Die Polizei hat versagt

Die Anschläge in Oslo und auf der nahen Insel Utøya vom 22. Juli 2011 hätten vereitelt werden können. Ein Bericht wirft den norwegischen Sicherheitskräften Versagen vor.

André Anwar
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In der Kritik: Norwegische Polizisten, hier im Gerichtssaal mit Attentäter Anders Behring Breivik. (Bild: epa/Heiko Junge)

In der Kritik: Norwegische Polizisten, hier im Gerichtssaal mit Attentäter Anders Behring Breivik. (Bild: epa/Heiko Junge)

STOCKHOLM. Ein von der norwegischen Regierung in Auftrag gegebener Untersuchungsbericht erhebt erstmals offiziell schwere Vorwürfe gegen den Sicherheitsapparat. Polizei und Geheimdienst hätten bei den beiden Anschlägen von Anders Behring Breivik mit 77 Toten in grossen Teilen versagt, lautet der Tenor der gestern präsentierten Zusammenfassung des Berichts.

Viele Spuren hinterlassen

Die Sicherheitskräfte werden sowohl für ihr Verhalten am Tag der Anschläge als auch für ihre Untätigkeit im Vorfeld kritisiert. «Die Behörden haben dabei versagt, die Menschen auf Utøya zu beschützen. Eine schnellere Polizeiaktion wäre völlig realistisch gewesen», heisst es. Auch der Geheimdienst habe versagt, obwohl Norwegen seine Alarmbereitschaft bereits vor dem Bombenanschlag auf das Regierungsviertel in Oslo und dem anschliessenden Massaker auf Utøya erhöht hatte. Die vielen Spuren, die der Täter hinterlassen hat, hätten es dem Geheimdienst (PST) laut Untersuchungskommission ermöglichen können, die Tat zu vereiteln. «Mit einem breiteren Arbeitsfokus wäre der PST bereits vor dem 22. Juli dem Täter auf die Spur gekommen.»

Helikopterpiloten in den Ferien

In Norwegen erregt vor allem Wut, dass Breivik auf Utøya eine Stunde lang unbehelligt morden konnte. 69 vor allem junge Menschen verloren ihr Leben, 66 weitere wurden verletzt. «Ich habe mich gewundert, warum die Polizei einfach nicht kommt. Dann rief ich an und bat um meine Verhaftung», sagte Breivik später im Polizeiverhör. Nur acht Minuten hätte es gedauert, einen Polizeihelikopter von Oslo nach Utøya zu schicken. Dass dies nicht geschah, lag daran, dass die Polizeipiloten im Juli stets geschlossen in den Ferien sind. Der Verantwortliche für den Dienstplan hatte kurz nach dem Massaker offen erklärt, dass im Sommerferien-Monat so wenig passiere, dass man lieber in den übrigen Monaten über die gesamte Pilotencrew verfüge. Im allgemeinen Chaos bat auch kein Verantwortlicher das Militär oder ein Spital um einen ihrer Helikopter.

Erste Einheit wartete ab

Die Polizei brauchte über 60 Minuten von den ersten bei der Rettungszentrale anfänglich nicht ernst genommenen Notrufen bis zur Festnahme des Täters. Eine erste mit schweren Schusswaffen und kugelsicheren Westen ausgerüstete Einheit traute sich nicht allein auf die Insel und wartete Verstärkung aus dem knapp eine Autostunde entfernten Oslo ab. Die Polizisten handelten dabei auf Befehl. Dennoch werden sie nun kritisiert, die Rettung von Menschenleben sei höher zu gewichten als Befehlsgehorsam.

Noch immer nicht genug Piloten

Die Kommission forderte gestern weitgehende Reformen bei der Polizei und den anderen Sicherheitskräften. Die Einsatzbereitschaft in solchen Krisensituationen müsse deutlich erhöht werden. Noch immer habe die Polizei nicht genug Piloten, um ständig auf einen Helikopter zurückgreifen zu können, kritisierte Knut Hareide, der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses.

Der Bericht bestätigte einen Grossteil der bisherigen Kritik an den Sicherheitskräften. Die Arbeit der Ärzte und Sanitäter wurde dagegen gelobt. Allerdings vermeidet der Bericht klare Schuldzuweisungen an Entscheidungsträger.