Die Migration und die alternde Gesellschaft

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Peter Grünenfelder
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Im Zeitalter alternativer Fakten sind sachkundige Einordnungen gegenwärtiger Entwicklungen gefragt. Sie sind Ausgangslage für lösungs­orientierte Debatten, gerade bei jenen Themenbereichen, die nicht nur an Stammtischen hochemotional diskutiert werden. Anschauliches Beispiel dazu ist die Migration. Darum eingangs ein paar einschlägige Fakten.

2015 zählte die UNO weltweit 244 Millionen Menschen, die als Migranten ausserhalb ihres Geburtslandes leben. Entgegen der hierzulande vielleicht verbreiteten Wahrnehmung sind es nicht die Afrikaner, welche die grösste Zahl an Migranten stellen, sondern mit 43 Prozent aller Migranten oder 144 Millionen Personen die Asiaten, gefolgt von den Europäern mit 62 Millionen, den Lateinamerikanern mit 37 Millionen und den Afrikanern mit 34 Millionen. Relativ ­geringe Migrationsbewegungen weisen nur die Nordamerikaner aus. Vier Millionen Personen leben ausserhalb ihres Geburtslandes, das macht gerade mal zwei Prozent der weltweiten Migrationsbewegungen aus. Besondere Erkenntnis: Gemäss den einschlägigen Unter­suchungen der UNO findet die Migration zum überwiegenden Teil innerhalb der angestammten Region statt. Destinationsland von 60 Prozent der asiatischen Auswanderer bleibt ein ­asiatisches Land, Zielregion von 66 Prozent der europäischen Migranten ist Europa und 52 Prozent der afrikanischen Emigranten wandern innerhalb des afrikanischen Kontinents aus. Nur lateinamerikanische Emigranten lassen sich zu 84 Prozent ausserhalb ihrer an­gestammten Region nieder.

Wer über Migration spricht, tut dies vielfach aus momentaner Befindlichkeit heraus. Die Migrationsdiskussion sollte aber immer auch in Bezug zur erwarteten Bevölkerungs­entwicklung geführt werden. Bis Ende dieses Jahrhunderts wird ein weiterer Anstieg der Weltbevölkerung erwartet. Bis 2050 wird die Weltbevölkerung von gegenwärtig 7,4 Milliarden auf rund 9,7 Milliarden Menschen anwachsen. Bis 2100 dürfte die Zahl der Weltbevölkerung 11,2 Milliarden betragen. ­Während für uns in Europa und in Asien ein Bevölkerungsrückgang prognostiziert wird, er­warten Nordamerika und Afrika eine weitere Zunahme.

Europas Bevölkerung wird bis 2050von740auf 710Mil­lionen zurückgehen. Der Be­völkerungsrückgang auf dem europäischen Kontinent ist vor allem durch die niedrige Geburtenrate begründet. Dazu kommt die demografische Entwicklung als politisch ungelöste Herausforderung, auch in unserem Land – Stichwort Altersvorsorge 2020. In der Schweiz werden bis zum Jahr 2030 670 000 zusätzliche Rentner erwartet, ein Plus von 45 Prozent. Bis 2035 werden alle Babyboomer pensioniert sein. Dazu scheiden gegen­wärtig mehr inländische Arbeitskräfte aus dem Arbeitsmarkt aus als solche nach­rücken.

Diese Diskrepanz wird in den nächsten Jahren weiter zunehmen. Während 1960 noch fast sechs Erwerbstätige einen AHV-Bezüger finanzierten, werden im Jahr 2060 nur noch knapp zwei Erwerbstätige für einen Rentner aufkommen müssen. Das reicht bei weitem nicht, um unsere Altersvorsorge nachhaltig zu finanzieren. Zugleich wird in unserem Land seit Jahren heftig über das «richtige» Ausmass der ­Zuwanderung gestritten. Die Zuwanderer selbst sind durchschnittlich jünger als die angestammte Bevölkerung und machen gegenwärtig 26 Prozent der Erwerbstätigen in der Schweiz aus.

Diese Zahlen machen ­deutlich, dass wir uns unvorein­genommen mit der Thematik befassen sollten. Dringend notwendig ist eine langfristige Strategie. Die aktuelle Migrationsdiskussion und die alternde Gesellschaft sind differenziert zu betrachten – eine von­einander unabhängig geführte Diskussion greift zu kurz.