Die Politik und der Mörder, der ein Krieger sein wollte

Der französischen Polizei war der mutmassliche Serienmörder aus Toulouse schon lange bekannt. Trotzdem konnte der 24jährige Mechaniker vom Kleinkriminellen zum Serienmörder werden.

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Belagerungszustand in einem Wohnquartier, in dem sich der mutmassliche Mörder von Toulouse verschanzt hat. (Bild: Maxppp/Thierry Pons)

Belagerungszustand in einem Wohnquartier, in dem sich der mutmassliche Mörder von Toulouse verschanzt hat. (Bild: Maxppp/Thierry Pons)

Der französischen Polizei war der mutmassliche Serienmörder aus Toulouse schon lange bekannt. Trotzdem konnte der 24jährige Mechaniker vom Kleinkriminellen zum Serienmörder werden. Dennoch konnte Nicolas Sarkozy gestern einen Monat vor den Präsidentschaftswahlen einen wichtigen Fahndungserfolg verbuchen– auch wenn die Belagerung des Mörders in einem Wohnquartier in Toulouse (bis Redaktionsschluss) noch nicht ausgestanden war.

Sogar die regierungskritische Zeitung «Le Monde» räumte ohne Wenn und Aber ein: «Die Affäre um den Killer von Toulouse und Montauban ist ein Erfolg für den amtierenden Präsidenten.» In den Umfragen zurückliegend, kann sich Nicolas Sarkozy wieder einmal als der Problemlöser präsentieren, der Recht und Ordnung garantiert und die Nation «beschützt» – ein Wort, dass die präsidialen Kommunikationsberater seit Wochen im Munde führen. Der sozialistische Rivale François Hollande versucht verzweifelt, den Ereignissen zu folgen und staatsmännische Erklärungen abzugeben. Sie werden kaum gehört – während Sarkozy als Staatschef die aktive Rolle spielt. Er besuchte als erster die Tatorte und am Mittwoch das Viertel in Toulouse, wo sich der Serienmörder Merah verschanzt hatte.

Sarkozys Furcht vor dem Aznar-Fehler

Danach hielt der Präsident die Trauerrede für die erschossenen Soldaten. «Die Republik ist nicht gewichen, ist nicht schwach geworden», sagte er in Montauban, die Erschiessung dreier jüdischer Schulkinder, eines Rabbiners und dreier Soldaten als «terroristische Hinrichtungen» bezeichnend. «Seine Verbrechen werden nicht ungesühnt bleiben», versprach er, während der mutmassliche Täter fünfzig Kilometer weiter noch «umzingelt» war, wie Sarkozy anfügte.

Zuvor hatte der Staatschef gemessen erklärt, man dürfe «weder einem Generalverdacht noch der Rache aufsitzen». Gemeint war, die Islamisten und die grosse Mehrheit der Moslems nicht in den gleichen Topf zu werfen – und keine Todesstrafe für den Täter zu verlangen. Genau davon spricht aber die Front-National-Kandidatin Marine Le Pen. Die Rechtsextremistin warf Sarkozy gestern vor, er habe die Islamisten-Gefahr unterschätzt. Die grüne Kandidatin Eva Joly kritisierte hingegen «diskriminierende und stigmatisierende» Reden Sarkozys gegen Arbeitslose und Migranten im Wahlkampf.

Dem Präsidenten machen allerdings nicht diese verbalen Scharmützel Sorgen. Vielmehr befürchtet das Elysée, dass der Erfolg in letzter Minute durch einen politischen Fehler zunichte gemacht werden könnte – wie 2004 in Spanien, als Regierungschef José Maria Aznar die Anschläge von Madrid zuerst fälschlicherweise der baskischen ETA zuschrieb und darauf die Wahlen verlor. Die Linksopposition wird zudem genau nachprüfen, was der Geheimdienst von dem Täter im voraus gewusst hatte oder hätte wissen müssen.

Der Anwalt fällt aus allen Wolken

Auch dem Inlandgeheimdienst DCRI war Merah nämlich bekannt, wie Innenminister Claude Guéant gestern zugeben musste. Er habe jahrelang, wenn auch nur punktuell, unter Beobachtung gestanden. Anzeichen für eine Planung von Verbrechen hat es aber nicht gegeben. Den französischen Elitepolizisten, die gestern über Mobiltelefon Kontakt zu Merah hatten, erklärte dieser aber, er sei ein «Mujahid», ein «Gotteskrieger», und Mitglied des Terrornetzwerks Al Qaida.

Sein Anwalt Christian Etelin fiel aus allen Wolken: «Das hätte ich nie gedacht. Mohammed war ein sanfter, sehr höflicher Junge. Gewiss, er hatte typische Kleindelikte auf dem Kerbholz, wie sie in den Vororten französischer Städte von vielen Jugendlichen begangen werden. Aber von einer Terrorverbindung hatte ich keine Ahnung.» Nur einmal habe er von einem Garagisten gehört, sein Mechaniker Mohammed sei zwar ein «guter Arbeiter», aber nach Afghanistan verreist. Dort war Merah anscheinend in Terror-ausbildungslagern. In der südafghanischen Stadt Kandahar sass er laut Medien auch in Haft, weil man ihn mit Material zum Bombenbau erwischt hatte. Auf den Islamismus gekommen war Merah laut Bekannten nach zwei kurzen Gefängnisaufenthalten 2007 und 2009. Das passt zu regelmässigen Warnungen der Geheimdienste über die Aktivitäten von Salafisten und anderen islamistischen «Missionaren» in französischen Haftanstalten.

Etwa die Hälfte aller terrorverdächtigen Islamisten in Europa werden in Frankreich verhaftet; 2010 waren es an die 100. Direkt betroffen ist Frankreich seit ein paar Jahren durch den Al-Qaida-Ableger im Maghreb: Dessen Wüstenzellen haben schon mehrfach Franzosen verschleppt und getötet. Dennoch war ein Weissbuch der Pariser Regierung 2006 zum Schluss gekommen, dass Terrornetzwerke nicht direkt in Frankreich tätig seien; wegen der Kolonialvergangenheit, der Afghanistan-Mission und der Implikation in den Nahostkonflikt sei die Bedrohung von aussen aber stets präsent. Islamisten aller Art seien in den Vororten der französischen Grossstädte verbreitet – und streng überwacht.

Hatte Merah Komplizen?

Die Polizei verhaftete gestern fünf Familienmitglieder, darunter seine alleinerziehende Mutter – unter welchem Vorwurf ist nicht bekannt. Offen bleibt auch die Frage, wie Merah all seine Waffen, darunter eine Kalaschnikow, beschaffte und finanzierte. Waffen und Krieg hatten ihn stets fasziniert. Eine Bewerbung für die französische Armee war wegen seiner Vorstrafen abgelehnt worden, eine Kandidatur für die Fremdenlegion zog er aber selber zurück. Merah entspricht nicht dem Profil eines international gesuchten Al-Qaida-Terroristen. Laut dem ehemaligen Chef der französischen Gegenspionage, Louis Caprioli, dürfte er zwar unter Einfluss radikaler Islamisten geraten, aber allein zur Tat geschritten sein.

Stefan Brändle, Paris