Die Kunst, gemeinsame Interessen zu sehen

Der Papst redet der Welt ins Klima-Gewissen. Der Pontifex tut seine Christenpflicht. Und fast möchte man glauben, seine flammenden Appelle hätten Kopf und Herz der Chefs der beiden grössten Industrienationen der Welt erreicht.

Walter Brehm
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Der Papst redet der Welt ins Klima-Gewissen. Der Pontifex tut seine Christenpflicht. Und fast möchte man glauben, seine flammenden Appelle hätten Kopf und Herz der Chefs der beiden grössten Industrienationen der Welt erreicht. Doch die Macht des Papstes ist eine moralische, gestützt allenfalls auf seine spirituelle Autorität. Die Macht des US-Präsidenten Obama und des chinesischen Staats- und Parteichefs Xi Jinping aber ist eine reale Macht, die weit über deren Regierungsämter in ihren Heimatstaaten hinausreicht.

Wenn die USA und China in der Klimapolitik eine Allianz schmieden, dann rettet dies die Welt noch nicht. Aber es ist ein starkes Signal an die UNO-Klimakonferenz – und wird es dem einen oder anderen Verbündeten der beiden Grossmächte schwieriger machen, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Zu glauben, allein hehre Sorge habe die beiden klimapolitisch zusammengeführt, wäre naiv: Es war die Erkenntnis, dass ihre politische und wirtschaftliche Macht nicht vom Klimaschutz, sondern von dessen Ausbleiben, gefährdet wird. Ist also die gemeinsame Sprache nur Eigennutz? Auch dies zu behaupten, wäre vermessen. Vielmehr demonstrieren da zwei Mächtige – die in vielen Fragen über Kreuz sind – politischen Verstand. Die Kunst der Diplomatie besteht eben darin, trotz allen Differenzen gemeinsame Interessen zu erkennen. Deshalb kann das Zusammenrücken der beiden über die Klimapolitik hinaus ein Signal sein. Dann, wenn Obama kommende Woche den russischen Präsidenten Putin trifft; dann, wenn in Syrien endlich gemeinsame Interessen erkannt werden, statt sich in geopolitischen Machtspielen zu verlieren.

walter.brehm@tagblatt.ch