Die Rache der Gefallenen

Mit kaum glaubwürdigen Einwänden kämpft die frühere Murdoch-Spitzenmanagerin Rebekah Brooks vor Gericht um ihre Freiheit. Gegner und einstige Freunde werden den Medien «zum Frass» vorgeworfen.

Sebastian Borger/London
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Rebekah Brooks hält auf dem Weg zum Gericht einen Kaffee in der Hand. (Bild: epa/Facundo Arrizabalaga)

Rebekah Brooks hält auf dem Weg zum Gericht einen Kaffee in der Hand. (Bild: epa/Facundo Arrizabalaga)

Unauffällige Kleidung, die flammend roten Haare zurückgekämmt, leise Stimme – die 45jährige Frau im Zeugenstand des Strafgerichtshofs Old Bailey würde in London jederzeit als effiziente Chefsekretärin durchgehen. Doch was die Geschworenen seit vergangener Woche zu hören bekommen, sind keine Weisheiten aus dem Vorzimmer der Macht. Rebekah Brooks verkörperte die Macht: Die gelernte Boulevardreporterin und langjährige Chefredaktorin der Revolverblätter «The Sun» und «News of the World» (NoW) hat über Wohl und Wehe von Verbrechensopfern, Berühmtheiten, nicht zuletzt Politikern mitentschieden.

Im freundlichen Gespräch mit ihrem eigenen Anwalt, bald auch im Kreuzverhör des Staatsanwalts kämpft die Tiefgestürzte um ihre Freiheit mit allen Mitteln: Sie umschmeichelt den Richter John Saunders und die zwölf Geschworenen, wirbt um Verständnis. Und zwischendurch wirft sie den atemlos lauschenden früheren Kollegen wohlschmeckende Leckerbissen zu, mit denen sich tags darauf schöne Schlagzeilen bestreiten lassen.

Auch Rooney unter den Abhöropfern

Die Geschichte ihrer Freundschaft mit dem ehemaligen Premier Tony Blair ist so ein Leckerbissen. Auf dem Höhepunkt der NoW-Affäre im Juli 2011, als kurzzeitig auch der Zusammenhalt von Rupert Murdochs Medienholding auf dem Spiel stand, holte sich die Boulevardkönigin Trost beim Labour-Politiker. Sie solle Schlaftabletten nehmen, um der Sache ausgeruht ins Auge sehen zu können, soll der Rat des «inoffiziellen Ratgebers» in einem einstündigen Telefonat gelautet haben, über das Brooks in einem Mail an ihren Vorgesetzten James Murdoch berichtete. Blairs Dementi fiel lahm aus. Sein Ruf bei den Labour-Parteifreunden ist ruiniert: Mit der Hilfe für Brooks verhielt sich Blair illoyal gegenüber dem derzeitigen Parteichef Edward Miliband, der damals eine umfassende Aufklärung der Abhöraffäre forderte.

Scotland Yard hatte wegen möglicher Straftaten im Hause Murdoch jahrelang nur lasch ermittelt. Erst als bekanntwurde, dass NoW-Leute das Telefon einer ermordeten 13-Jährigen abgehört hatten, brach der Damm. Der höchste Polizist des Landes musste 2011 zurücktreten. Den Ermittlungen zufolge zählten zu den mehr als 600 Abhöropfern der mittlerweile eingestellten Zeitung Angehörige des Königshauses ebenso wie der Fussballer Wayne Rooney sowie Hollywoodstar Angelina Jolie. Seit Oktober müssen sich Brooks sowie sechs Mitangeklagte in je unterschiedlicher Konstellation wegen Verletzung des Fernmeldegeheimnisses, Justizbehinderung und Beamtenbestechung vor Gericht verantworten. Alle Angeklagten, darunter auch Brooks' Ehemann Charlie, ihr Fahrer sowie der frühere Medienberater von Premierminister David Cameron beteuern ihre Unschuld.

Dass ihre Zeitung jahrelang Hunderte von Mobiltelefonen abhörte, Prominente wie normale Bürger bespitzelte – davon will Brooks nichts gewusst haben. 200 Stories hätten in einer normalen NoW-Ausgabe Platz gefunden, 200 weitere seien unter den Tisch gefallen. «Ich konnte nicht die Quelle von jedem Artikel wissen.»

Hugh Grants Prostituierte

Die englische Strafprozessordnung zwingt den sonst so meinungsstarken Medien in der Gerichtsberichterstattung strenge Neutralität auf. So müssen die Zeitungen seit Tagen drucken, was die frühere Chefredaktorin zum besten gibt, so unwahrscheinlich ihre Erklärungen auch lauten. Weil die Angeklagte das natürlich auch weiss, lenkt sie mit hübschen Enthüllungen immer wieder geschickt von der erbärmlichen Korruptheit ihres Vorgehens ab.

So ergehen sich die Blätter in genüsslicher Nacherzählung jener Episode aus dem Sommer 1995, als Schauspieler Hugh Grant in Los Angeles beim Oralsex mit einer Prostituierten erwischt wurde. Brooks berichtet dem amüsierten Saal von den sechsstelligen Kosten der Story: Grants Lustdame Divine Brown wurde ausfindig gemacht und mitsamt ihrer Familie in die Wüste von Nevada entführt, um sie vor der Konkurrenz abzuschirmen. Warum erzählt sie die Geschichte? Grant hat sich als hartnäckiger Verfolger von Boulevard-Unwahrheiten profiliert, er fungiert als Sprecher einer Betroffenen-Initiative, die besseren Schutz vor den geschilderten Exzessen fordert.

Pyjamaparties mit Browns Gattin

Brooks vergiesst Tränen und bittet um eine Verhandlungspause, als es um ihr Privatleben und ihren Kinderwunsch geht. Weil sie selbst nicht schwanger werden konnte, griff sie schliesslich auf eine Leihmutter zurück. Für ihre Opfer hat die knallharte Journalistin nicht einmal ein versöhnliches Wort, geschweige denn eine Träne übrig. Als Brooks noch unangreifbar war, sahen sich Labour-Parlamentarier, die auf die Missstände bei Murdoch hinwiesen, als verbissene Verschwörungstheoretiker verunglimpft.

Schliesslich gehörte Brooks zur Machtelite. Sie ging bei Premierminister Blair ein und aus. Mit der Gattin von dessen Nachfolger Gordon Brown feierte sie Pyjamaparties, die Familie Cameron zählte schon deshalb zu ihren Freunden, weil Charlie Brooks aus der Schulzeit im Elite-Internat Eton mit dem derzeitigen Regierungschef befreundet war. Seit der NoW-Affäre hat sich der Konservative von seinen einstigen Freunden distanziert. Die Rache der Rebekah dürfte jedoch bald folgen – in den nächsten Tagen vor Gericht.

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