«Die Oma des Wunders»

In Madrid hat Manuela Carmena von der spanischen Protestbewegung das Bürgermeisteramt übernommen. Vor den Toren des Rathauses feiern Bürger.

Ralph Schulze
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Manuela Carmena Neue Bürgermeisterin Madrids vom Bündnis Ahora Madrid (Bild: ap)

Manuela Carmena Neue Bürgermeisterin Madrids vom Bündnis Ahora Madrid (Bild: ap)

MADRID. Das politische Wunder, das viele nicht für möglich hielten, ist vollbracht: Die «Empörten», die jahrelang auf der Strasse gegen Korruption, Geldverschwendung und als ungerecht empfundene Spardiktate protestierten, regieren nun in der spanischen Hauptstadt. Und sie verjagten die konservative Partei aus dem Rathaus, die hier seit 24 Jahren das Sagen hatte.

Der Aufstieg der linksalternativen Manuela Carmena vom Bündnis Ahora Madrid zur obersten Bürgerin der Hauptstadt symbolisiert den politischen Umbruch, der im ganzen Land zu spüren ist. Denn auch in anderen Grossstädten wie Barcelona, Saragossa, Cádiz oder La Coruña stellen linke Protestplattformen, die aus der Empörtenbewegung entstanden sind, nun den Bürgermeister.

Den eigenen Lohn gut halbiert

In den spanischen Kommunalwahlen von Ende Mai waren die bisher in Spanien weithin regierenden Konservativen abgestraft worden und hatten vielerorts ihre Mehrheiten verloren – die Quittung für unzählige Korruptionsskandale, die das Vertrauen landesweit untergruben.

«Wir wollen mehr öffentliche Ehrlichkeit», rief Carmena bei ihrem Dienstantritt als Bürgermeisterin Madrids. Und viel Bescheidenheit und Bürgernähe. In ihrer ersten Amtshandlung kürzte sie ihr Bürgermeistergehalt: Statt der 100 000 Euro Jahreslohn, den ihre konservative Vorgängerin Ana Botella bezogen hatte, bekommt Carmena 45 000 Euro. Zudem verkündete sie, dass sie sich lieber mit U-Bahn und Velo statt im Dienstwagen in ihrer Stadt bewegen wolle.

Richterin, Anwältin, Politikerin

Obwohl Carmena als Galionsfigur der auf der Strasse geborenen Protestbewegung ins Rathaus einzog, gehört diese Spitzenfrau keiner Partei an und ist zudem eine ausgewiesene Expertin im Bürokratiedschungel: Sie diente dem Staat jahrzehntelang als Richterin – bis sie in den (Un-)Ruhestand ging. In jungen Jahren war sie eine engagierte Rechtsanwältin, die gegen die 1975 untergegangene rechte Franco-Diktatur und für die Demokratie kämpfte. Jetzt, im Alter von 71 Jahren, gilt Carmena zugleich als Beispiel dafür, dass Spaniens Protestbewegung, die vor allem unter dem Etikett Podemos bekannt wurde, keineswegs nur die junge Generation repräsentiert. Sondern auch durch die Empörung vieler älterer Bürger an Stärke gewinnt.

«Zeit für frischen Wind»

Carmena sei «die Oma des Wunders», schrieb die Online-Zeitung «El Publico». Und diese Oma verspricht, die in der spanischen Wirtschaftskrise explodierte Armut zu bekämpfen. Und die im Madrider Rathaus besonders verbreitete Korruption auszurotten. Zudem will sie umstrittene städtebauliche Milliardenprojekte auf den Prüfstand stellen.

In der Kommunalwahl bekam Carmena, die vor wenigen Monaten den meisten Bürgern noch völlig unbekannt war, respektable 32 Prozent der Stimmen. Sie war unter der Flagge des alternativen Bündnisses Ahora Madrid («Jetzt Madrid») angetreten, das von Podemos und anderen linken und grünen Parteien getragen wird.

Bei der Wahl zur Bürgermeisterin, für welche sie nun die absolute Mehrheit brauchte, wurde Manuela Carmena von den sozialdemokratisch orientierten Sozialisten unterstützt. Diese befanden ebenfalls, dass in der spanischen Hauptstadt die «Zeit für frischen Wind» gekommen sei.