Die Stricke lagen schon bereit

Das Kriegsende vor 70 Jahren wurde für viele Deutsche zum Trauma. Massenweise töteten sie ihre Familien und sich selbst. Der Historiker Florian Huber gesteht ihnen in seinem Buch jedoch keine Opferrolle zu.

Roland Mischke
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Berlin 1945: Die Städte in Trümmern, die Wünsche und die Hoffnungen vieler Deutscher auch. Ein manisch-depressives Volk, lautet die Diagnose von Historiker Huber. (Bild: getty/ullstein)

Berlin 1945: Die Städte in Trümmern, die Wünsche und die Hoffnungen vieler Deutscher auch. Ein manisch-depressives Volk, lautet die Diagnose von Historiker Huber. (Bild: getty/ullstein)

Warum waren die Eltern manchmal so komisch, dachten sich die Kinder. So durcheinander, abwesend, schmerzbeladen? Wer in den 50er- und 60er-Jahren in Deutschland aufwuchs, in der Nachkriegszeit, der Zeit der Traumata und Verstörungen, hat das vielfältig miterlebt. Viele Familien waren gezeichnet von den Wunden und Spuren des Zweiten Weltkriegs. Das schlug durch ins Alltagsleben, beeinträchtigte die Gemütsstimmung und bedrängte auch die Kinder und Enkel der kleinen Leute. Der Historiker Florian Huber, 1967 geboren, geht in seinem Buch «Kind, versprich mir, dass du dich erschiesst» vielen Schicksalen nach.

Es war die Schuld und die Scham der Überlebenden, die Verstrickung in die Geschichte und die Verzweiflung. Viele hatten sich am Ende des Krieges, von allen Seiten «vom Feind umzingelt», umgebracht. Sie vergifteten, erschossen, erhängten und ertränkten sich, nahmen oft ihre Kinder mit in den Tod. Hubers Résumé: «Die Deutschen hatten zwölf Jahre lang im permanenten Ausnahmezustand gelebt. Am Ende glaubten viele wirklich, dass sie nur siegen oder untergehen konnten – alles oder nichts.»

Tausend Tote in Demmin

In Demmin im Nordosten Deutschlands kam es im Mai 1945 zum Kollektivtöten. Die Wehrmacht hatte die Brücken der Flüsse gesprengt, die mit Flüchtlingen aus dem deutschen Osten gefüllte Stadt war schutzlos dem Ansturm der Roten Armee ausgeliefert. Mindestens 1000 Menschen beendeten ihr Leben, als sich die sowjetischen Panzer der Stadtgrenze näherten. Die meisten ertränkten sich in der Peene, tagelang trieben Leichen auf dem Wasser. Andere schnitten sich die Pulsadern auf, schluckten Gift, hängten sich am Fensterrahmen auf, griffen zur Waffe. Die Selbstmörder waren nur zum Teil Nazis, aber oft Mitläufer. Sie «passen in keine der gängigen Aufarbeitungskategorien», schreibt Huber.

Sie hatten Angst vor der Rache der Sieger, vor Vergewaltigung und jeder Art von Gewalt. Erstaunlich viele hatten Vorsorge getroffen, in Demmin und anderswo. Stricke lagen bereit, viele besassen Zyankali. Huber versucht, die Gefühle derer, die der kollektive Ehrverlust plagte, zu sondieren. Er hat vor allem Tagebuchnotizen studiert, hat Hannah Arendts Buch «Besuch in Deutschland» und Aufzeichnungen der französischen Journalistin Stéphane Roussel gelesen, die von den Selbstmordepidemien berichten.

Manisch-depressives Volk

Huber begreift die Tragik, dass den Deutschen der glorifizierte Hitler, der als Heilsbringer galt, verloren ging, wie tief das Volk die «Schicksalswellen des Untergangs» miterlebte und die Ordnung auf einmal zusammenbrach. Anarchie und Chaos folgten, die Selbsttötung rückte deshalb für viele zwingend «in den Rang eines letzten Auswegs vor der vollkommenen Preisgabe».

Der Historiker attestiert den Deutschen als Deutung aus den Dokumenten ein manisch-depressives Krankheitsbild, aber auch – in Anlehnung an Alexander und Margarete Mitscherlich – die «Unfähigkeit zu fühlen». Er deckt die seelische Verwüstung der «Volksgemeinschaft» auf, gesteht den Deutschen aber nicht den Opferstatus zu, den viele nach dem Krieg für sich in Anspruch nahmen, und widerspricht der Selbstlüge, man habe nichts gewusst, habe nicht zu Hitler gehalten und die Nazis eigentlich verachtet.

Vielmehr fragt sich der Historiker, wie es möglich war, dass so viele Deutsche ihre Hoffnungen bis zuletzt mit dem NS-Regime verbunden hatten? Offenkundig wurde es als Frevel empfunden, die Hitlerzeit zu überstehen. «Es ist aus, mein Kind, versprich mir, dass du dich erschiesst, wenn die Russen kommen», schrieb ein zum Volkssturm eingezogener Berliner seiner Tochter.

Florian Huber: Kind, versprich mir, dass du dich erschiesst. Der Untergang der kleinen Leute, Berlin Verlag 2015, 303 S., Fr. 30.90

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