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Die «ruhige Kraft» setzt sich durch

Mit einem abgeklärten Auftritt hat Ex-Premier Alain Juppé ein Streitgespräch der französischen Konservativen vor den Präsidentschaftswahlen für sich entschieden. Sein Rivale Nicolas Sarkozy blitzte ab.
Stefan Brändle/Paris
Ein Händedruck zwischen dem ehemaligen Premier Alain Juppé und dem ehemaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy vor der Fernsehdebatte. (Bild: Marine Bureau/AP)

Ein Händedruck zwischen dem ehemaligen Premier Alain Juppé und dem ehemaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy vor der Fernsehdebatte. (Bild: Marine Bureau/AP)

Es muss ihm wie verhext vorkommen: Je energischer sich Nicolas Sarkozy ins Zeug legt, desto mehr gerät er ins Hintertreffen. Der 61jährige Ex-Präsident wusste, dass er die Fernsehdebatte auf dem grössten französischen Sender TF1 für sich entscheiden musste, um den Umfragefavoriten Alain Juppé in den parteiinternen Primärwahlen um die Präsidentschaftskandidatur der bürgerlichen «Républicains» im November schlagen zu können.

Umso verkrampfter begann Sarkozy die Sendung zum Thema Wirtschaftspolitik. In der Sache unterschieden sich die sieben konservativen Kandidatinnen und Kandidaten kaum: Alle wollen die Steuern senken, die 35-Stunden-Woche aushebeln, das Rentenalter von 61 auf 65 Jahre erhöhen und die Zahl der Staatsbeamten reduzieren

Das Handicap des Nicolas Sarkozy

Schon da zeigte sich aber Sarkozys Handicap: Als ehemaliger Staatschef von 2007 bis 2012 vermochte er kaum glaubhaft zu machen, warum ihm in einer zweiten Amtszeit gelingen sollte, was er in der ersten nicht geschafft hatte.

In der Werbespotpause müssen ihn seine Berater angehalten haben, etwas lockerer aufzutreten. Nun zwang sich Sarkozy häufiger zu lächeln. Das wirkte nicht sehr natürlich und passte schlecht zum zweiten Thema: Terrorbekämpfung – und Sarkozys harten Forderungen, radikale Islamisten auf blossen Verdacht hin zu internieren oder das islamische Badekleid Burkini zu verbieten.

Juppé will den Weg der Hoffnung zeigen

Zum Schluss musste Sarkozy sich sogar gegen Vorwürfe verteidigen, in mehrere Finanzaffären verwickelt zu sein. «Mein Vorstrafenregister ist leer», rief er aus. «Wenn ich mir etwas vorzuwerfen hätte, glauben Sie wirklich, dass ich dann zu diesem Wahlkampf antreten würde?»

Alain Juppé lächelte dazu milde. Der 71jährige Ex-Premier war, obwohl er eine eigene Verurteilung wegen Schein-Jobs mit sich herumträgt, die Ruhe selbst. Während sein Hauptrivale im Vorfeld alle Termine abgesagt hatte, um sich auf die Sendung vorzubereiten, erklärte Juppé, er werde «Siesta halten». In der Sendung enthielt er sich dann jeder Kritik am Islam und sprach sich für gesellschaftliche «Vielfalt» und das Zusammenleben der verschiedenen Bevölkerungsgruppen aus. «Ich will Sie auf den Weg der Hoffnung zurückführen, mit einem starken, optimistischen Frankreich», führte er aus. «Wenn wir die grossen Veränderungen vereint anpacken, wird Frankreich wieder zu dem Land, in dem so gut zu leben ist.»

Widerstand per Dekret aushebeln

Fast schien es, als befolge Juppé den erfolgreichen Wahlslogan des Sozialisten François Mitterrand im Jahre 1981 «la force tranquille» oder «die ruhige Kraft». Die Gelassenheit des ehemaligen Premierministers unter Präsident Jacques Chirac ist so gross, dass die Wochenzeitung «Le Canard Enchaîné» einen seiner Berater in einer Karikatur sagen lässt: «Sie erhöhen den Abstand auf Nicolas Sarkozy, obwohl Sie gar nichts sagen. Was gedenken Sie zu tun?» Worauf Juppé trocken antwortet: «Eben nichts.»

Ebenso abgeklärt antwortete er in der Sendung auf eine Publikumsfrage, was er denn tun werde, wenn die militante Gewerkschaft CGT seine Wirtschaftsreformen mit Streiks und Blockaden hintertreiben wolle. Er würde die wichtigsten Entscheide gleich in den ersten Tagen nach seiner Wahl per Dekret – das heisst ohne Parlamentsdebatte – verabschieden, sagte der Ex-Premier; kraft seiner Legitimität als neu gewählter Präsident zähle er dabei auf die Unterstützung aller Franzosen.

Das klang ein wenig, als wäre Juppé schon im Elysée-Palast. Nach der Sendung wurde er von seinen Anhängern in seinem Hauptquartier bereits wie der Sieger gefeiert. Als sie den Refrain «on a gagné» (wir haben gewonnen) sangen, stimmte er mässigend ein: «C'est pas fait!» – es ist noch nicht so weit!

Juppé hat die Nase im Rennen um das Elysée vorn

Gestern, als die ersten Umfragen zur Sendung eintrudelten, zeigte sich allerdings, dass Juppé für 36 Prozent der 5,6 Millionen Fernsehzuschauer das Streitgespräch gewonnen hatte. Sarkozy kam auf 22 Prozent, die Ex-Minister François Fillon und Bruno Le Maire blieben bei 11 Prozent, die übrigen Bewerber sind weit abgeschlagen.

Bis zu den Primärwahlen der Republikaner Ende November sind drei weitere TV-Streitgespräche geplant. Die Sozialisten organisieren im Januar eine eigene Urwahl, wobei Präsident François Hollande seine Teilnahme noch offenlässt. In den Umfragen zur Präsidentschaftswahl von Mai 2017 führt Juppé derzeit vor Sarkozy, der Rechtsextremistin Marine Le Pen und dem linken Ex-Minister Emmanuel Macron.

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