Die letzte Bastion vor Tripolis

Mit Unterstützung westlicher Kampfjets und Kriegsschiffe haben die libyschen Aufständischen die Erdölgebiete am Golf von Sirte zurückerobert. Das Ziel der Opposition ist jetzt Tripolis. Auf dem Weg dorthin liegt Gadhafis Geburtsstadt Sirte.

Michael Wrase
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Libysche Aufständische nach der Befreiung der Stadt Ajdabia am Samstag. (Bild: epa/Manu Brabo)

Libysche Aufständische nach der Befreiung der Stadt Ajdabia am Samstag. (Bild: epa/Manu Brabo)

Kairo. Von ihrer militärischen Hochburg Sirte aus starteten Gadhafis Truppen vor drei Wochen ihrem Vormarsch auf Benghasi. Die libyschen Aufständischen waren gegen die von Kampfflugzeugen unterstützten schweren Panzer und Raketenwerfer meist chancenlos und mussten sich bis in die südlichen Vororte von Benghasi zurückziehen. Rettung in buchstäblich letzter Sekunde erhielten sie von französischen, amerikanischen und britischen Kampfflugzeugen, die mit gezielten Attacken auf Gadhafis Panzer und Raketenwerfer zunächst die Verteidigung von Benghasi und dann den Rebellen den erneuten Vormarsch nach Westen ermöglichten.

Rückzug nach Sirte

Gegen die geballte Feuerkraft der «Koalition der Willigen» konnten die libyschen Regierungstruppen offenbar wenig ausrichten. Nach kurzem Abwehrkampf mussten Gadhafis Loyalisten ihre Stellungen aufgeben und sich ohne ihr schweres Militärgerät wieder in ihre Hochburg Sirte zurückziehen. Die Freude über die Eroberung der Erdölgebiete ist in den befreiten Gebieten von Ostlibyen grenzenlos. Allerdings dürfen die schnellen Siege der Aufständischen nicht überbewertet werden. Sie sind sich im klaren darüber, dass ohne westliche Luftunterstützung sowie dem Eingreifen westlicher Kriegsschiffe das rasante Vorrücken bis in die Ortschaft Ben Jawad, die 525 Kilometer östlich von Tripolis liegt, nicht möglich gewesen wäre.

Aufständische besser organisiert

Allerdings seien die Verbände der Aufständischen bei ihrer Konteroffensive disziplinierter und organisierter aufgetreten als in den zurückliegenden Tagen, beobachteten arabische Kriegsberichterstatter. Zum ersten Mal hätte man «gewisse Kommandostrukturen» erkennen können, was vermutlich auf die Präsenz von Offizieren der regulären libyschen Armee zurückzuführen sei. Dass Gadhafis Leute ihre Positionen meist kampflos aufgaben und nach Informationen arabischer Fernsehsender tonnenweise Kriegsgerät zurückliessen, kommt überraschend und lässt Rückschlüsse auf die Moral in der libyschen Regierungsarmee zu. Grenzenlose Zuversicht herrscht dagegen unter den Aufständischen. Sie müssen auf dem langen Weg nach Tripolis nun Sirte erobern, die von der «Koalition der Willigen» offenbar sturmreif geschossen wird. Dennoch dürfte die Einnahme von Gadhafis Geburtsstadt alles andere als ein Spaziergang werden.

Glühende Gadhafi-Anhänger

In Sirte leben rund 300 000 Menschen. Die meisten von ihnen sind vermutlich glühende Anhänger Gadhafis und dürften ihre letzte Bastion vor Tripolis mit grossem Einsatz verteidigen. Militärische Mittel dafür sind ausreichend vorhanden. Denkbar wäre auch eine Umgehung von Sirte durch die Wüste. Die Rebellen könnten dann die Küstenstadt Misrata erreichen, die seit drei Wochen von Gadhafis Truppen belagert wird.

Fokus auf militärische Ziele

Die massive Luftunterstützung für die Rebellen wurde von der libyschen Regierung erwartungsgemäss scharf kritisiert. Diese sei durch die UNO-Resolution 1973, auf deren Grundlage der Westen seine Militäroperationen zum Schutz der libyschen Zivilbevölkerung durchführt, nicht gedeckt. Westliche Militärsprecher bestreiten dies und verweisen auf die massiven Artilleriebombardements der Gadhafi-Loyalisten in den letzten Tagen, bei denen weit über 100 Zivilisten getötet worden sind. Dennoch drängt sich der Verdacht auf, dass die westlichen Luftwaffen der Opposition den Weg nach Tripolis regelrecht freibomben wollen. Entlang der eher dünn besiedelten Küste westlich von Benghasi konnte sich die «Koalition der Willigen» auf militärische Ziele konzentrieren. Bei dem bevorstehenden Kampf um Sirte wird die Unterscheidung zwischen Soldaten und Zivilisten weitaus schwieriger sein.

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