Die Lügenpresse, die ihren Namen verdiente

Marcel Elsener
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Ex-Aussenminister Dick Cheney als Roboter, die junge Hillary Clinton mit adoptiertem ausserirdischem Baby: Legendäre Titelbilder der «Weekly World News». (Bild: PD)

Ex-Aussenminister Dick Cheney als Roboter, die junge Hillary Clinton mit adoptiertem ausserirdischem Baby: Legendäre Titelbilder der «Weekly World News». (Bild: PD)

Ob Hillary Clinton angeblich ein ausserirdisches Baby adoptiert hat oder ob sie mit einem ominösen Pädophilen-Ring in Verbindung gebracht wird, macht einen gewaltigen Unterschied: Das eine ist irrwitzige Satire, das andere perfider politischer Rufmord. Und so denkt man in Zeiten raffiniert gefälschter und falscher ernsthafter Nachrichten mit Wehmut an jene Zeitung zurück, die im Prä-Internet-Zeitalter mit krud erfundenen Geschichten den Schimpftitel «Lügenpresse» wirklich verdient hätte: Die «Weekly World News» verblüfften das amerikanische Publikum Woche für Woche mit unglaublichen Stories über Sichtungen von Elvis, Jesus oder Hitler, reanimierte Urtiere oder blutrünstige Pelzmäntel, und freilich über jede Menge Ausserirdischer. Der Hit war der Fledermaus-Bub Batboy, den das FBI wegen seiner überirdischen Kräfte immer wieder einfange.

«Wir hassen fake news, aber wir liebten ‹Weekly World News›», titelte unlängst «USA Today» und erinnerte an die goldenen drei Jahrzehnte des Sensationsblatts und seine mittlerweile als Vintage-Sammelstücke reproduzierten legendären Titelseiten. Im Unterschied zur aktuellen Verwirrung auf allen Kanälen konnte man damals noch wissen, was Schwachsinn war – wobei die «Weekly World News» (WWN) nicht «Bullshit» in ihre Werbung schrieben, sondern, haha: «Die einzig verlässlichen Nachrichten der Welt».

«Ufos, Monster und Dinge, die man im Dschungel fand»

1979 als Nebenprodukt des Klatschblatts «National Enquirer» gegründet, weil der Besitzer die alten Schwarzweiss-Druckpressen weiternutzen wollte, entwickelte sich der Restposten bald zur Erfolgsgeschichte – und zur «kreativsten Zeitung der Welt», wie die «Washington Post» ihre «Konkurrenz» aus Florida einmal bezeichnete. In den besten Jahren unter Chefredaktor Eddie Clontz erreichte das Blatt eine Auflage von 1,2 Millionen Exemplaren. Clontz verlangte von seinen Redaktoren, die er mit einer Wasserpistole auf Trab hielt, Artikel aus dem Themendreieck «Ufos, Monster und Dinge, die man im Dschungel fand». Zwar bemühte er sich zwecks einer gewissen Glaubwürdigkeit um die Balance zwischen erfundenen Geschichten und wahren (bizarren) Meldungen, doch sein Erfolgsrezept war die Fiktion: «Wir lassen uns eine gute Geschichte nicht durch Recherchen kaputt machen.» Weil Clontz’ Blatt an Supermarktkassen auflag, kauften es alle möglichen Leute zur Unterhaltung. Neben Studenten, die es als Satireblatt und Schatzkiste für moderne Mythen schätzten, gehörten zur loyalen Leserschaft immer auch wenig gebildete Menschen, die wirklich an Ausserirdische glaubten und Verschwörungstheorien für bare Münze nahmen.

Trump hatte die Unterstützung von Ausserirdischen

Gegen das Internet als unerschöpfliche Quelle abstruser Geschichten waren die WWN machtlos: Die Auflage sank ab Mitte der Neunziger, bis man 1999 den Wechsel zum Comedy-Blatt beschloss und 2007 aufgab. Nun ist der Titel – wie seine Untoten – selber auf dem Internet wieder auferstanden, doch das Interesse hält sich in Grenzen. Kein Wunder, wenn doch die Realität die fiktiven Geschichten des Blatts längst überholt hat, wie der Publizist Peter Carlson feststellte: Eine Schlagzeile wie «Religiöse Fanatiker greifen mit entführten Flugzeugen Manhattan an» war früher nur in den WWN denkbar. Und was sollen gedruckte Phantasiestories, wenn man beim Warten an der Kasse sein Smartphone zückt und jede Meldung in der Netzgemeinde sofort zur Groteske wird, erst recht rund um Donald Trump. Der neue Präsident ist für die Online-Ausgabe der WWN ein gefundenes Fressen: Klar, dass sie seinen Triumph gemäss ihrer Tradition sofort mit Aliens verbanden – die Guten unterstützten Trump, derweil Hillary von bösen Aliens vom Planet Gootan eine Hirnwäsche erhalten habe. «Man sieht’s in ihren Augen.» Manche US-Kommentatoren sehen Trump direkt der Welt der «Weekly World News» entsprungen. ­Deren früher Wutbürger-Kolumnist Ed Anger hätte seine helle Freude an Trump-Sprüchen wie «Ich könnte mitten auf der Fifth Avenue jemanden erschiessen und würde keine Wähler verlieren». Im Netz finden sich Fotomontagen, die Trump beim Wort nehmen. Verrückte Zeiten auch für Satiriker – und für das FBI. Das beschwerte sich einst bei WWN, sie sollen mit dem Batboy-Blödsinn aufhören. Ach, war das ein Spass, als «Schluss mit lustig!» aus Sicht der Bundespolizei noch für Witzblätter galt.

Marcel Elsener

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