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Touristin trieb 21 Stunden auf einer Luftmatratze im Mittelmeer und überlebt

Die russische Ärztin Olga Kuldo überlebte trotz Sturms 21 Stunden auf einer Luftmatratze im Mittelmeer. Eine Willensleistung, die ans Wunderbare grenzt.
Stefan Scholl, Selenograd
Für Olga Kuldo wandelte sich die Entspannung auf dem Meer in einen mehrstündigen Kampf gegen den Tod. (Bild: Imago)

Für Olga Kuldo wandelte sich die Entspannung auf dem Meer in einen mehrstündigen Kampf gegen den Tod. (Bild: Imago)

Die Sonne war wieder aufgegangen, der Sturm hatte sich gelegt, das Meer glänzte in immer neuen Farben. Aber Olga Kuldo spürte, dass ihre Kräfte schwanden. Die Unterarme waren weiss vom Rudern im Wasser, die Innenseiten der Ellbogen hatten sich am Matratzenrand blutig gerieben, die Oberarme waren geschwollen, die Muskeln schmerzten, ein Bein hatte sie sich beim Kampf gegen die Wellen ausgerenkt. «Und das Ufer wollte einfach nicht näherkommen, obwohl ich nie aufgehört hatte, zu paddeln.» Vielleicht sollte sie das Gestrampel beenden, überlegte die Frau. «Aber ich dachte nicht daran, aufzugeben, ich wollte nur die Taktik ändern, meine Kräfte jetzt schonen.»

Olga Kuldo hat 21 Stunden lang gekämpft, allein gegen das Meer nördlich von Kreta, auf einer Gummiluftmatratze, die aussah wie eine Stängelglace. Darauf geriet die 55-jährige Russin, nur mit einem Bikini bekleidet, in eine Sturmnacht, galt schon als verloren. Aber sie überlebte, dank einer Körper-, aber vor allem einer Willensleistung, die ans Wunderbare grenzt.

Singen gegen den Tod

Olga Kuldo machte mit Mann und Tochter Urlaub auf Kreta, wollte sich vor der Sauna eigentlich nur fünf Minuten im Meer abkühlen. Gegen 14.30 Uhr stieg sie mit ihrer Luftmatratze am Kieselstrand ihres Hotels bei Rethymno ins Meer, dass hier steil abfällt. Sie bemerkte schon nach Sekunden, dass sie abgetrieben wurde, fing an, mit Armen und Beinen zu paddeln, vergeblich. «Mein erstes Gefühl war Scham: Ich, eine erwachsene Frau, bin unfähig, aus eigener Kraft zurück ans Ufer zu gelangen», erzählt sie. Die Strömung zerrte sie weiter hinaus. «Ich rief um Hilfe, auf Russisch, Englisch und Deutsch.» Am Strand wimmelte es von Menschen, ihre Sinne ­waren wohl auf Entspannung runter­gefahren, viele sahen Olga, aber niemand bemerkte ihre Not. Und der einzige Lebensretter des Hotels war nicht am Strand, sondern am Pool stationiert.

Olgas Matratze sah aus wie eine ­regenbogenfarbiges Stängelglace, 130 Zentimeter lang, 72 breit, Stängel 50 Zentimeter lang. Sie legte sich quer darüber, mit Armen, Unterkörper und Beinen im Wasser. «Ich wollte die Matratze nicht überlasten, wollte auf jeden Fall verhindern, dass die Luft rausgeht. Und ich wollte paddeln, bis ich wieder ans Ufer komme.» Sie war inzwischen eine Seemeile, knapp 2 Kilometer, vom Land entfernt. Olga, Tochter eines Kuban­kosaken und einer Sibirjakin, sagt, sie sei nur eine leidliche Schwimmerin, ausser etwas Fahrradfahren treibe sie zu Hause keinen Sport. Eine schlanke Frau, ohne grosse Fettschichten, die vor der Kälte hätten schützen können.

Sie fing an, ihre Bein- und Armschläge zu zählen, sie betete, die Sonne ging unter, Himmel und Wasser spiegeln sich goldrot, dann verbreitete der Vollmond silbernes Glimmern. «Das Meer war manchmal wunderschön» sagt Olga. Über ihr kreisten Möwen, Olga fürchtete, sie könnten mit ihren Schnäbeln die Haut ihres Regenbogens attackieren, und versuchte, sie mit einem Lied von einem verwundeten Kosaken zu vertreiben: «Schwarzer Rabe, schwarzer Rabe, was kreist du über mir? Du machst heute keine Beute, du kriegst mich nicht.» Das Lied endet traurig, der sterbende Krieger ergibt sich doch dem Raben. Aber Olga sang wieder und wieder nur die erste Strophe, gegen den Raben, gegen die Möwen, gegen den Tod.

Tiefe Wellentäler

Mit der Nacht kam Sturm, Windstärke sechs, die Wellen türmten sich jetzt vier, fünf Meter hoch. «Es war schrecklich, in die Wellentäler hinunterzugucken», Olga hielt sich mit ihrem Blick an den fernen Lichtern des Ufers fest. Aber sie schöpfte selbst aus dem Sturm neue Hoffnung: «Ich dachte, diese Wellen schieben mich bestimmt zurück ans Ufer.» Sie paddelte weiter, mit einem Grossteil des Körpers im Wasser. Nach Aussage von Experten ein völlig falsches Verhalten. Je mehr Kontakt zum Wasser ein Schiffbrüchiger hat, je mehr er sich darin bewegt, um so schneller kühlt sein Körper aus. Olgas Lebenswille setzte in dieser Nacht auch diese Regel ausser Kraft. «Ich hatte das Gefühl, im Wasser ist es wärmer, kalt kamen mir nur die Wellen vor, die von oben auf mich klatschten.»

Während der Seegang sie hoch- und niederwarf, dachte sie, auch wenn sie erst um 3 Uhr nachts ins Hotel zurück­käme, würde das immer noch reichen, um am nächsten Morgen die Fähre nach Santorin zu kriegen. Olga hatte an diesem Tag Geburtstag, Mann und Tochter hatten ihr einen gemeinsamen Ausflug auf die Insel Santorin geschenkt. Olga dachte auch an ihre 85-jährige Mutter. «Wie weh würde ich ihnen allen tun, wenn ich aufhöre zu kämpfen.» Sie liess die lauernde Todesangst nicht auf ihre Matratze klettern. Sie malte sich lieber andere Ängste aus: Wie unangenehm, wenn sie an Land gekommen ist und irgendwo an der Strasse ein Auto anhalten muss, halb nackt, ohne Geld.

32 Grad Körpertemperatur

Wegen des Sturms wurden die Suchaktionen eingestellt, im Hotel der Familie schwanden alle Hoffnungen. Die Polizei sagte Olgas Tochter und ihrem Mann sehr eindeutig, es habe wohl nur noch Zweck, die Leiche zu suchen. Später hörte die Familie, dass die Strömung an ihrem Hotelstrand berüchtigt ist, Einheimische erzählten ihnen, das Meer fordere jede Saison 10 bis 20 Menschenleben. «Ein Ladenbesitzer, der Russisch sprach, sagte mir, in dieser Strömung seien auch Athleten umgekommen, die Überlebenden erzählten schaurige Dinge von unreinen Kräften.»

Am zweiten Tag schienen im ­Wasser irgendwelche Begrenzungen auf­zutau­chen, Olga bekam Angst, dass sie jetzt Halluzinationen bekommt, die Besinnung verliert, schüttete sich Wasser über den Kopf.

Im Juni schwanken die Wassertemperaturen bei Kreta zwischen 20 und 25 Grad, vermutlich hat der Sturm in der Nacht das Wasser noch um einige Grade abgekühlt. Nach einschlägigen Erfrierungstabellen sterben Menschen bei Wassertemperaturen von 10 Grad nach einer Stunde, bei 15 Grad nach 3 Stunden. Aber auch eine Nacht bei 20 Grad überlebt kaum ein Mensch. Olgas Körpertemperatur soll nach ihrer Rettung noch 32 Grad betragen haben.

«32 Grad Körpertemperatur sind lebensgefährlich», sagt Antke Reemts von der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffsbrüchiger. Sie kennt nur wenige vergleichbare Fälle mit gutem Ende: 2004 überlebte die deutsche Schiffsoffizierin Kerstin Bruns ohne Rettungsweste 21 Stunden im 21 Grad kalten Wasser des Indischen Ozeans, bei Windstärke 9 bis 10. Und erst vor wenigen Tagen wurden auf einer Sandbank vor Büsum zwei Männer gerettet, die zwölf Stunden bei 18 Grad in der Nordsee trieben, mit einer Rettungsweste und einem Rettungsring. «Das sind ungewöhnliche Fälle, sie wurden auch im Kopf, durch einen enormen Überlebenswillen der Geretteten, entschieden», sagt Reemts.

Angst kommt mit Verspätung

Olga Kuldo sagt, sie habe alle Gefühle und Gedanken, die in Panik enden könnten, bewusst verdrängt, an ihre Nächsten, an angenehme Dinge gedacht. «Und ich wollte es die ganze Zeit aus eigener Kraft schaffen, war mir auch, als die Kräfte nachliessen, sicher, dass sich gleich die Strömung dreht, dass ich es wieder an Land schaffe.» Dann sah sie ein Flugzeug, noch ein Flugzeug. «Ich dachte, das sind Privatpiloten, die einfach eine Runde drehen.» Aber wie zum Gebet faltete sie die Hände über dem Hinterkopf. Und eine Maschine kehrte zurück, drinnen sass ein slowakischer ­Pilot der EU-Grenzagentur Frontex, er lotste ein Küstenwachschiff zu Olga. «Ihre Mutter ist eine Superwoman», schrieb er später an Olgas Tochter.

Olga sagt, erst an Bord habe sie gespürt, wie sehr sie fror, wurde prompt seekrank, musste erbrechen. «Und als ich am nächsten Morgen im Krankenhaus aufwachte, spürte ich plötzlich Panik, das Gefühl, dass ich umkomme.» Todesangst mit Verspätung.

Olga arbeitet wieder als Kardiologin in ihrer Selenograder Polyklinik. Sie sei keine Superwoman, sagt sie, sie sei glücklich, dass sie lebe und wieder bei ihrer Familie sei. «Manchmal weine ich, wenn ich allein bin, beim Autofahren.» Olga Kuldo hat etwas erlebt, über das Kurzgeschichten und Kinodrehbücher gedreht wurden, von dem aber eigentlich keiner etwas weiss, weil es kaum einer überlebt hat. Die Berührung mit dem Tod, einen Tag und eine Nacht lang.

Als die griechischen Küstenwächter Olga aus dem Wasser zogen, umklammerte sie mit einer Hand den Rand ihrer treuen Luftmatratze, aber er entglitt ihr. Der Wind packte die Stängelglace aus Gummi, sie tanzte wie ein Luftballon über die Wellen davon. «Stellen Sie sich vor, was passiert wäre, wenn ich die ­Matratze vorher für einen Augenblick losgelassen hätte», sagt Olga. Aber der schwarze Rabe über dem Meer hat ihr am Ende nur 500 Gramm aufgeblasenes Gummi entreissen können, die ­Kosakentochter hat er nicht gekriegt.

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