«Die Mole gehört uns!»

In Istanbul wehren sich seit Wochen Hunderte gegen ein Verbot des Alkoholausschanks in einem Restaurant an der Hafenmole. Die Protestierer gehören den verschiedensten Alters- und Berufsgruppen an. Sie sind eine Herausforderung für die islamistische Regierungspartei.

Jan Keetman/Istanbul
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Im Sommer hatten 10 von 11 Verfassungsrichtern befunden, Premier Recep Tayyip Erdogans AKP sei zu einem Zentrum für Aktivitäten gegen die laizistische Ordnung geworden. Allerdings fand sich gleichzeitig keine ausreichende Mehrheit für ein Verbot der Regierungspartei. Deshalb begnügte sich das Gericht mit einer Verwarnung und einer Geldstrafe. Ist damit der Kampf zwischen den Kulturen in der Türkei zu Ende oder hat er sich nur für einige Zeit von den Gerichten wegverlagert?

Es gibt Anzeichen dafür, dass letzteres der Fall ist. Zu spüren ist es zum Beispiel im Istanbuler Stadtteil Moda – ausgerechnet in dem lieblichen Moda, einem modernen Viertel am Ausgang des Bosporus zum Marmara-Meer.

Ein Abend, an dem man nicht zu Hause sitzen möchte; ein warmer Wind weht, Schiffe ziehen vorüber, Küsten spiegeln sich in den Wellen – in Moda hat man die Ferien vor der Haustüre. Doch unten an der Mole steht eine Spezialeinheit der Polizei in Kampfmontur.

Bestimmte Firma bevorzugt

Am Ende der Hafenmole befindet sich in einem historischen Gebäude ein Restaurant, für das die Stadtverwaltung nach einer Renovierung die Firma Beltur als Betreiber gewählt hat. Beltur hat von der AKP-Stadtverwaltung in den vergangenen Jahren immer mehr Restaurants zugeteilt bekommen. Viele glauben, die Bevorzugung von Beltur hänge damit zusammen, dass diese Firma nach islamischen Grundsätzen keinen Alkohol ausschenkt, so wie übrigens mittlerweile auch die Lokale, die der Stadtverwaltung direkt unterstehen.

Für viele Einwohner Istanbuls war das Restaurant auf der Mole früher ein Ort gewesen, wo sie sich am Abend trafen – aber nicht nur für einen Tee: «Man» konnte dort abschalten und wegtauchen.

Polizisten hinter den Kellnern

Nun versammeln sich die Stammgäste und viele andere Istanbuler seit acht Wochen jeden Freitag hier, um gegen das Alkoholverbot zu demonstrieren. An dem milden Abend unseres Besuchs drängten sich an die dreihundert Menschen auf der schmalen Mole. Wein und Bier haben sie mitgebracht. Vom andern Ende, wo das Lokal ist, blicken drei Kellner im Frack mit versteinerten Mienen auf die Menge. Hinter ihnen stehen mehrere Polizeiketten.

Die Protestierer gehören verschiedenen Altersgruppen an. Da ist eine Rentnerin, die meint, dass an dieser Stelle jeden Tag tausend Menschen protestieren sollten, sonst ändere sich nichts. Auch ein Jurist ist da, der gern von seinem Studium in Bern erzählt. Ein Student, der meint, es gehe hier nicht um den Alkohol, sondern um die Freiheit, zu leben, wie man will.

Gefühl des Zusammengehörens

Von einer Gruppe, die am Rande sitzt, springt plötzlich ein junger Mann auf und hält spontan eine Rede. Man müsse doch zugeben, meint er, dass Verbote manchmal auch etwas Gutes hätten. «Wenn es dieses Alkoholverbot nicht gäbe, dann würden wir nicht alle hier beisammen sei.»

Zwischendurch wird geplaudert und getrunken. Bis spät in die Nacht hallen die Parolen vom Steg: «Die Türkei ist laizistisch und wird laizistisch bleiben – die Mole gehört uns!»

Protest macht Mut

Moda ist das erste Viertel, in dem öffentlich gegen ein Alkoholverbot demonstriert wird. Doch der Protest zieht Kreise, erfasst andere Gruppen: So demonstrierten zum Beginn des Schuljahrs Gruppen der alewitischen Minderheit gegen den islamisch-sunnitischen Zwangsunterricht für ihre Kinder.

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