Die Not der nigerianischen Frauen

Heute vor einem Jahr sind 270 Schülerinnen im Norden Nigerias von Boko-Haram-Terroristen entführt worden. 210 von ihnen werden bis heute vermisst. Ihr Schicksal ist ein Beispiel für den systematischen Terror der Jihadisten gegen Frauen und Mädchen.

Wolfgang Drechsler
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Seit einem Jahr fordern Demonstranten «Bring Back our Girls». (Bild: epa)

Seit einem Jahr fordern Demonstranten «Bring Back our Girls». (Bild: epa)

KAPSTADT/ABUJA. Die Terroristen kamen im Schutz der Dunkelheit: Dutzende schwer bewaffneter Islamisten der Terrormiliz Boko Haram rollten in der Nacht zum 15. April 2014 in einem Konvoi aus Bussen und Lastern in den kleinen Ort Chibok im Nordosten von Nigeria. Sie fuhren direkt zum Mädcheninternat, wo die schlafenden Schülerinnen von Gewehrsalven geweckt wurden. 270 der völlig verängstigten Mädchen trieben sie in ihre Fahrzeuge, um mit ihnen zu verschwinden. Einigen der Entführten gelang während des Abtransports oder kurz danach die Flucht. Doch 219 Mädchen bleiben bis heute vermisst.

Gleichgültige Regierung

Dass der Überfall weltweit Schlagzeilen machte, lag nicht nur am brutalen Vorgehen der Terroristen, auch wenn die Geiselnahme damals die bislang grösste im Kampf der Islamisten gegen die Zentralregierung in Abuja war. Was viele Nigerianer, aber auch die Welt empörte, war vor allem die Apathie und Gleichgültigkeit, mit der die Machthaber reagierten: Mehr als drei Wochen vergingen, bis Präsident Goodluck Jonathan Stellung zu der Entführung nahm.

Zeitgleich musste der Präsident jedoch zugeben, dass weder seine Regierung noch das Militär wüssten, wo sich die Mädchen befänden und deshalb auch nichts zu ihrer Rückführung unternommen hätten. Viele Beobachter sprachen daraufhin fassungslos von einer Bankrotterklärung der Regierung.

Boko Haram in der Defensive

Bis heute ist der Fall der Mädchen ungeklärt. Die wenigen Augenzeugen, die die Mädchen in den vergangenen zwölf Monaten gesehen haben wollen, sprechen davon, dass inzwischen fast alle zwangsverheiratet seien. Doch wo sie sich aufhalten, weiss keiner.

Sicher ist nur, dass die Entführten inzwischen auseinandergerissen worden sind, sagt Abdulkadir Alkasim vom Nigeria Security Network, einer unabhängige Beobachtergruppe. Allgemein wird angenommen, dass die meisten Terroristen mit ihren «Ehefrauen» vor einer kürzlich begonnenen Offensive der Regierung gegen Boko Haram in ein unwegsames Gebirge an der Grenze zu Kamerun geflohen sind.

Amnesty-Bericht zum Horror

Pünktlich zum ersten Jahrestag der Entführung hat nun Amnesty International gestern einen 90 Seiten dicken Jahresbericht zu Nigeria veröffentlicht, der darauf verweist, dass Tausende von Frauen in Nigeria ein ganz ähnliches Schicksal wie die Mädchen von Chibok erlebt hätten. Seit Beginn der Terrorkampagne von Boko Haram im islamischen Norden vor sechs Jahren sind demnach schätzungsweise 15 000 Menschen getötet worden.

Seit Beginn des vergangenen Jahres will Amnesty dabei eine ganz neue Qualität der Gewalt erkennen: Die Angriffe seien nun besser organisiert, weit häufiger als zuvor – und entsprechend viel höher seien auch die Opferzahlen, heisst es in dem Bericht.

Unterwerfung oder Tod

Die Offensive der Islamisten gipfelte im April 2014 in der Ausrufung eines Kalifats, das sich aber seit einer vor acht Wochen eingeleiteten Gegenoffensive der nigerianischen Armee und ihrer internationalen Helfer inzwischen auf dem Rückzug befindet. Von Anfang 2014 bis März 2015 ist nach Angaben der Menschenrechtsorganisation die Ermordung von mindestens 5500 Zivilisten durch Boko Haram dokumentiert , darunter auch rund 2000 Frauen und Mädchen.

Der Bericht schildert ihr Schicksal drastisch: Ein Teil von ihnen werde für den Kampf ausgebildet. Zu Beginn dieses Jahres wurde ein erst siebenjähriges Mädchen von Boko Haram als Selbstmordattentäterin eingesetzt. Alle Mädchen werden einer monatelangen Gehirnwäsche unterzogen. Wer sich weigere, die Religion zu wechseln oder eine Ehe mit einem Jihad-Kämpfer einzugehen, werde erschossen.

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