Reportage

Die sibirischen Rächer: So wollen Nawalnys Anhänger den Traum ihres vergifteten Vorbilds erfüllen

Oppositionelle Aktivisten rufen zum demokratischen Sturm auf die russischen Parlamente bei den Regionalwahlen am Sonntag. In Nowosibirsk könnte das gelingen.

Inna Hartwich aus Nowosibirsk
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«Gift ist die Waffe der Feiglinge» steht auf dem Plakat der Aktivistin in Nowosibirsk. Sergej Bojko lässt sich nicht leicht einschüchtern. Swetlana Kawersina hat genug vom Stillstand.

«Gift ist die Waffe der Feiglinge» steht auf dem Plakat der Aktivistin in Nowosibirsk. Sergej Bojko lässt sich nicht leicht einschüchtern. Swetlana Kawersina hat genug vom Stillstand.

Bild: Kirill Kukhmar / TASS

Ohne die Eisenbahnbrücke über den Fluss Ob wäre Nowosibirsk nie zur drittgrössten Stadt Russlands geworden. Sie machte die Stadt zu einem Knotenpunkt der Transsibirischen Eisenbahn. Anders als die meisten sibirischen Städte lebt die 1,5-Millionen-Metropole bis heute nicht von Öl oder Gas. Sie lebt vom Handel – und vom Baugrund. Dutzende Baulöwen haben Nowosibirsk unter sich aufgeteilt, die meisten von ihnen sitzen auch im Lokalparlament. «Die Bau-Monopolisten steuern die Stadt», heisst es in einem Film, den der Oppositionelle Alexej Nawalny kurz vor seiner Vergiftung hier in Nowosibirsk drehte. «Uns fehlen die Grünflächen, Erholungsecken, Parks», sagen die Menschen hier.

Menschen wie Swetlana Kawersina. Seit sieben Jahren engagiert sich die Sozialarbeiterin in ihrem Quartier, hat den Erlebnisgarten an der Kirche mitgestaltet und Müllsammelaktionen organisiert. «Auch wir wollen schliesslich in einer lebenswerten Stadt leben», sagt sie. Die 50-Jährige will mitreden, will mitgestalten. «In unserem Stadtrat aber wird einfach aufs Knöpfchen gedrückt und alles abgenickt. Was die Leute tatsächlich schmerzt, das wollen die Abgeordneten nicht hören», klagt Kawersina. Deshalb kandidiert sie jetzt selber – wie viele andere auch, die genug haben von den alten Verhältnissen.

«Gift ist die Waffe der Feiglinge» steht auf dem Plakat der Aktivistin in Nowosibirsk. Sergej Bojko lässt sich nicht leicht einschüchtern. Swetlana Kawersina hat genug vom Stillstand.

«Gift ist die Waffe der Feiglinge» steht auf dem Plakat der Aktivistin in Nowosibirsk. Sergej Bojko lässt sich nicht leicht einschüchtern. Swetlana Kawersina hat genug vom Stillstand.

Bild: Inna Hartwich

Nawalnys vorerst letzte Mission

Am Sonntag finden in ganz Russland Regionalwahlen statt – auch in Nowosibirsk. Die russische Opposition will den Tag nutzen, um die Partei «Einiges Russland», die Wladimir Putin nahesteht, von der Macht zu verdrängen. Damit das gelingt, hat Alexej Nawalny vor seiner Vergiftung am 20. August mit seinen Anhängern eine Strategie entwickelt. «Kluges Wählen» heisst die Methode, die für jeden Wahlkreis berechnet, welcher oppositionelle Kandidat die beste Chance hätte, gegen die «Einiges Russland» zu gewinnen. Wenn die Wähler der «klugen» Empfehlung folgen, können sie die politischen Verhältnisse ändern. Das haben die Regionalwahlen in Moskau gezeigt.

«Gift ist die Waffe der Feiglinge» steht auf dem Plakat der Aktivistin in Nowosibirsk. Sergej Bojko lässt sich nicht leicht einschüchtern. Swetlana Kawersina hat genug vom Stillstand.

«Gift ist die Waffe der Feiglinge» steht auf dem Plakat der Aktivistin in Nowosibirsk. Sergej Bojko lässt sich nicht leicht einschüchtern. Swetlana Kawersina hat genug vom Stillstand.

Bild: Inna Hartwich

Die Verhältnisse ändern will jetzt auch die «Koalition Nowosibirsk 2020» um den Nawalny-Mann Sergej Bojko. Der 40-Jährige hat Menschen wie Swetlana Kawersina um sich geschart – Ökoaktivisten, Tierschützer, Journalisten –, mit denen er das Machtmonopol im Stadtrat brechen will. Aus den Strassen-Aktivisten sollen gewählte Politiker werden.

«In Russland steht man irgendwann immer vor der Frage: Abhauen oder in die Politik gehen?»

So sieht das Bojko. Er ist geblieben und steht im Hauptsitz der Koalition. Ein Jugendlicher kommt vorbei und will die Fahne der Koalition abholen, um mit ihr auf seinem Velo durch die Stadt zu fahren. Ein Mann will wissen, für wen er stimmen soll. Er nimmt Platz, Helferin Antonina gibt seine Adresse in den Rechner ein, schon spuckt das Programm den Namen des Kandidaten aus.

Wie das «Kluge Wählen» Nowosibirsk verändern könnte, darüber hatte der 44-jährige Nawalny auf seiner Sibirien-Reise im August mit seinen Anhängern gesprochen. «Er hat hier mit uns zusammengesessen, war so höflich. Es war angenehm zu spüren, dass auch wir ein Teil von ihm sind», sagt die 21-jährige Wirtschaftsstudentin Kristina. Das Entsetzen über den Giftanschlag auf ihr Idol war gross.

«Nawalny hat es geschafft, die Sprache der Jugend zu sprechen», erklärt die Nowosibirsker Soziologin Irina Skalaban.

«Einem gewöhnlichen russischen Beamten sind die wahren Wünsche der Menschen fremd.»

Die Beamten hätten gar nie gelernt, auf die Menschen zu hören. «Sie spielen vielmehr mit den Ängsten vor einer ungewissen Zukunft, das ist viel bequemer», sagt Skalaban.

Gemeinsam gegen Lethargie und Zerstörungswut

In Nowosibirsk sind es die Baulöwen, die den Veränderungswütigen der «Koalition Nowosibirsk 2020» Steine in den Weg legen. Sie lassen Infostände demolieren und verbieten Wahlwerbung. Doch Sergej Bojko lässt sich davon nicht stoppen: «Wir zeigen hier, dass wir zusammen festgefahrene Strukturen aufbrechen können», sagt der eloquente Lokalpolitiker.

50 Sitze hat das Parlament von Nowosibirsk, 32 davon will die Koalition gewinnen. Einfach wird das nicht. Das zeigt ein Gang durch die Stadt. Riesige Wahlplakate säumen die Wege. «Einiges Russland – die Partei der Fürsorge und des Respekts», steht auf den meisten.

Die Fürsorge und den Respekt aber nimmt der Partei hier kaum noch jemand ab. «Die Arbeit von «Einiges Russland» habe ich satt. Aber zur Wahl gehen? Man kann eh nichts ändern», sagen viele Passanten den Freiwilligen von der Koalition am Infostand vor einer Shoppingmall. Sergej Bojko und Swetlana Kawersina wissen, dass viele in Nowosibirsk so denken. Und trotzdem stehen sie jeden Tag auf der Strasse und suchen das Gespräch mit den Menschen. Für ein schöneres Nowosibirsk. Ein politisch wacheres.

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