Ulrich Tilgner
«Die Taliban in Pakistan suchen sich zunehmend weiche Ziele aus»

Ein Angriff von bewaffneten Extremisten auf eine Schule im Nordwesten Pakistans hat mehr als 120 Opfer gefordert, darunter über 80 Schüler. Was sind die Hintergründe der Attacke? Ein Gespräch mit dem Journalisten und Nahostexperten Ulrich Tilgner.

William Stern
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Ulrich Tilgner am Marketing-Podium

Ulrich Tilgner am Marketing-Podium

Christian Murer

Herr Tilgner, die Gruppe Tehrik-i-Taliban hat erklärt, für den Angriff auf eine Schule in Peschawar verantwortlich zu sein. Wer steht hinter dieser Gruppierung?

Ulrich Tilgner: Man muss vorsichtig sein: Noch ist nicht erwiesen, dass Tehrik-i-Taliban tatsächlich für die Attacke verantwortlich ist. Die Taliban inPakistan sind zerfasert in fast 50 Gruppen, dementsprechend schwierig ist es, einer bestimmten Gruppe die Verantwortung zuzuschreiben. Tehrik-i-Taliban will – wie andere pakistanische Taliban-Gruppen auch – einen islamischen Staat errichten und steht der Al-Kaida nahe.

Ein verwundeter Schüler wird weggebracht.
8 Bilder
Die Schüler sind zwischen zehn und achtzehn Jahre alt.
Überfall auf Militärschule in Pakistan
Dutzende wurden verwundet.
Die Armee hat das Schulgelände umstellt
Die Armee hat das Schulgelände umstellt
Die Armee hat das Schulgelände umstellt
Die Armee hat das Schulgelände umstellt

Ein verwundeter Schüler wird weggebracht.

Keystone

Wieso wählten die Angreifer ausgerechnet eine Schule als Ziel?

Pakistanische Aufständische suchen sich zunehmend weiche Ziele aus. Bei der Schule in Peschawar handelte es sich um ein solches weiches Ziel: wenig Sicherheitsvorkehrungen, leicht einzunehmen. Hinzu kommt, dass in der betreffende Schule viele Kinder von Militärangehörigen eingeschrieben sind. Es liegt also nahe, dass – wie von den Medien spekuliert – der Anschlag als Vergeltungsaktion für militärische Offensiven galt.

Ulrich Tilgner

Der Journalist und Autor hat während mehreren Jahren als Korrespondent aus dem Nahen und Mittleren Osten berichtet. Aktuell ist der 66-Jährige als Korrespondent für SRF tätig. Für seine Berichterstattung über den Irak-Krieg erhielt Ulrich Tilgner den Hanns-Joachim-Friedrich-Preis für Fernsehjournalismus 2003.

Die pakistanische Armee hat ihr militärisches Vorgehen gegen die Taliban seit diesem Sommer intensiviert und eine grosse Offensive gestartet. Welche Ziele verfolgt das Militär mit dieser Offensive?

Die Behörden möchten die faktisch autonome Region Nordwaziristan unter staatliche Kontrolle bekommen. Mitunter werden zu diesem Zweck ganze Dörfer niedergebrannt. Unter den Militäroffensiven hat also in erster Linie die Zivilbevölkerung zu leiden. Das Vorgehen der Armee ist dementsprechend umstritten.

Führt die Militäraktion Pakistans zum Erfolg?

Nein, der Terrorismus ist dadurch nicht zu beseitigen. Wie gesagt: Das Vorgehen der Regierung führt zu neuem Leid und neuer Radikalisierung. Ein Teufelskreis. Die Eliminierung von Dutzenden ranghoher Taliban mag die Extremisten zwar kurzfristig geschwächt haben. Gleichzeitig bewirkt dies eine zunehmende Zersplitterung, was die Bekämpfung nicht einfacher macht.

Obwohl die Taliban in Afghanistan und Pakistan denselben Namen tragen, sind sie nicht gleichzusetzen. Was genau sind die Unterschiede?

Die afghanischen und pakistanischen Taliban verfolgen unterschiedliche Ziele und haben demzufolge unterschiedliche Feindbilder. Der Kampf der afghanischen Taliban richtet sich in erster Linie gegen ausländische Invasoren, ist also politisch motiviert. Die pakistanischen Taliban hingegen haben sich einem religiösen Kampf verschreiben. Aber es gilt festzuhalten: Wir reden in beiden Fällen nicht von homogenen Organisationen.

Wie wird sich Pakistan in naher Zukunft entwickeln?

Das Land ist politisch zerrissen und leidet unter grassierenden wirtschaftlichen und sozialen Problemen, vor allem im Nordwesten. Eine politische Lösung ist nicht in Sicht, die pakistanische Regierung zeigt keinerlei Gesprächsbereitschaft im Konflikt mit den Taliban.

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