«Die meisten wollen zurück»

Kanzlerin Angela Merkel pocht auf eine europäische Lösung der Flüchtlingskrise. Sie erhält Unterstützung von Migrationsforscher Wolfgang Kaschuba. Die Krise sei nur international zu lösen, sagt er.

Christoph Reichmuth/Berlin
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Wolfgang Kaschuba Migrationsforscher (Bild: Tom Oettle)

Wolfgang Kaschuba Migrationsforscher (Bild: Tom Oettle)

Die Frage ist brisant: Hat Angela Merkel die Flüchtlingsbewegungen nach Westeuropa mit ihrem Entscheid, in Ungarn festsitzende Flüchtlinge auch ohne Prüfung nach Deutschland einreisen zu lassen, derart verstärkt, dass die Lage nun ausser Kontrolle gerät? Wolfgang Kaschuba, Direktor des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM), sagt: «Die Fluchtbewegungen wurden durch diesen Entscheid der Kanzlerin nicht ausgelöst, höchstens kanalisiert, weil das Wanderungsziel Deutschland für die Menschen attraktiver wurde.»

Kaschuba appelliert an eine internationale Kraftanstrengung, um die Fluchtgründe der Menschen zu reduzieren. «Wenn es der internationalen Gemeinschaft gelänge, in Syrien für eine Waffenruhe oder gar für eine befriedete Lage zu sorgen, würde bis zu einem Drittel der geflüchteten Menschen sehr schnell in ihre Heimat zurückkehren. Die meisten Menschen, die in Europa sind, wollen zurück zu ihren Familien und in ihre Heimat.» Eine Flucht nach Europa sei eine harte und gravierende Entscheidung für die Menschen: «Das sind keine Wellness-Ausflüge.»

Kontrollen sind kurzsichtige Politik

Neben einer raschen Lösung für die Situation in den Bürgerkriegsgebieten sei die Geberkonferenz in London von Anfang Februar von grosser Bedeutung. Die Lebenssituation von Millionen von Menschen in den Flüchtlingslagern in Jordanien, im Libanon und in der Türkei müsse dringend und rasch verbessert werden. «Das Gros der Flüchtlinge will die eigene Heimat nicht verlassen. Wir müssen den Menschen durch Verbesserung der Rahmenbedingungen in den an die Bürgerkriegsgebiete angrenzenden Staaten ermöglichen, möglichst lange eine Option auf eine baldige Rückkehr in die Heimat zu haben. Jeder Euro, der dort investiert wird, ist hilfreich.»

Kaschuba unterstützt Merkels Politik, die auf eine internationale Lösung der Flüchtlingskrise setzt. Die Wiedereinführung von Grenzkontrollen oder die Festlegung auf Obergrenzen bezeichnet der Migrationsexperte als «sehr kurzsichtige Politik», bei der die Verantwortung an eine nächste Grenze weitergeschoben wird. Abgedichtete Grenzen sind keine Lösungen und führen höchstens zu einer Staffelung der Flüchtlingswelle durch Hindernisse. Menschen, die wirklich zu einer Flucht bereit sind, suchen sich dann einfach andere Wege.» Prognosen wie die des Konfliktforschers Gunnar Heinsohn, wonach bis ins Jahr 2050 950 Millionen Menschen aus Afrika und dem arabischen Raum entkommen wollten und möglicherweise nach Europa strebten, bezeichnet Kaschuba als «Hysterisierung». Die meisten Flüchtlinge würden regional migrieren, «die Wanderungsströme über sehr weite Entfernungen sind viel schwächer. Wir wissen aus der Forschung, dass neun von zehn Menschen zuerst in der eigenen Umgebung migrieren. Sie wandern vom Land in die Stadt oder vom Norden des Landes in den Süden.» Bei den meisten der Flüchtlinge, die in den letzten Monaten die Flucht nach Europa angetreten haben, handle es sich um Menschen, die in ihrer Heimat zu der unteren Mittelschicht zu zählen seien. «Es fliehen nicht die Ärmsten der Armen.»

Möglichst viel Geld verdienen

Dass der überwiegende Teil der nach Europa gewanderten Flüchtlinge männlich ist, bestätige laut Kaschuba das klassische Modell der Migration. Da Schleusungen sehr teuer sind, würden Familien in der Regel den jüngsten Sohn auf die Flucht schicken. Das habe mehrere Gründe: Die Familie könne das Standbein in der Heimat behalten, habe aber, falls sich die Lage in der Heimat weiter verschlechtert, in Europa nun eine Option für ein Leben in Sicherheit. Zudem spiele der Gedanke einer «familiären Transferökonomie» eine Rolle. Familien, die Kinder in Europa haben, könnten sich finanziell eher über Wasser halten.

«Viele junge Männer kommen mit dem Auftrag nach Europa, möglichst rasch Geld für die gesamte Familie zu verdienen.» Das treffe nicht zuletzt auch auf die steigende Zahl von Migranten aus den nordafrikanischen Staaten zu. Viele junge nordafrikanische Männer seien für längere Zeit in Europa unterwegs. Da es für sie kaum eine Bleibeperspektive gäbe, würden sie zur Bestreitung des Lebensunterhaltes überproportional oft kriminell. «Diese Migranten finden keinen Weg für einen Einstieg in die Gesellschaft.»

Hoffnung auf ein besseres Leben: Flüchtlingsfamilien bei der Ankunft in Berlin. (Bild: ap/Markus Schreiber)

Hoffnung auf ein besseres Leben: Flüchtlingsfamilien bei der Ankunft in Berlin. (Bild: ap/Markus Schreiber)

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