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Die Vergangenheit ist nie vorbei

Auch siebzig Jahre nach dem Ende des Naziterrors ist der Holocaust nicht nur Anlass zum Gedenken. Die Erinnerung an seine Opfer und auch an seine Täter ist und bleibt menschliche und politische Verpflichtung.
Walter Brehm
Ein jüdischer Besucher betrachtet in der Halle in der Gedenkstätte Yad Vashem Namen und Porträts von Holocaustopfern. (Bild: ap/Sebastian Scheiner)

Ein jüdischer Besucher betrachtet in der Halle in der Gedenkstätte Yad Vashem Namen und Porträts von Holocaustopfern. (Bild: ap/Sebastian Scheiner)

«Nie wieder Krieg! Nie wieder Auschwitz!» Dieser Ruf ertönte im Frühling 1945. Er war aus dem Erschrecken über den verbrecherischen Vernichtungskrieg der Nationalsozialisten erwachsen – und aus dem Erkennen eigener Schuld am Holocaust an den europäischen Juden. Nachhaltig aber war er nicht.

Singuläres Verbrechen

70 Jahre ist es her, dass die Spitzen der West-Armeen und der Roten Armee aus der Sowjetunion auf ihrem Vormarsch nach Berlin ein Nazikonzentrationslager nach dem anderen befreiten: Vernichtungslager wie Auschwitz, Treblinka und Bergen-Belsen; sogenannte «normale» KZ wie Dachau, Buchenwald und Mauthausen. Gestern ist, wie jedes Jahr am 16. April der Holocaust-Tag begangen worden. In Europa längst ein Agenda-Termin, der von der politischen Prominenz pflichtschuldig wahrgenommen wird – und an dem im «Nebenfach» auch der Roma-Opfer, der ermordeten Homosexuellen und der Widerstandskämpfer gedacht wird.

6 000 000 Juden haben den Naziterror nicht überlebt. Dass ihre Nachfahren bis heute zu Recht auf der Singularität dieses Völkermordes bestehen, hat aber nicht nur mit dieser unfassbaren Millionen-Ziffer zu tun. Die Shoa, wie Juden den Holocaust nennen, war und ist bis heute der einzige industriell geplante und durchgeführte Genozid der Menschheitsgeschichte. Europa wurde mit einem Netz von Ghettos, einer mörderischen Logistik und Todesfabriken überzogen. Das Ziel war die physische Vernichtung des Judentums in Europa – so offiziell beschlossen auf der Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 in Berlin. Doch die Juden – zum Beispiel in Auschwitz – ins Gas zu schicken, war nur eine Beschleunigung dieses industriellen Massenmordes, der über zynische Parolen wie «Vernichtung durch Arbeit» und das massenhafte, aber teure Erschiessen von Menschen lange zuvor begonnen hatte.

Am Anfang ist immer die Hetze

70 Jahre nach dem Ende der Shoa ist die Menschheit längst mit weiteren Völkermorden belastet: Ruanda, Darfur, Srebrenica sind die Namen bitterer Stationen von Verbrechen an der Menschheit. Brutale, mit Kalaschnikows, Macheten und Spitzhacken verübte Genozide. Aber nur in der zynischen Menschenverachtung mit der Shoa zu vergleichen – weit entfernt von der Mord-Industrie der Nazis. Warum das wichtig ist? Jeder Völkermord beginnt mit Worten, mit der Entmenschlichung der Opfer als Vieh-Zeug, Getier, Ungeziefer. Auch darin lassen sich Genozide vergleichen.

Das singuläre an der Shoa ist ihre Ausführung durch professionelle Folter- und Tötungs-Experten, abgeschottet von jeder Öffentlichkeit. Singulär war die Flucht vor dem Wissen, die das Naziregime seinen Anhängern anbot. Die «Vernichtung der jüdischen Rasse» musste nicht wahrgenommen werden. Die Mär von der Umsiedlung der Juden in eroberte Ostgebiete Europas glaubte zwar kaum jemand, aber die meisten Deutschen und europäischen Nazi-Anhänger konnten ihr Gewissen gut hinter diesem Code verstecken. Lügen und Selbstbetrug machten dies möglich.

Das Monster lebt

Was aber bedeutet dies alles heute – 70 Jahre später? Der grösste Teil Europas lebt in rechtsstaatlich verfassten und mehr oder weniger gefestigten Demokratien. Und doch erhebt das rassistische, antisemitische Ungeheuer seit Jahren erneut sein freches Haupt. Und wieder sind es Lügen und Selbstbetrug, die es begünstigen.

Die Codes sind neu, aber erfüllen den alten Zweck. Das Monster versteckt sich hinter berechtigter Kritik an der israelischen Politik, hinter religiösem Wahn moslemischer und evangelikaler Couleur, hinter wohlfeiler Schuldzuweisungen wegen wirtschaftlicher, politischer oder gesellschaftlicher Ausgrenzung und Randständigkeit.

Das Monster Antisemitismus lebt. Vorerst meist im geschriebenen und gesprochenen Wort. Auffällig gehäuft aber schon in gewalttätigen individuellen Übergriffen oder bereits organisiertem politischen oder religiösen Terror.

Und das Monster hat einen mächtigen Helfer – die Zeit. Immer weniger Menschen sind Zeitzeugen oder überlebende Opfer der Shoa. Zwar lassen sich wenig jüngere Menschen von offenen Holocaust-Leugnern verführen. Aber die meisten sind in weit grösserer Gefahr, weil sie zwar von der Shoa wissen, aber keine persönliche Erfahrung damit mit sich herumschleppen müssen. Im Zeitalter der Smartphones, der jederzeit beliebig verfügbaren banalsten Information, sind 70 Jahre eine Ewigkeit. Und ein weiterer mächtiger Feind des Erinnerns ist die sich häufende politische Instrumentalisierung des Holocausts.

Keine Politik mit dem Holocaust

Die Leugnung der Singularität des Holocausts hat viele Gesichter. Sei es, dass Palästinenser ihre unbestrittene Unterdrückung mit dem Naziterror gleichstellen, sei es, dass israelische Politiker wie Benjamin Netanyahu (siehe untenstehenden Text) selber politische Gegner und gegnerische Staaten wie Iran mit dem Naziregime vergleichen oder Alliierte mit der Behauptung unter Druck setzen, sie würden sich gegenüber Iran verhalten wie die europäischen Anpassungs-Politiker gegenüber Hitler in den 1930er-Jahren.

Das Gedenken an den Holocaust, an seine Ursachen und Folgen ist wichtiger denn je. Kein Platz dem Vergessen! Kein Platz dem Hantieren mit schiefen Vergleichen! Beides birgt die Gefahr der Wiederholung .

Benjamin Netanyahu Israelischer Premierminister (Bild: epa)

Benjamin Netanyahu Israelischer Premierminister (Bild: epa)

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