Die Not ägyptischer Frauen

Weibliche Genitalverstümmelung gehört in Ägypten zum Alltag, immer wieder kommen dabei Mädchen ums Leben. Nun muss sich erstmals ein Arzt vor Gericht verantworten.

Markus Symank
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KAIRO. Zum ersten Mal in der Geschichte Ägyptens muss sich ein Arzt wegen weiblicher Genitalverstümmelung vor Gericht verantworten. Der angeklagte Raslan Fadl aus einem Dorf im Nildelta wird beschuldigt, durch einen verpfuschten Eingriff den Tod der 13jährigen Schülerin Sohair al-Bataa verursacht zu haben. Auch der Vater des im vergangenen Juni verstorbenen Mädchens muss sich vor Gericht verantworten.

Beide Angeklagten weisen jede Schuld am Tod der Schülerin von sich. Raslan Fadl bestreitet trotz anderslautender Zeugenaussagen, eine Genitalverstümmelung vorgenommen zu haben. Sohair al-Bataa sei wegen einer allergischen Reaktion auf ein Medikament ums Leben gekommen. Der Tod der 13-Jährigen hat im ganzen Land grosse Bestürzung hervorgerufen und den Ruf nach einem entschlossenen Kampf gegen Genitalverstümmelung verstärkt.

Über 90 Prozent betroffen

Gesetzlich ist die in Ägypten zumeist verharmlosend als «weibliche Beschneidung» bezeichnete Praxis schon seit dem Jahr 2008 verboten. Insbesondere auf dem Land aber geniesst die Genitalverstümmelung noch immer viel Rückhalt in der Bevölkerung, und die Regierung tut wenig, um der unseligen Tradition einen Riegel vorzuschieben. Einer aktuellen Studie der Unicef zufolge haben 91 Prozent aller verheirateten Frauen im Alter zwischen 15 und 49 Jahren die Verstümmelung über sich ergehen lassen müssen. Dieser Prozentsatz soll zwar rückläufig sein, doch die Aufklärungsarbeit kommt in vielen Regionen nur mühsam voran.

Viele Ägypter betrachten die Praxis, deren Wurzeln in die Pharaonenzeit zurückreichen, als elementaren Bestandteil ihrer Kultur. Nur ein Teil der riskanten Eingriffe werden von ausgebildeten Ärzten durchgeführt, immer wieder kommt es deshalb zu Todesfällen. Ägyptens wichtigste religiöse Institution, die Al-Azhar-Moschee, spricht sich gegen die Genitalverstümmelung aus. Viele konservative Prediger hingegen rufen dazu auf, an dem Vorgehen festzuhalten, um so den «sexuellen Appetit» der Frau zu reduzieren.

Gewaltwelle gegen Frauen

Seit dem Aufstand gegen das Regime des Diktators Hosni Mubarak vor dreieinhalb Jahren machen Frauenrechtlerinnen verstärkt auf das Problem aufmerksam. Lange ein Tabu, wird das Thema nun auch in Talkshows privater Fernsehkanäle aufgegriffen, ebenso wie andere Fälle von Gewalt gegen Frauen. Am vergangenen Wochenende demonstrierten in Kairo ausserdem zum wiederholten Male Hunderte Personen gegen sexuelle Gewalt. Dem Protest waren brutale Übergriffe auf Frauen während einer Feier zur Einsetzung des neuen Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi auf Kairos Tahrir-Platz vorausgegangen. Dabei soll es auch zu Gruppenvergewaltigungen gekommen sein. Ein Video, das auf dem Internet kursiert, zeigt, wie mehrere Männer sich auf eine Frau stürzen, ihr die Kleider vom Leib reissen und sie missbrauchen. Als eine seiner ersten Amtshandlungen als Präsident überhaupt besuchte Abdel Fattah al-Sisi das Opfer später im Spital und versprach, dem Kampf gegen sexuelle Gewalt oberste Priorität einzuräumen.

Patriarchalisches Weltbild

In den ägyptischen Medien wurde Sisis Krankenhausbesuch als «historischer Schritt» gefeiert. Allerdings sind auch kritische Stimmen zu hören. Nicht alle haben vergessen, dass Sisi vor drei Jahren sogenannte Jungfrauentests durchs Militär öffentlich rechtfertigte, die darauf abzielten, festgenommene Demonstrantinnen zu demütigen. Menschenrechtler warnen ausserdem, dass dem Problem langfristig nur beizukommen sei, wenn an dem zugrunde liegenden patriarchalischen Weltbild gerüttelt werde.

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