«Die Killer haben keine Angst»

Beim Anschlag auf «Charlie Hebdo» waren wieder Banlieue-Terroristen am Werk. Was denkt die schweigende Mehrheit der Moslems über sie? Augenschein in der Pariser Vorstadt Gennevilliers, wo einer der Attentäter wohnte.

Stefan Brändle/Gennevilliers
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Eine französische Antiterroreinheit sucht nordöstlich von Paris nach den Attentätern. (Bild: ap/Michel Spingler)

Eine französische Antiterroreinheit sucht nordöstlich von Paris nach den Attentätern. (Bild: ap/Michel Spingler)

Wie an jedem Morgen ist der Zug der Metrolinie 13 gerammelt voll. Erst als er den Nordrand von Paris erreicht, werden Sitzplätze frei. Im Wagen bleiben vor allem verschleierte Frauen und Männer aus dem Maghreb. Gennevilliers ist nicht weit von Paris weg, aber schon tiefste Banlieue, mit Wohnsiedlungen so phantasielos, wie sie nicht einmal einem DDR-Planer in den Sinn gekommen wären; dazu ein Schuh-Discounter, gegenüber eine Tankstelle und irgendwo wohl ein McDonald's. Regenböen wehen Hamburger-Schachteln und Plastikbecher über die Rue de Louis Calmel. Am Ende eine christliche Oase: Notre-Dame des Agnettes, ein Betonbau und keine eigentliche Kirche, präsentiert hinter einem schweren Gitter noch eine Weihnachtskrippe mit Kartonfiguren und einer billigen Kinderpuppe in der Wiege.

Teamgeist im Café

Die andere Oase in dem tristen Dekor ist das Bistro mit dem Namen L'Esprit d'Equipe. Teamgeist herrscht im Innern insofern, als alle gebannt auf das Fernsehgerät starren. Dort spricht gerade Premierminister Manuel Valls, aber die Gäste fangen nur Redebrocken wie «Zusammenhalten» und «ungestraft» auf.

Eine neue Ansprache zu «Charlie Hebdo»? «Nein, der neuste Anschlag in Montrouge», klärt ein Franzose mit der Weste eines städtischen Unterhaltsagenten auf. Montrouge im Süden von Paris? «Haben Sie nicht gehört, dort wurde heute morgen eine weitere Polizistin erschossen», erklärt der Mann. «Es ist wie im Krieg.» Im Café Teamgeist herrscht noch Frieden. Der Kumpel des Franzosen, ein dunkelhäutiger Mann mit Bart und gleich roter Weste, ereifert sich immerhin: «Wenn man ständig von den Islamisten redet, muss ja einmal so etwas Tragisches passieren.» Der Wortführer unterbricht ihn: «Hast du gesehen, wie eiskalt und gelassen die gestern den Polizisten umgelegt haben? Als wären sie in einem Videospiel.»

Der Bartträger will aber auf etwas anderes hinaus: «Aber mit Islam hat das nichts zu tun. Der Islam verbietet es zu töten, Gläubige wie Ungläubige. Soll man bald alle Moslems verhaften, nur weil sie so etwas tragen?», fragt er, sich an seinem dürren Bart zupfend.

Draussen zerrt der Wind an einem Werbeplakat für eine TV-Anstalt, die auch in Arabisch sendet. Im Windschatten wartet eine junge Nordafrikanerin auf den Bus ins nahe gelegene Geschäftsquartier. Sie blickt kaum auf, als ein Polizeiwagen mit lauter Sirene vorbeirast. Ob er in Richtung der – am Vortag durchsuchten – Wohnung des einen Attentäters unterwegs ist, weiss sie nicht. Oder sie will es nicht wissen: «Die sind doch längst über alle Berge», sinniert eine ältere Dame afrikanischer Herkunft auf der Bank des Bushäuschens. Gefragt, ob sie die Terroristen vom Vortag meine, antwortet sie nur mit einem misstrauischen Blick. Zum Glück kommen nun die Strassenkehrer vorbei. Der Bartträger beendet gerade ein Handygespräch und ist in Sprechlaune. Er erzählt von einem jungen Nachbarn, der sich letztes Jahr plötzlich einen Bart wachsen liess. «Das halbe Viertel hat sich gefragt, was diesen plötzlichen Wandel bewirkte. Über die Feiertage zeigte er sich aber plötzlich wieder in normalen Hosen und frisch rasiert», erzählt der städtische Angestellte.

Moslems leiden am stärksten

Aber manchmal hätten die Islamisten auch Erfolg, klagt er. Dann verschwinde ein Jugendlicher mit einem Mal. «Jetzt sind sie wegen der Polizei auch verschwunden», ergänzt er. «Dort steht sonst einer Wache für die Drogenhändler in den Wohnungen.» Aus der gegenüberliegenden Siedlung seien schon einige Jungs auf die schiefe Bahn geraten; im Gefängnis gerieten sie mit Salafisten in Kontakt, wie wohl auch die Kouachi-Brüder. Die habe hier niemand gekannt, meint er. «Aber wir kennen diese Art von Verbrechern im allgemeinen, die schrecken vor nichts zurück. Wir leiden am meisten unter ihnen. Ob sie in den Jihad ziehen oder zu Killern werden, die haben keine Angst zu sterben. Das hat nichts mit Religion zu tun, das ist nur gewalttätig.»

Aber, so fügt der Mann an, auch die Mohammed-Zeichnungen seien nicht frei von Gewalt: «Das verletzt unser Gefühl sehr. Auch wenn es den schrecklichen Anschlag auf <Charlie Hebdo> natürlich keinesfalls rechtfertigt.»

Bild: Federli Patrick

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