Die Präsidentin greift Marina Silva frontal an

Es ist zurzeit unerträglich heiss in Manaus, der Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Amazonas. Wer kann, sucht tagsüber die Nähe einer Klimaanlage. Nicht so die Wahlhelfer, welche zu Hunderten die Plätze, Trottoirs und Kreuzungen der einstigen Kautschukmetropole belagern.

Tobias Hänni/Manaus
Merken
Drucken
Teilen

Es ist zurzeit unerträglich heiss in Manaus, der Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Amazonas. Wer kann, sucht tagsüber die Nähe einer Klimaanlage. Nicht so die Wahlhelfer, welche zu Hunderten die Plätze, Trottoirs und Kreuzungen der einstigen Kautschukmetropole belagern. Fahnen schwingend und Flugblätter verteilend werben sie in der ärgsten Mittagshitze um Stimmen oder kurven in Kleinstwagen mit grossen Boxen umher und beschallen die Strassen mit rhythmischen Wahlliedern. Kurz vor den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen nutzen die Parteien noch einmal alle Kanäle, um Unentschlossene und Wechselwähler von ihren Kandidaten zu überzeugen. Und zumindest, was die Neubesetzung des Präsidentschaftsamts betrifft, haben sie allen Grund dazu: Das Rennen um den Posten steuert auf eine Stichwahl zu, in der sich Präsidentin Dilma Rousseff von der Arbeiterpartei (PT) und Silva Marina vom sozialistischen PSB ein spannendes Duell liefern dürften.

Sechsmal mehr Werbung für Rousseff

Nach einem zwischenzeitlichen Tief in den Umfragewerten hat Amtsinhaberin Rousseff in den vergangenen Wochen wieder Boden gut gemacht und führt das Kandidatenfeld mit einem komfortablen Vorsprung an – trotz einer sportlich wie wirtschaftlich erfolglosen WM und eines Korruptionsskandals um den staatlichen Erdölkonzern Petrobras, in den auch Politiker aus ihrer Partei verwickelt sind.

Laut Prognosen der beiden grössten brasilianischen Forschungsinstitute Datafolha und Ibope von Anfang dieser Woche kommt Dilma auf 40 Prozent der Stimmen und liegt damit deutlich vor Silva mit 25 und Aécio Neves vom rechten PSDB mit 19 Prozent. Für einen Sieg in der ersten Runde reicht dies aber nicht aus, weshalb es Ende Oktober wohl zur Stichwahl kommen wird. Und für diese deutet die Umfrage von Ibope im Moment auf ein knappes Resultat hin: 42 Prozent der Wähler würden für Rousseff stimmen, 38 Prozent für Silva. Datafolha sagt für die zweite Runde 49 Prozent für Rousseff und 41 für Silva voraus.

Angesichts der verbleibenden Zeit bis zum zweiten Wahlgang und der bisherigen Berg-und-Tal-Fahrt in den Umfragewerten sind die Chancen von Herausforderin Silva nach wie vor intakt. Auch weil nach der ersten Runde der Wahlkampf ausgeglichener sein wird als bisher: Dann steht Silva die gleich lange, kostenlose Wahlwerbung im Fernsehen zu wie Rousseff. Bislang konnte die Präsidentin aufgrund der Grösse ihrer Koalition eine sechsmal längere Sendezeit in Anspruch nehmen als ihre Kontrahentin – ein erheblicher Vorteil in einem Land, in dem an jeder Ecke ein TV-Gerät steht.

Ein Ei für acht Kinder

Diesen Trumpf hat Rousseff in den vergangenen Wochen mit allen Mitteln gegen Silva ausgespielt, als diese als Nachfolgerin des tödlich verunglückten Eduardo Campos innert kurzer Zeit von einer Randfigur zur ernsthaften Kandidatin im Wahlkampf wurde. In ungewohnt giftigem Ton griff die Präsidentin ihre Konkurrentin an, unterstellte ihr unter anderem, für das Amt zu fundamentalistisch und zu unerfahren zu sein und von ihrer Partei ins Leben gerufene Sozialhilfeprogramme wie «Bolsa Familia» beerdigen zu wollen.

Silva, die wie über 20 Prozent der brasilianischen Bevölkerung zu einer evangelikalen Freikirche gehört, liess sich lange nicht zu Gegenangriffen provozieren. Stattdessen konterte sie mit Fakten, verwies auf ihre langjährige Erfahrung als Umweltministerin und darauf, dass sie als Kind armer Kautschukarbeiter im ländlichen Bundesstaat Acre Hunger am eigenen Leib erfahren habe. «Alles, was meine Mutter für acht Kinder zum Kochen hatte, war ein Ei, ein wenig Mehl und Salz», sagte Silva in einer emotionalen Wahlrede. Jemand, der so etwas erlebt habe, werde «Bolsa Familia» niemals beenden.

Doch je näher der Wahltag rückt, desto schärfer wird auch der Ton Silvas. Zuletzt warfen sich die beiden Kandidatinnen gegenseitig Charakterschwäche vor. Und der Wahlkampf dürfte in der zweiten Runde noch hitziger werden. Denn eines haben sie gemeinsam, die einstige Studentenaktivistin und politische Gefangene Rousseff und die kompromisslose Umweltschützerin Silva, die sich mit 16 das Lesen selbst beigebracht hatte. Beide sind Kämpferinnen, die nicht so schnell aufgeben.