen diejenigen, die Israel als Pop-up-ESC-Kapitale verhindern wollten. Dazu gehören Palästinenser und die BDS-Bewegung, die seit 2005 zum Boykott, zur Desinvestition und zu Sanktionen gegen Israel aufruft. Den Eurovisionsrummel in Tel Aviv brandmarkt BDS als «artwashing», das vom Palästinenserproblem ablenken solle. Die BDS vertritt mit ihrer Kampfansage an den Gesangswettbewerb eine Minderheitenmeinung. So fand BDS-Fan Roger Waters wenig Gehör für seine Aufforderung an Künstler und Touristen, nicht nach Tel Aviv zu reisen. Und die US-Pop-Diva Madonna will, allen Mahnungen von Palästinafreunden zum Trotz, am Final mit zwei Songs auftreten.

Lediglich zwei Länder – Bulgarien und die Ukraine – haben ihre Teilnahme abgesagt. Bulgarien macht dafür allerdings wirtschaftliche Gründe geltend. So kann höchstens die Abwesenheit der Ukraine als Protest gewertet werden. Kiew sendet keine Delegation nach Tel Aviv, weil sich die beiden Favoriten geweigert haben, in Israel zu singen.

Während Anfang Mai die ersten Delegationen in Tel Aviv eintrafen und ihre Auftritte vorbereiteten, wollten das Dschihadisten mit dem Abschuss mehrerer hundert Raketen auf Israel verhindern. Doch die Dschihadisten hatten keinen Erfolg. Denn die Sänger liessen sich nicht aus der Ruhe bringen. Und dann willigte die Hamas gerade noch rechtzeitig in eine Waffenruhe ein. Jedoch weiss niemand, wie lange die Hamas das Abkommen respektieren wird.

Politisches sorgt für Streit

Die Veranstalterin des Wettbewerbs kann zwar weder die Hamas noch BDS-Aktivisten kontrollieren. Aber sie versucht das Risiko zu minimieren, dass statt der oft kitschigen Texte harte politische Botschaften aus den Kehlen erklingen. Wer sich auf der Bühne zu einem politischen Statement hinreissen lässt, wird vom Wettbewerb ausgeschlossen. Dass Politisches am ESC immer wieder für Zoff gesorgt hat, weiss Dean Vuletic, ein Historiker der Universität Wien, der im vergangenen Jahr ein Buch über die Geschichte der Eurovision geschrieben hat. 1976 protestierte zum Beispiel der griechische Kandidat gegen die Besatzung Zyperns durch die Türkei. Schon an der ersten Veranstaltung, 1956 in Lugano, hatte es eine politische Botschaft gegeben. Für die Bundesrepublik Deutschland sang damals Walter Andreas Schwarz «Im Wartesaal zum grossen Glück». Da Schwarz Jude und Holocaustüberlebender war, fiel die Aussage zum Holocaust unmissverständlich aus. Seit zwanzig Jahren ist es am ESC zwar verboten, mit dem Lied für politische Ziele einzustehen. Trotzdem prangerten 2010 und 2015 armenische Sänger den Völkermord unter den Osmanen an.

Dass der Wettbewerb vor Gewalt geschützt werden musste, sei bereits einmal nötig gewesen, meint Vuletic: 2012 in Aserbaidschan. Die Marine patrouillierte damals auf dem Kaspischen Meer, weil Islamisten mit einem Anschlag gedroht hatten. Nie zuvor aber sei der ESC «so nahe an einer Kriegszone und dermassen bedroht von Angriffen» ausgetragen worden, sagt der ESC-Historiker.

Imagepolitur für die Stadt

Die Tel Aviver, die vom Tourismus leben, sind enttäuscht. Sie hatten sich vom ESC-Trubel mehr Gäste und höhere Umsätze erhofft. Für den Dämpfer sind weder die Drohungen von Islamisten noch Boykottaufrufe von Palästinafreunden verantwortlich, sondern Hoteliers. Sie haben sich mit frechen Preissteigerungen während der ESC-Woche aus dem Markt manövriert.

Um für den Andrang gewappnet zu sein, der zum Wettbewerb um den besten Song erwartet wurde, hatte man massiv investiert – von 50-Dollar-Übernachtungskapseln bis zu Luxushotels. Mit Hilfe des Wettbewerbs um den besten Song profiliert sich die Destination am Mittelmeer jetzt als Staat Tel Aviv, der anders tickt als der Rest des Landes. Tourismusstrategen wollen das Image der Stadt als heisse Kultur- und vibrierende Innovationsstadt, als gastronomisches Zentrum und tolerante Superstadt für die LGBT-Szene weiter verbessern.

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