«Die Kirche als Mutter und Hirtin»

Papst Franziskus spricht sich dezidiert für mehr Toleranz gegenüber Homosexuellen und Geschiedenen aus. Die Kirche müsse die «Herzen der Menschen erwärmen», statt sich spirituell in das Leben anderer einzumischen.

Dominik Straub
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ROM «Ich träume von einer Kirche als Mutter und als Hirtin», sagt Papst Franziskus in einem 29 Seiten langen Interview, das er mit dem Chefredaktor der italienischen Jesuiten-Zeitschrift «Civiltà Cattolica» geführt hat.

Was die Kirche heute brauche, sei «die Fähigkeit, die Wunden zu heilen und die Herzen der Menschen zu wärmen». Franziskus vergleicht die Kirche mit einem Feldlazarett nach einer Schlacht: «Man muss einen schwer Verwundeten zuerst heilen. Dann können wir von allem anderen sprechen.»

Gelassenheit und Toleranz

Die Kirche, kritisiert der Papst, habe sich mitunter «in kleine Dinge einschliessen lassen, in kleine Vorschriften». Mit den «kleinen Vorschriften» meint Bergoglio insbesondere die Sexualmoral: «Wir können uns nicht nur mit der Frage der Abtreibung befassen, mit homosexuellen Ehen, mit Verhütungsmethoden. Das geht nicht.» Die Universalkirche, die dem Papst aus Argentinien vorschwebt, ist «das Haus aller – keine kleine Kapelle, die nur ein Grüppchen ausgewählter Personen aufnehmen kann.»

Der Papst fordert mehr Gelassenheit und Toleranz: In Buenos Aires habe er Briefe von homosexuellen Personen erhalten, die «soziale Wunden» hätten, da sie sich von der Kirche immer verurteilt gefühlt hätten. «Aber das will die Kirche nicht», betont Franziskus. Die Religion habe zwar das Recht, die eigene Überzeugung im Dienst am Menschen auszudrücken, aber Gott habe den Menschen in der Schöpfung frei gemacht: «Es darf keine spirituelle Einmischung in das persönliche Leben geben.» Schon auf dem Rückflug vom Weltjugendtag in Rio de Janeiro hatte der Papst gegenüber Journalisten rhetorisch gefragt: «Wer bin ich denn, dass ich einen Homosexuellen verurteilen kann?»

Beichtstuhl kein Ort der Folter

Mehr Barmherzigkeit und Verständnis fordert Franziskus auch für Frauen, die abgetrieben haben und für wiederverheiratete Geschiedene: Ein guter Beichtvaters bewerte jeden Fall für sich und könne unterscheiden, was das Richtige für einen Menschen sei, der Gott und seine Gnade suche. «Der Beichtstuhl ist kein Folterinstrument, sondern der Ort der Barmherzigkeit.

Ich denke zum Beispiel an die Situation einer Frau, deren Ehe gescheitert ist, in der sie auch abgetrieben hat. Jetzt ist sie wieder verheiratet, ist zufrieden und hat fünf Kinder. Die Abtreibung belastet sie und sie bereut wirklich. Sie will als Christin weiter gehen. Was macht der Beichtvater?»

Gott ist im Leben eines jeden

Franziskus macht im Interview deutlich, dass er nicht daran denkt, die alten Dogmen über Bord zu werfen: «Man kennt die Ansichten der Kirche, und ich bin ein Sohn der Kirche.» Aber: Wer ständig die Bestrafung in den Vordergrund stelle und «in übertriebener Weise die Sicherheit in der Lehre suche», wer sich verbissen nach einer «verlorenen Vergangenheit» zurücksehne, der habe eine rückwärts gewandte Vision. Auf diese Weise werde der Glaube eine Ideologie unter vielen. Der Papst hat dagegen eine andere dogmatische Sicherheit: «Gott ist im Leben jeder Person. Auch wenn das Leben eines Menschen eine Katastrophe war, wenn es von Lastern zerstört ist, von Drogen oder anderen Dingen: Gott ist in seinem Leben. Man kann und muss ihn in jedem menschlichen Leben suchen.»

Die Diener der Kirche müssen laut Franziskus barmherzig sein, sich der Menschen annehmen, sie begleiten – wie der gute Samariter, der seinen Nächsten wäscht, reinigt, aufhebt. «Die wichtigste Sache ist die Botschaft des Evangeliums: «Jesus Christus hat dich gerettet.» Die organisatorischen und strukturellen Reformen seien sekundär, sie kämen danach. «Die erste Reform muss die der Einstellung sein.»

Das Volk Gottes wolle Hirten und nicht Funktionäre oder Staatskleriker. Die Kirche müsse neue Wege finden und fähig sein, aus sich heraus und auf jene zuzugehen, die nicht zu ihr kommen, die weggegangen oder die gleichgültig seien. «Es braucht Mut und Kühnheit.»

Genius der Frau unabdingbar

Der Papst tritt im Interview auch für eine stärkere Rolle der Frauen in der Kirche ein. «Die Frau ist für die Kirche unabdingbar. Maria – eine Frau – ist wichtiger als die Bischöfe», betont der Papst, der als solcher immer auch Bischof von Rom ist. Ein Bekenntnis zur Frauenordination lässt sich Franziskus freilich nicht entlocken: «Man darf Funktion und Würde der Frau nicht verwechseln.»

Auch fürchtet sich Franziskus vor einer «Männlichkeit im Rock»: Frauen hätten eine andere Struktur als der Mann. Für den Papst steht indessen fest, dass der «weibliche Genius» auch dort erforderlich sei, «wo wichtige Entscheidungen getroffen werden».