Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Vier Generationen wollen ins Weisse Haus: Die Suche nach dem Superstar

Erstmals debattieren die führenden demokratischen Präsidentschaftskandidaten vor laufenden Fernsehkameras. Die Erwartungen an die TV-Duelle sind hoch, obwohl das Format nicht geeignet ist, um die Wähler aufzuklären.
Renzo Ruf, Washington
Der frühere US-Vizepräsident Joe Biden, der 2020 für die Demokraten zum Präsidenten gewählt werden will, bei einem Wahlkampfauftritt. (Bild: Michelle Gustafson/Bloomberg, Philadelphia, 18. Mai 2019)

Der frühere US-Vizepräsident Joe Biden, der 2020 für die Demokraten zum Präsidenten gewählt werden will, bei einem Wahlkampfauftritt. (Bild: Michelle Gustafson/Bloomberg, Philadelphia, 18. Mai 2019)

Rund zwei Drittel der demokratischen Stammwählerinnen und -wähler sagen gemäss einer neuen Umfrage der Nachrichtenagentur AP, sie schenkten dem Wahlkampf der potenziellen Herausforderer von Präsident Donald Trump bisher keine Aufmerksamkeit. Millionen von Amerikanern haben deshalb keine Ahnung, wer sich als Präsidentschaftskandidat der Demokraten in Stellung zu bringen versucht.

Heute und morgen könnte diese Informationslücke nun zumindest teilweise gestopft werden: Erstmals debattieren nämlich die führenden demokratischen Anwärterinnen und Anwärter auf das Weisse Haus vor laufenden Kameras über die drängendsten Themen, die der amerikanischen Bevölkerung angeblich unter den Nägeln brennen.

Und weil sich die Oppositionspartei vor Möchtegern-Präsidenten kaum retten kann, musste das Los entscheiden, wer mit wem jeweils zwei Stunden lang die rhetorischen Klingen kreuzen darf. Joe Biden, Ex-Vizepräsident sagt:

«Es ist übertrieben, von einer Debatte zu sprechen.»

Die Stars des ersten Abends sind Elizabeth Warren (70), Senatorin aus Massachusetts, Beto O’Rourke (46), ehemaliger Parlamentsabgeordneter aus Texas, und Cory Booker (50), Senator aus New Jersey.

Am zweiten Abend werden der ehemalige Vizepräsident Joe Biden (76), Senator Bernie Sanders (77) aus Vermont, Pete Buttigieg, der 37-jährige Stadtpräsident der Provinzmetropole South Bend in Indiana, und Kamala Harris (54), Senatorin aus Kalifornien, auf der Bühne des Fernsehsenders NBC stehen.

Allein: Es wäre wohl falsch, die Erwartungen an die Substanz dieser ersten Fernsehdebatten allzu hoch zu schrauben. Aufgrund der grossen Kandida­tenzahl und der Besonderheiten des amerikanischen Medienzirkus – die TV-Debatten werden durch Werbespots unterbrochen – sollen die jeweiligen Anwärter nur einige wenige Minuten zu Wort kommen.

Eine echte Diskussion, oder gar ein Austausch von Ideen, ist unter solchen Umständen nicht möglich. Laut Polit-Veteran Joe Biden handelt es sich eher um eine Quizshow denn eine Debatte.

Diskussion über den Generationenwechsel

Umso wichtiger wird demnach der äusserliche Eindruck sein, den die Kandidaten vor dem Millionen-Publikum hinterlassen. Das bietet Chancen, aber auch grosse Risiken. Anzunehmen ist zum Beispiel, dass einige Parteifreunde sowohl heute als auch morgen darüber sprechen werden, dass der Zeitpunkt für einen Generationswechsel an der Spitze der Demokratischen Partei gekommen sei – eine implizite Spitze gegen Biden, Sanders und auch Warren, die allesamt der «Stillen» beziehungsweise der «Baby Boomer»-Generation angehören und in den turbulenten Sechziger- und Siebzigerjahren politisiert wurden.

Beto O’Rourke sagte vor einigen Tagen, er sei der Meinung, dass die Demokraten den Blick nach vorn richten müssten.

«Wir müssen grösser, wir müssen mutiger sein.»

Eine Wiederholung der Politik, wie sie unter Barack Obama verfolgt wurde, sei deshalb nicht ausreichend.

Trumps Wahlkampf-Auftakt erzeugt laues Echo

Es war wie in alten Zeiten, als Donald Trump kürzlich – und zum wiederholten Mal – den offiziellen Startschuss für den Wahlkampf 2020 gab: Das Sportstadion in Orlando (Florida) war bis auf den letzten Platz gefüllt und die Anhänger grölten jedes Mal, wenn Trump über die Massenmedien («Fake News») oder Ex-Kontrahentin Hillary Clinton («Lock her up!») herzog. Ganz am Schluss dröhnte der Rolling-Stones-Gassenhauer «You Can’t Always Get What You Want» aus den Boxen, der vor mehr als 50 Jahren aufgenommen wurde.

Was allerdings fehlte, waren frische politische Ideen und Vorschläge. Selbst der Slogan, mit dem Trump in die Schlacht um seine Wiederwahl ziehen will, hat bereits etwas Patina angesetzt. Er erfand den Schlachtruf «Keep America Great» (auf Deutsch: «Amerika muss grossartig bleiben») bereits im Januar 2017, einige Monate nach seinem knappen und überraschenden Wahlsieg. Der Präsident scheint zur Kenntnis genommen zu haben, dass sein Wahlkampf-Auftakt ein eher laues Echo auslöste. Deshalb spricht er seither gerne darüber, dass er der einzige Politiker Amerikas sei, der eine Sportarena mit 25000 Sitzplätzen füllen könne, und dass er «die grossartigste Basis» habe, die es je in der US-amerikanischen Politik gegeben habe.

Zutreffend daran ist, dass Donald Trump fast drei Jahre nach seiner Wahl immer noch Millionen von Anhängern hat, die für ihn durchs Feuer gehen würden. Menschen wie Gary Beck aus Panama City (Florida), der buchstäblich stundenlang darauf wartete, bis er in das Stadion in Orlando eingelassen wurde. «Amerika muss wieder auf die Beine kommen», sagte Beck einem Lokaljournalisten. Und Trump sei der einzige Politiker, dem dieser Kraftakt gelingen könne.

Auffallend an dieser Aussage ist, dass sie eigentlich im Widerspruch zum Slogan des Präsidenten steht. Und dies ist das Problem, mit dem sich Trump konfrontiert sieht. Behauptet er im Wahlkampf, dass es ihm gelungen sei, die Wirtschaft auf Vordermann gebracht zu haben, läuft er Gefahr, viele seiner Stammwähler vor den Kopf zu stossen. Denn trotz rekordtiefen Arbeitslosenzahlen gibt es Anzeichen dafür, dass sich die Konjunktur gerade in politisch umkämpften Bundesstaaten wie Michigan, Wisconsin, Iowa oder Pennsylvania abkühlt. Ein Grund dafür: Die produzierende Industrie und die Landwirtschaft leiden unter dem Handelskrieg mit China, den der Präsident ausgerufen hat.

Spricht der Präsident allerdings darüber, dass er eine zweite Amtszeit benötige, um sämtliche Wahlversprechen zu erfüllen, könnte der Vorwurf laut werden, er habe mit seinem chaotischen Regierungsstil in den ersten vier Jahren viel Zeit verschwendet und zum Beispiel die Probleme in der Einwanderungspolitik nicht gelöst. Zur Erinnerung: In den ersten zwei Jahren unter Präsident Trump stellte seine Republikanische Partei die Mehrheit in beiden Kammern des nationalen Parlaments.

Anzunehmen ist, dass der 73-jährige Trump sich deshalb darauf konzentrieren wird, einen Kontrast zu den demokratischen Präsidentschaftskandidaten zu bilden. Bereits kündigte der Präsident an, dass er sich die ersten TV-Debatten der Demokraten anschauen werde, um auf Twitter Kommentare abzusondern und neue, perfide Spitznamen zu verbreiten. Mit solchen Manövern will Trump das Interesse an seiner Person hochhalten, obwohl weite Teil der Bevölkerung diesbezüglich bereits erheblich erschöpft sind. Schuld sind die vielen Turbulenzen, die Trump mit seinen Tweets in den vergangenen Jahren erzeugt hat. (rrw)

Riskant ist diese Strategie, weil Biden an der Basis verehrt wird, spätestens seitdem er Obama als Nummer Zwei diente; Sanders und Warren ihrerseits haben äusserst engagierte Aktivisten um sich geschart. Bemerkungen über die Tatsache, dass sie in den 40er-Jahren geboren wurden, könnte also eine massive Gegenreaktion auslösen.

Ausserdem macht sich Präsident Donald Trump seit einigen Tagen einen Spass daraus, mutwillig Gerüchte über angebliche gesundheitliche Probleme Bidens – der die aktuellen Meinungsumfragen vor dem Duo Warren und Sanders anführt – in die Welt zu setzen. So sagte er diese Woche im Gespräch mit der Insider-Postille «The Hill», dass der ehemalige Vizepräsident unter mysteriösen gesundheitlichen Problemen leide. Doch dafür gibt es keine Indizien. Wer Biden dafür attackiert, dass er «zu alt» sei, muss deshalb damit rechnen, als Helfershelfer des verabscheuten Präsidenten beschuldigt zu werden.

Weil eine Debatte über das Alter und den Erfahrungsschatz der Anwärter mit zahlreichen Fettnäpfchen gespickt ist, werden sich die Kandidaten wohl primär an ideologischen Gegensätzen abreiben. Sanders bezeichnet sich als «Democratic Socialist», als demokratischen Sozialisten, und er strebt einen massiven Umbau des politischen Systems Amerikas an; Warren wiederum sagt von sich, sie sei eine Kapitalistin. Weil der Kapitalismus aber nicht mehr funktioniere wie geplant, präsentiert sie am Laufband linke Ideen zur Lösung akuter Probleme. «I have a plan for that», «dafür habe ich einen Plan», lautet ihr Leitmotto.

Biden hingegen gibt den Versöhner, der Brücken zwischen den ideologischen Polen bauen und mit dieser Botschaft auch Trump-Wähler umstimmen will. Zentristen wie Buttigieg werden versuchen, den potenziellen Wählern vor den Fernsehschirmen aufzuzeigen, warum diese Strategien im politischen Kampf gegen den Amtsinhaber kaum erfolgversprechend seien.

15 Anwärter im Schatten der Schwergewichte

Vielleicht wird es aber ein spontaner Ausbruch einer Kandidatin oder eine missglückte Antwort eines Kandidaten sein, der nach vollbrachtem Debattenmarathon am meisten zu reden geben wird. Darauf zählen die rund 15 Präsidentschaftsanwärter im Schatten von Biden und Kompanie, die in Meinungsumfragen bisher nur auf die Unterstützung von jeweils ein oder zwei Prozent der Wähler zählen konnten.

Das Potenzial zum viralen Star hat zum Beispiel Andrew Yang. Der 44-jährige Unternehmer spricht in recht düsteren Worten über die Folgen der Automatisierung der Wirtschaft; seiner Meinung nach müssten deshalb sämtliche erwachsenen Amerikaner ein bedingungsloses Grundeinkommen bekommen, und zwar in der Höhe von 1000 Dollar pro Monat. Yang spricht allerdings nicht von Grundeinkommen, sondern von einer Freiheitsdividende.

Als er diese Woche gefragt wurde, welche Ziele er sich für seine erste TV-Debatte gesteckt habe, scherzte Yang: «Für mich wäre es ein Erfolg, wenn die Amerikaner, die uns zuschauen, sich fragen: ‹Wer ist dieser asiatische Mann, der in der Nähe von Joe Biden steht?›»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.