Die nützliche Kaukasus-Spur

Nach zehn Tagen soll der Mord an dem russischen Oppositionellen Nemzow so gut wie geklärt sein. Demnach wäre der Täter ein kaukasischer Islamist.

Klaus-Helge Donath
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MOSKAU. Für russische Verhältnisse wäre es ein ungewöhnlich schneller Fahndungserfolg. Der angeklagte Tschetschene Saur Dadajew soll nicht nur den Mord ausgeführt, sondern ihn auch ohne Auftrag organisiert haben, teilte die Behörde mit.

Damit hätte sich das kaukasisch-islamistische Mordmotiv bestätigt, das schon früh als wahrscheinlichste Lösung gehandelt wurde. Um sicher zu gehen, werde aber auch die Suche nach Auftraggebern noch nicht eingestellt.

Der vermeintliche Täter Saur Dadajew soll sich über die Äusserungen Boris Nemzows zu «Charlie Hebdo» empört haben. Dieser hatte in seinem Blog geschrieben: «Wir sind Zeugen einer mittelalterlichen Inquisition (…) Wenn Christen im 21. Jahrhundert leben, so leben Moslems im Jahr 1415». Die Opposition hält diese Version des Tatmotivs für ein Ablenkungsmanöver.

Opposition bleibt skeptisch

Die staatliche Propaganda könne nun Präsident Putin als denjenigen präsentieren, «der den Befehl gegeben hat, die Killer zu finden, und hier sind sie nun», schrieb Ilja Jaschin, ein Weggefährte Nemzows. Auch der Sicherheitsexperte Andrei Soldatow von «agentura.ru» ist skeptisch: Sollten die Inhaftierten tatsächlich den Mord begangen haben, seien sie dennoch nur die «unterste Stufe im Gesamtschema», gibt er zu bedenken.

Dadajews ehemaliger Chef, der tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow, nannte den verhafteten Hauptverdächtigen nach dessen Festnahme einen «wahren russischen Patrioten». Tschetscheniens Autokrat kannte Dadajew persönlich, er hatte in dessen Leibgarde gedient. Er lobte ihn über Gebühr und in den höchsten Tönen. Als er ihn auch noch «tiefgläubig» nannte, sollte der Verdacht des religiösen Hintergrunds wohl zusätzlich noch Glaubwürdigkeit erhalten.

Ein Orden für Kadyrow

Nachdenklich stimmt aber, dass Dadajews Geständnis bisher nicht öffentlich gemacht wurde. Im Gerichtssaal soll der Angeklagte geschwiegen haben. Nur den Justizbehörden liegt demnach ein Geständnis vor. Noch sind viele Fragen offen.

Beobachter vermuten, die Führung Tschetscheniens könnte die Finger im Spiel haben. Doch was Kadyrow damit hätte erreichen wollen, bleibt Gegenstand von Spekulationen. Auf jeden Fall verlieh Präsident Putin dem treuen Tschetschenen am Montag noch einen Orden «Für Erfolge in gewissenhafter Arbeit und aktive gesellschaftliche Tätigkeit».

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