Die Mehrheit will klare Verhältnisse

Entgegen allen Umfragen hat der konservative britische Premier einen klaren Wahlerfolg erzielt. Grosser Wahlsieger sind jedoch die schottischen Nationalisten, die in ihrer Heimat beinahe alle Mandate gewonnen haben und damit die Labour-Partei verdrängten.

Sebastian Borger/London
Drucken
Teilen
Weiterhin die gleiche Adresse: Downing Street Nummer zehn. Der alte und neue britische Premier David Cameron spricht nach seiner Wiederwahl zu den Medien. (Bild: ap//Kirsty Wigglesworth)

Weiterhin die gleiche Adresse: Downing Street Nummer zehn. Der alte und neue britische Premier David Cameron spricht nach seiner Wiederwahl zu den Medien. (Bild: ap//Kirsty Wigglesworth)

Der im Amt bestätigte britische Premierminister David Cameron hat gestern nachmittag bereits mit der Bildung seiner konservativen Alleinregierung begonnen. Anscheinend soll sein engster Weggefährte, Finanzminister George Osborne, im Amt verbleiben und die Verhandlungen mit Brüssel über eine Reform der Europäischen Union leiten. Die Tories, also die Konservativen, würden «als Partei der einigen Nation, des Vereinigten Königreiches» regieren, versprach der 48-Jährige vor seinem Amtssitz in der Downing Street Nummer 10. «Gemeinsam können wir Grossbritannien noch grösser machen.»

Zuvor waren die drei Vorsitzenden der wichtigsten Konkurrenzparteien, unter ihnen auch Oppositionsführer Edward Miliband, unter dem Eindruck teils verheerender Niederlagen zurückgetreten.

Viele entschieden in letzter Minute

Die gemeinsame Prognose der grossen Fernsehsender nach Schliessung der Wahllokale führte am späten Donnerstagabend bei der Prominenz aller Parteien zu Kopfschütteln, widersprach die Prognose doch einer Vielzahl von Umfragen. Diese hatten während all der Wochen des Wahlkampfs ein Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden grossen Parteien bei Stimmenzahl und Sitzen im Unterhaus vorhergesagt. Hingegen liess die Prognose erkennen, was sich im Lauf der Wahlnacht als korrekt herausstellte: Erst in allerletzter Minute entschieden sich viele Wähler in England für die Stabilität einer konservativen Alleinregierung.

Wegen eines besonders knappen Ergebnisses wurde im Wahlkreis St Ives im äussersten Südwesten der Grafschaft Cornwall 16 Stunden nach Schliessung der Wahllokale noch immer gezählt, die Ergebnisse der anderen 649 Stimmbezirke standen gestern nachmittag aber bereits fest. Nach Angaben der BBC brachten es die Konservativen landesweit auf 36,9 Prozent (0,8 Prozent mehr als 2005), während der bisherige liberale Koalitionspartner unter Vizepremier Nick Clegg um 15,2 auf 7,8 Prozent absackte. Labour legte leicht zu, blieb mit 30,5 Prozent aber in der Stammwählerschaft stecken. Die nationalpopulistische Unabhängigkeitspartei (Ukip) verbuchte mit landesweit 12,6 Prozent ein hervorragendes Ergebnis, gewann wegen des Mehrheitswahlrechts aber nur ein einziges Mandat im Unterhaus. Weil ihr Europaabgeordneter und Parteichef Nigel Farage in seinem Wahlkreis in Kent durchgefallen war, erklärte er wie angekündigt sofort seinen Rücktritt vom Parteivorsitz – jedenfalls vorläufig. «Mir ist eine gewaltige Last von den Schultern genommen», teilte der 51-Jährige mit. Nach ausgiebigen Sommerferien will er sich womöglich zum drittenmal als Parteichef zur Verfügung stellen.

Auch Minister verloren ihr Mandat

Eine halbe Stunde nach Farage übernahm auch Nick Clegg die Verantwortung für die «brutale und schmerzhafte Nacht» seiner Liberaldemokraten. Deren Fraktion ist von 57 auf 8 Mitglieder zusammengeschmolzen, die Verluste kamen fast ausschliesslich dem bisherigen konservativen Koalitionspartner zugute. Der Wirtschafts- und der Klimaschutzminister, Vincent Cable und Edward Davey, verloren ihre Sitze in Londoner Vorstädten ebenso wie der Finanzstaatssekretär Danny Alexander in Schottland und Erziehungsstaatssekretär David Laws im traditionell liberal wählenden englischen Westen.

Labour verliert Stammlande im Norden

Schliesslich nahm auch Miliband seinen Hut. Nach der «sehr enttäuschenden Nacht für Labour» müsse unter Leitung von Vizechefin Harriet Harman eine offene Debatte über die Zukunft der Partei geführt werden. Diese ist in den früheren Stammlanden Schottland praktisch nicht mehr vertreten. Dort holten die Nationalisten 56 der 59 Mandate und erreichten rund die Hälfte der Stimmen, was 4,7 Prozent im gesamten Land entspricht. «An diesem Morgen hat der schottische Löwe gebrüllt», jubelte Spitzenkandidat Alex Salmond. Labours Schattenaussenminister und Wahlkampfmanager Douglas Alexander verlor seinen Sitz in Paisley und wünschte seiner Bezwingerin, der 20jährigen Studentin Mhairi Black, alles Gute. Auch der schottische Labour-Chef Jim Murphy wandte sich in herzlichen Worten an seine Nachfolgerin von der Schottischen Nationalpartei (SNP). Er ermahnte die Nationalisten aber auch: «Ein solcher Sieg bringt grosse Verantwortung mit sich.»

Hohe Wahlbeteiligung in Schottland

Dies gilt in noch grösserem Masse für die Zentralregierung in London. Cameron hatte im Wahlkampf gegen den Einfluss der SNP auf eine mögliche Labour-Minderheitsregierung polemisiert und damit offensichtlich besonders in umkämpften Wahlkreisen Mittelenglands Anklang gefunden.

Wie bei der letzten Wahl machten rund zwei Drittel der gut 46 Millionen Stimmberechtigten von ihrem Wahlrecht Gebrauch, in Schottland lag die Beteiligung im Durchschnitt deutlich über 70 Prozent, ein Nachhall der Politisierung durch das Unabhängigkeitsreferendum.

Mit dem klaren Sieg der Tories steht nun auch fest: Bis spätestens Ende 2017 werden die Briten über ihren Verbleib in der EU abstimmen. Jüngste Umfragen deuten darauf hin, dass sie mehrheitlich im Brüsseler Club bleiben wollen.

Aktuelle Nachrichten