«Die Lage ist ausser Kontrolle»

Die Volksaufstände in libyschen Städten gegen Diktator Gadhafi scheinen sich auszuweiten. Das Regime geht gemäss unterschiedlichen Quellen mit äusserster Härte gegen Demonstranten vor. Es wird von Hunderten von Toten gesprochen.

Ralph Schulze
Drucken
Teilen
Diktator Gadhafi (Archivbild: epa)

Diktator Gadhafi (Archivbild: epa)

madrid. «Es ist die Hölle», berichten Einwohner aus Benghasi, mit 700 000 Einwohnern die zweitgrösste Stadt Libyens. «Hier wird ein Massaker verübt.» Die Truppen von Diktator Gadhafi, die angeblich von schwarzafrikanischen Söldnern unterstützt werden, zielten auf alles, was sich auf den Strassen bewege. «Ein achtjähriger Knabe starb nach einem Kopfschuss», berichtete eine Ärztin. Von überall werde geschossen, auch mit Maschinenpistolen und Granaten. Hecken- und Scharfschützen seien unterwegs, aus Autos werde wild gefeuert. «Auch im Spital sind wir nicht mehr sicher.» Die Stadt sei «eine Kriegszone», hiess es gestern.

Die Augenzeugenberichte, die vor allem vom arabischen TV-Sender Al Jazira, dem arabischen Dienst des britischen Rundfunks BBC und von der libyschen Opposition verbreitet werden, zeichnen eine dramatische Lage in Benghasi, dem Epizentrum der Opposition gegen Gadhafi.

Unterschiedliche Opferzahlen

Lokalen Berichten zufolge soll es allein in der Stadt, die etwa 1000 Kilometer östlich der Hauptstadt Tripolis an der Küste liegt, Hunderte von Toten und Tausende von Verletzten gegeben haben. «Die Lage ist ausser Kontrolle», berichteten Italiener, die in Benghasi leben. Einwohner berichten von «vielen Toten», die auf den Strassen liegen würden. Sogar Trauerzüge sollen beschossen worden sein. Allein am Samstag seien «Dutzende, vielleicht Hunderte» in Benghasi getötet worden, berichtet der Anwalt Fathi Terbil. Er kämpft seit Jahren für die Aufklärung eines anderen Massakers: 1996 liess Gadhafi einen Massenprotest politischer Häftlinge im Abu-Salim-Gefängnis nahe Tripolis zusammenschiessen; darunter waren viele eingekerkerte Oppositionelle aus Benghasi. Rund 1200 von ihnen sollen getötet worden sein.

Eine Ärztin des Al-Jala-Spitals sagte, dass allein am Samstag mindestens 45 Tote und 900 Verletzte eingeliefert worden seien, die meisten mit Schussverletzungen. Auch die anderen Spitäler der Stadt seien mit Toten und Verletzten überfüllt. Die internationale Menschenrechtsgruppe «Human Rights Watch» sprach von 104 Toten bis Samstag in ganz Libyen, das sei aber eine «zurückhaltende Schätzung». Ein Mediziner sprach von etwa 200 Toten nur in Benghasi, Oppositionsquellen von bis zu 500 Toten. Unabhängige Bestätigungen gibt es nicht.

Vororte von Tripolis erreicht

Die vor einer Woche ein Benghasi ausgebrochenen Proteste gegen Gadhafi haben sich inzwischen über das ganze Land ausgebreitet. Auch aus anderen Städten werden blutige Strassenschlachten gemeldet.

Nur in der Hauptstadt Tripolis mit ihren 1,6 Millionen Einwohnern gibt es noch keine grösseren Unruhen. Lediglich aus den Vororten der Metropole am Mittelmeer werden erste Proteste und blutige Zusammenstösse mit der Polizei gemeldet. Das Fussvolk Gadhafis, das sich überwiegend aus seinen lokalen, das öffentliche Leben kontrollierenden «Revolutionskomitees» rekrutiert, bejubelt in der City von Tripolis und vor den Kameras des Staatsfernsehens täglich ihren «Revolutionsführer». Und der staatliche Propagandaapparat verkündete zugleich die Festnahme einer «ausländischen Verschwörer-Gruppe», die angeblich hinter den landesweiten Protesten steckte.

Schwierige Informationslage

Auch gestern bewirkte Gadhafis Informationsblockade, dass nur Bruchstücke des Revolutionsdramas an die Öffentlichkeit kamen. Das Regime unterbrach schon vor Tagen vielerorts Strom, Internet, Mobilfunk und Telefon, um den Krieg gegen das Volk ungestört führen zu können. Weder libysche noch ausländische Journalisten dürfen aus den Krisenregionen berichten, in denen die Massenproteste immer mehr in einen Bürgerkrieg umzuschlagen scheinen. Aus vielen Städten gibt es seit Tagen keine Nachrichten mehr. Auch wenn man hört, dass einige Orte inzwischen unter Kontrolle der Opposition sein sollen.

Unterdessen stellen sich auch Libyens Geistliche gegen Gadhafi: In den letzten Tagen weigerten sich bereits Hunderte Imame, den Volksaufstand – wie von den staatlichen Religionswächtern gefordert – zu verurteilen. Am Wochenende riefen 50 religiöse Führer «alle Moslems im Regime» und in der Armee auf, «die Brüder und Schwestern nicht zu töten».

Aktuelle Nachrichten