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Die Kinder im Dschungel von Calais

Ein französisches Gericht hat den Abbau des Flüchtlingslagers in Calais gebilligt. Die Räumung könnte kommende Woche beginnen. Ungelöst bleibt die Frage, wohin mit den über tausend Minderjährigen dort.
Stefan Brändle/Paris
Ein afrikanischer Flüchtling wäscht im «Dschungel» von Calais seine Habseligkeiten. (Bild: Thibault Camus/AP, 15. Oktober 2016)

Ein afrikanischer Flüchtling wäscht im «Dschungel» von Calais seine Habseligkeiten. (Bild: Thibault Camus/AP, 15. Oktober 2016)

Das Verwaltungsgericht der nordfranzösischen Stadt Lille hat gestern einen Eilantrag von elf Hilfswerken gegen die Räumung des Lagers am Ärmelkanal abgelehnt. Nicht das Vorgehen der Regierung sei unmenschlich, sondern die entwürdigende Lage der Flüchtlinge in dem wilden Dünen-Camp.

Nach Presseberichten in Paris könnte Innenminister Bernard Cazeneuve den Startschuss für die ersten Abtransporte von Flüchtlingen schon am kommenden Montag erteilen, um danach die Bagger auffahren zu lassen. 60 Busse à 50 Sitzplätze sollen die ersten Migranten und Flüchtlinge auf Aufnahmezentren in allen Departementen Frankreichs verteilen. In einzelnen Orten gibt es allerdings noch Widerstände. Die rechtsextreme Front National versucht, Bürgermeister in einem «Anti-Migranten-Verein» zu vereinen; konservative Politiker warnen vor einer Vielzahl von «Mini-Calais» im ganzen Land.

Viele werden nach Calais zurückkehren

Im «Dschungel», wie das östlich von Calais gelegene Zeltlager genannt wird, gibt es ebenfalls Widerstände: Die meisten Afghanen, Eritreer, Sudanesen und Vertreter anderer Nationen wollen weiterhin lieber nach Grossbritannien, weil sie Englisch sprechen oder dort Familie haben und leichter Arbeit zu finden hoffen. Die Hilfsorganisationen – die das Vorgehen der Regierung generell als unüberlegt kritisieren – zweifeln, ob viele Lagerbewohner wirklich in einem der 160 Aufnahmezentren bleiben werden, wo sie einen Asylantrag stellen können; die meisten könnten mit der Zeit nach Calais zurückkehren, um es erneut zu versuchen.

Bis zu 1300 unbegleitete Jugendliche

Die minderjährigen Bewohner des Lagers können nach der französischen Gesetzgebung ohnehin nicht mit Erwachsenen in Asylzentren untergebracht werden. Zuständig sind Sozial- und Waisen-Dienste in den einzelnen Departementen Frankreichs, doch sie sind zumeist schon jetzt überfordert. Das ist aber nicht das einzige Problem. In Calais herrscht Uneinigkeit, wie viele der Anwesenden überhaupt minderjährig sind. Die Betroffenen verfügen oft über keine Papiere und geben ein tieferes Alter an, um sich als Erwachsene nicht der Gefahr der Ausweisung auszusetzen.

Eine neue Zählung des Hilfswerks Terre d'asile veranschlagt die Zahl der Kinder und Jugendlichen auf 1290, bei einer Gesamtzahl von etwa 10 000 Flüchtlingen in Calais. Noch im August waren 865 «isolierte Minderjährige» – so der Behördenjargon – gezählt worden. Klar ist nur, dass sie in dem riesigen Lager-Labyrinth unter «unwürdigen, unhygienischen und gefährlichen Bedingungen» leben, wie das Kinderhilfswerk Unicef festgehalten hat.

Und dass auch sie grossmehrheitlich nach England wollen. London hat sich in einem Abkommen mit Paris bereit erklärt, elternlose Jugendliche aufzunehmen, wenn sie in England über Angehörige verfügen. Britische und französische Beamte vernehmen sie derzeit vor Ort. Verlangt wird eine Telefonnummer in England, die per Anruf auf die Existenz von Eltern, Tanten und Onkeln hin geprüft wird. Hinter einzelnen Nummern sollen sich allerdings Schlepper verbergen, die eine letzte Tranche der Bezahlung erwarten.

Appell an die «moralische Verantwortung Londons»

Vor allem will die britische Regierung nicht mehr sämtliche Minderjährige aus Calais aufnehmen. Cazeneuve reiste deshalb vor Wochenfrist persönlich nach London, um seine britische Amtskollegin Amber Rudd an die «moralische Pflicht» der Familienzusammenführung zu erinnern. Trotz des bilateralen Abkommens sind laut Pariser Darstellung seit Frühling nur 97 Kinder und Jugendliche zu ihren Familien in England gelassen worden. Am Montag reisten vierzehn weitere über den Kanal, ein weiteres Dutzend soll noch diese Woche folgen. Insgesamt will England aber nur noch 300 Minderjährige aufnehmen, wobei die Zwölfjährigen und Jüngeren Vorrang haben sollen.

Und die tausend verbleibenden? «Diesbezüglich besteht komplette Ungewissheit», sagte François Guennoc vom Hilfswerk Auberge des Migrants. Die französischen Behörden seien davon ausgegangen, dass alle Minderjährigen in England Aufnahme finden würden. Seit dem «Brexit» scheint das unmöglich.

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